Christliche Themen für jede Altersgruppe

Werte mit Musik vermitteln

In der Frühzeit der Posaunenchorbewegung hat es eine Weile gedauert, bis auch Württemberg erfasst wurde. Doch seitdem sind die Blechbläser aus der Landeskirche nicht mehr wegzu-denken. Ein Blick auf Vergangenheit, Gegenwart und mögliche Zukunft der Posaunenchor-arbeit im Land.

Der „Lapo“ in Ulm, hier im Jahr 2016, zieht jedes Jahr tausende Blechbläser an die Donau.
© Foto: Martina Dach

Und noch ein Jubiläum! In welcher Region dieses Mal? Zeitweise fast täglich erreichten die Redaktion des Gemeindeblatts in diesem Jahr E-Mails oder Anrufe, in denen es um die Feier des 50-, 100- oder sogar 125-jährigen Bestehens eines Posaunenchors ging. Das führte uns nicht nur vor Augen, wie viele Posaunenchöre es in der Landeskirche gibt – sondern auch, dass es offenbar mehrere Gründungs-wellen gab. Aber warum ausgerechnet zu diesen Zeiten?

Fragen zur Posaunenchor-Geschichte sind am besten bei Wolfgang Schnabel aufgehoben. Der Geschäftsführer der Landesstelle für Evangelische Erwachsenen- und Familienbildung hat seine Doktorarbeit über die Posaunenchorbewegung verfasst. Das erste Ensemble, das laut ihm als Posaunenchor bezeichnet werden kann, entstand um 1840 im westfälischen Jöllenbeck. Von dort breitete sich die Posaunenchorbewegung erst über Westfalen, dann rund um Hannover aus. Der erste Posaunenchor in Hessen entstand 1854 in Klein-Linden, der erste in Bayern 1868 in Neuendettelsau.

 

Diesen Artikel jetzt im EVG-ePaper lesen

Angetrieben vom „Posaunengeneral“ Johannes Kuhlo, der Standards in der Frage der Notation und der Instrumentierung durchsetzte, erfasste die ursprünglich nord- und westdeutsche Posaunenchor-bewegung Süddeutschland etwa ab 1880. Der älteste Posaunenchor Württembergs ist der Chor aus Reutlingen, 1882 gegründet, inzwischen also stolze 137 Jahre alt.

Diese erste Gründungswelle erklärt die 125-Jahr-Jubiläen, die etwa die Posaunenchöre in Stuttgart-Untertürkheim, Gerlingen oder Heilbronn 2019 feiern konnten. Die frühen Posaunenchöre entstammten der sogenannten „Erweckungsbewegung“ des 19. Jahrhunderts und entstanden aus den Jünglings- und Missionsvereinen heraus. Geistliche Lieder musikalisch begleiten, den Gedanken der Mission im Blick – im vom Pietismus geprägten Württemberg, sagt Wolfgang Schnabel, fiel die Idee der Posaunenchöre auf fruchtbaren Boden.

Mit dem Ersten Weltkrieg brach die Posaunenchorarbeit an vielen Orten ab. Ab 1919 setzte eine zweite Gründungswelle ein, die auch die wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Inflation nicht bremsen konnten. „Wenn es sein musste, führte man sogar öffentliche Naturaliensammlungen durch, um die notwendigen Mittel zum Kauf von Instrumenten zu beschaffen“, berichtet Wolfgang Schnabel. Damals entstanden etwa die Chöre in Biberach, Meimsheim und Baiersbronn, die 2019 ihr 100-jähriges Bestehen feiern konnten. In der NS-Zeit hatten es viele Chöre schwer. Andererseits begrüßten auch prominente Vertreter der Posaunenchorbewegung den Nationalsozialismus, so etwa Johannes Kuhlo in seinen letzten Lebensjahren.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es in den 50er- und 60er-Jahren eine dritte Gründungswelle. Späte Ausläufer dessen sind Chöre, deren 50-jähriges Bestehen 2019 gefeiert wurde, wie Hörvelsingen und Münsingen. Ende der 50er-Jahre spielten erstmals Frauen in größerer Zahl in Posaunenchören, inzwischen sind rund 25 Prozent der Bläser in Württemberg weiblich.

Neugründungen gibt es heute nur noch wenige. Eher hören Chöre auf. Dennoch hat man es in Württemberg nach wie vor mit beeindruckenden Zahlen zu tun: Rund 650 Chöre gibt es in der Landeskirche, etwa 17 000 Bläser musizieren dort. Sie begleiten Gottesdienste, spielen Konzerte oder Geburtstagsständchen. Nicht zuletzt ist da der Landesposaunentag in Ulm, an dem alle zwei Jahre rund 6000 Bläser teilnehmen.

Förderung für kleine Chöre und Schüler

Die Posaunenchorarbeit ist in Württemberg heute innerhalb des Evangelischen Jugendwerks (ejw) organisiert, was auf die Wurzeln im Süddeutschen Jünglingsbund zurückgeht. Es zeigt aber auch, wie wichtig Jugendarbeit für die Chöre ist. So ist rund die Hälfte der württembergischen Bläser unter 27 Jahre alt.

Um die Posaunenchöre kümmert sich ein Team von hauptamtlichen Mitarbeitern. An dessen Spitze steht der Landesposaunenwart. Hans-Ulrich Nonnenmann ist 61 Jahre alt und musiziert seit seinem zwölften Lebensjahr in Posaunenchören. Er und sein Team organisieren Lehrgänge, kümmern sich um die Vernetzung der Posaunenchöre und unterstützen die ehrenamtlichen Bezirksposaunenwarte und Chorleiter. Außerdem leiten sie Auswahlensembles, wie den Landesjugendposaunenchor und den Schwäbischen Posaunendienst.

Seit 2000 ist Nonnenmann Landesposaunenwart in Württemberg, zuvor hatte er zwölf Jahre lang die gleiche Position in Bayern inne. „Das Selbstbewusstsein in Bayern war höher“, sagt Nonnenmann. Aber die Dichte an Posaunenchören in Württemberg sei gegenüber Bayern „eine ganz andere Kategorie“. Nirgends in Deutschland gebe es so viele Posaunenchöre auf einer vergleichbaren Fläche wie hierzulande.

Brigitte KurzytzaSebastian Harras

© Fotos: Pressebilder

Damit das auch so bleibt, gibt es seit Sommer Verstärkung im Team der Posaunenchorarbeit. Brigitte Kurzytza und Sebastian Harras sollen die Zukunft in den Blick nehmen. Beide haben typische Posaunenchor-Biografien: die 45-jährige Trompeterin und der 32-jährige Bass-Posaunist haben jeweils mit acht Jahren angefangen zu musizieren.

Zwei drängende Probleme wollen sie angehen. Brigitte Kurzytza entwickelt Fortbildungskonzepte, mit denen vor allem kleinere Chöre unterstützt werden sollen. Die größten strukturellen Probleme, erzählt sie, herrschten in kleineren Dörfern und großen Städten. Während es in ersteren oft schlicht an Nachwuchs fehle, gebe es in den Städten zu viele Angebote. Kurzytza möchte die Chöre ermutigen, „raus aus dem inneren Zirkel“ zu gehen, auch einmal Werbung an ungewöhnlichen Orten zu machen. Sebastian Harras soll sich darum kümmern, wie Posaunenchöre mit Schulen zusammenarbeiten können. Denn Schüler, die von morgens bis spätnachmittags in der Ganztagsschule sind, gehen abends kaum mehr zur Chorprobe.

„Wir müssen in die Schulen rein und Angebote machen“, sagt Harras. Man könnte Instrumente in den Schulen vorstellen oder – was bereits geplant wird – im Advent Posaunenchöre in den Schulen auftreten lassen. Ergänzend zu den Bläserklassen, die es an vielen Schulen gibt, könnte der örtliche Posaunenchor eine Blechbläser-AG im Nachmittagsprogramm anbieten. Natürlich haben die Posaunenchöre hier Konkurrenz durch Musikschulen oder Musikvereine. Deshalb hofft Harras, dass auch in diesem Bereich Kooperationen möglich sind.

Landesposaunenwart Hans-Ulrich NonnenmannDabei ist klar: „Man kann natürlich nicht garantieren, dass die Schüler dann im Posaunenchor landen“, sagt Hans-Ulrich Nonnenmann. Doch selbst, wenn sie nicht dabeiblieben, sagt Brigitte Kurzytza, sei „keiner verloren, der mal Jungbläser war“. Denn: „Wir haben ihm Werte vermittelt – und das ist ja der Gedanke der Jugendarbeit.“ Ein Gedanke, der die Brücke schlägt zu dem, was die Väter der Posaunenchöre bereits vor 50, 100 oder 125 Jahren angetrieben hat.


 

 

 

 

 © Foto: Pressebild

Meinungsumfrage

Wollen Sie die Sommer- oder die Winterzeit behalten, wenn es keine Zeitumstellung mehr gibt?

Ergebnis anzeigen