Christliche Themen für jede Altersgruppe

Wer weiß, was T4 bedeutet? - Unterrichtsmaterial in einfacher Sprache

In der Diakonie Stetten beschäftigen sich Behinderte mit dem Nationalsozialismus und haben gemeinsam mit Studentinnen Unterrichtsmaterial in einfacher Sprache erarbeitet. Die Unterlagen sind auch in der Erwachsenenbildung und in der Sonderpädagogik gefragt.

Christina Scheider (Foto links), bei der Arbeit mit einem Mitarbeiter der Remstal- Werkstätten. Entstanden sind dabei Plakate und Texte. Foto: Diakonie Stetten, Dorothee FauthChristina Scheider (Foto links), bei der Arbeit mit einem Mitarbeiter der Remstal- Werkstätten. Entstanden sind dabei Plakate und Texte. Foto: Diakonie Stetten, Dorothee Fauth

 

Alles fing damit an, dass Achim Berroth mit seinen Eltern 2015 nach Polen fuhr, um Freunde zu besuchen – und das Konzentrationslager Auschwitz. Wenn er sagt, dass es „ein seltsames, beklemmendes Gefühl ist, wenn man vor dem Tor steht“, bekommt dieser Satz ein besonderes Gewicht. Denn der geschichtsinteressierte und redegewandte junge Mann lebt und arbeitet in der Diakonie Stetten, die Menschen mit Behinderung durchs Leben begleitet. Menschen, die während der Naziherrschaft vergast wurden.

„Achim hat so plastisch von diesem Besuch erzählt“, erinnert sich Christa Rommel, Referentin für Bildung und Qualifizierung in den Remstalwerkstätten. Er hatte selbst angeregt, einen Vortrag darüber zu halten im Rahmen der Erwachsenenfortbildungen für Bewohner und Mitarbeiter. „Mir war dann schnell klar: Wir können nicht über Auschwitz reden, ohne über Grafeneck zu reden“, sagt Christa Rommel.

Auf Schloss Grafeneck bei Gomadingen verübten die Nationalsozialisten eines ihrer schlimmsten Verbrechen. In dem Heim auf der Schwäbischen Alb töteten sie 1940 systematisch fast 11 000 Menschen mit Behinderung. „Ich habe erst später erfahren, dass dort auch 330 Menschen aus Stetten vergast wurden, die Hälfte der Bewohner“, sagt Achim Berroth. „Das Thema war im Geschichtsunterricht völlig ausgeblendet worden.“ Der Grund: viele Fragezeichen. Wie soll dieses sensible Thema vermittelt werden? Kann man es überhaupt so herunterbrechen, dass es für Menschen mit Behinderung zu verstehen ist? Weckt es zu viele Ängste? Können sie es verkraften?

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Ja, können sie. Als 2016 die erste Gruppe zur Gedenkstätte Grafeneck fuhr, gab es mehr Interessierte als Plätze. „Die Historikerin, die in einfacher Sprache durch die Ausstellung führte, war total begeistert“, erzählt Christa Rommel. Während Gymnasiasten das Ganze oft eher teilnahmslos über sich ergehen lassen, entwickelte sich hier ein Dialog und eine lebhafte Diskussion. „So eine gut vorbereitete Gruppe hatte sie noch nie.“

Kann das wieder passieren?

Der Besuch in Grafeneck war der Anstoß zu einem Projekt in Stetten, dessen Dynamik bis heute anhält. Die Hälfte der Gruppe wollte an dem Thema weiterarbeiten. Eine Power-Point-Präsentation und ein sprechendes Buch über Grafeneck entstanden, damit auch andere Menschen mit Behinderung von der Geschichte der Euthanasie-Verbrechen erfahren. Die Themen orientierten sich an den Wünschen der Beteiligten, die die einfachen, kurzen Texte auch selbst eingesprochen haben. Ein Teilnehmer beispielsweise wollte mehr über den Friedhof in Grafeneck und mögliche Ausgrabungen bei der abgerissenen Gaskammer wissen. Dabei stand auch immer die Frage im Raum: Kann das heute wieder passieren?

Über einen Zeitungsbericht wurden Simone Österle und Christina Scheider, damals Studentinnen der Sonderpädagogik an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg, auf das Projekt aufmerksam. „Zuerst hielten wir ein Kurzreferat darüber“, erzählt Simone Österle, „daraus wurde eine Hausarbeit und schließlich unsere wissenschaftliche Zulassungsarbeit über die historische Bildung von Menschen mit Behinderung.“ Die beiden hatten festgestellt, dass es zum Nationalsozialismus so gut wie kein Unterrichtsmaterial gibt.

Iris Linge, Achim Berroth und Simone Österle haben das Thema für die Schule aufbereitet. Foto: Dorothee FauthIris Linge, Achim Berroth und Simone Österle haben das Thema für die Schule aufbereitet. Foto: Dorothee Fauth

Mit ins Boot nahmen sie drei Schüler sowie zwei Beschäftigte aus den Werkstätten, die bei der Erarbeitung des Stoffs mitwirken sollten nach dem Motto: Behinderte forschen, Studentinnen assistieren. „Dazu haben wir uns zehn Mal getroffen – und viel diskutiert. Das ist manchmal sehr emotional, berührend ehrlich und auch bedrückend gewesen“, berichtet Simone Österle in der lockeren Gesprächsrunde mit Achim Berroth, Christa Rommel und Iris Linge, die am Unterrichtsmaterial mitgearbeitet hat und jetzt strahlende Augen bekommt, als sie sich daran zurückerinnert. „Das hat so viel Spaß gemacht“, sagt sie.

Im Mittelpunkt stand auch hier die Perspektive der Behinderten, das, was sie über die Zeit des Nationalsozialismus wissen wollten und was ihnen helfen würde, eine verständliche Einsicht in die Geschichte zu bekommen. Plakate wurden geklebt, ein Zeitstrahl erstellt, Texte verfasst, die sie mit Fotos, Symbolen und einfachen Grafiken unterlegten. Dabei stellte sich auch heraus, dass die Vereinfachung der Sprache und der Zusammenhänge bei einem so komplexen Thema alles andere als einfach ist. Mehrere kurze Filme sind entstanden – von den Teilnehmern gesprochen – über Täter und Opfer, Hitler und die Nazis, über die Aktion T4, Grafeneck und die grauen Busse, mit denen die Menschen aus Stetten damals abgeholt wurden.

„T4 heißt Tiergartenstraße vier. Die Tiergartenstraße ist in Berlin. In der Tiergartenstraße vier wurde entschieden, welche Menschen leben dürfen und wer sterben muss ...“, beginnt einer dieser Filme, die alle unter einer Minute dauern. „Fragen Sie mal, wer von uns weiß, was T4 war“, sagt Christa Rommel. Und: „Ich bin immer wieder beeindruckt, wie fit viele Menschen mit Behinderung sind, wie viel sie wissen.“ Lehrerinnen und Lehrer der Sonderpädagogik können nun auf dieses Material für den Geschichtsunterricht zugreifen. Aber auch Christa Rommel ist froh, diese „fantastischen Filme“ für ihre Erwachsenenbildung nutzen zu können.

Besser als jeder Unterricht in Geschichte

Grafeneck, lange vernachlässigt, taucht seither im jährlichen Fortbildungsprogramm auf, Besuch der Gedenkstätte inklusive. Inzwischen kommen die Kurzfilme sogar bei Führungen zum Einsatz, wenn Landfrauen, Konfirmanden oder angehende Heilerzieher die Diakonie Stetten besuchen. „Die sind besser als Geschichtsunterricht“, sollen Letztere gesagt haben.

Weil Iris Linge keine Scheu hat, vor Gruppen zu sprechen, ist geplant, dass sie – sobald Corona es zulässt – Führungen übernimmt am Stein des Gedenkens in Stetten. Dort sind die Namen derer eingraviert, die in grauen Bussen nach Grafeneck transportiert wurden. Iris Linge wird einen Stein auf der Gedenkstelle ablegen und sagen: „Ich habe Steine mitgebracht. Sie sind kalt und hart und scharf. Wie die Nazizeit. Sie können sich einen Stein nehmen und sich Ihre eigenen Gedanken machen: Was ist Ihnen wichtig.“ □

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