Christliche Themen für jede Altersgruppe

Wie nah ist das Himmelreich?

Matthäus 9,35-10,1.7  Und Jesus zog umher in alle Städte und Dörfer, lehrte in ihren Synagogen und predigte das Evangelium von dem Reich und heilte alle Krankheiten und alle Gebrechen. Und als er das Volk sah, jammerte es ihn; denn sie waren geängstet und zerstreut wie die Schafe, die keinen Hirten haben. Da sprach er zu seinen Jüngern: Die Ernte ist groß, aber wenige sind der Arbeiter. Darum bittet den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter in seine Ernte sende.  Und er rief seine zwölf Jünger zu sich und gab ihnen Macht über die unreinen Geister, dass sie die austrieben und heilten alle Krankheiten und alle Gebrechen. Und er gebot ihnen: Geht aber und predigt und sprecht: Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen.



Zum Predigttext für den 5. Sonntag nach Trinitatis: Matthäus 9,35-10,1.5-10.

Von Thomas Stuhrmann

Ev. Gemeindeblatt 29/2019 | Glaubensleben | Pfarrer Thomas Stuhrmann


Als Kind und noch als Jugendlicher dachte ich, das Himmelreich sei vor allem den Menschen nah gewesen, die mit Jesus zu tun hatten. Also denen, die ihn leibhaftig gesehen und erlebt hatten. In dem Moment aber, als Jesus kurz nach Ostern in den Himmel aufgefahren war, kehrte mit ihm auch das Himmelreich wieder zu seinem Vater zurück. So glaubte ich das, bis mich Bruder Lukas während meines Zivildienstes in der Christusbruderschaft Selbitz zu einer Entdeckungsreise einlud. „Das Himmelreich ist dir viel näher als du glaubst!“, sagte er. „Näher als bei den meisten Menschen von damals.“ Davon war er überzeugt. Wie wäre es also, sich auf die Suche zu begeben und das Himmelreich zu finden? Es musste ja ganz in der Nähe sein. Wie aber sollte das gehen?


Als ich ernsthaft anfing, danach zu suchen, entdeckte ich zu meinem Entsetzen genau das Gegenteil davon. Statt ein Stück „heile Welt“ oder eine Art „Himmel auf Erden“ zu finden, wurde ich sensibel für das Leid und die Not, die die Menschen mit sich herumtrugen. Überall zerbrochene Beziehungen, zerstörte Existenzen, Einsamkeit und so viele Ängste. Wo soll denn da bitte schön das Himmelreich zu finden oder gar zu erfahren sein?


Aber das Erstaunlichste für mich war, dass es Jesus offensichtlich ganz ähnlich erging. Obwohl er den Menschen die frohe Botschaft von der Liebe Gottes predigte, ihnen vom Himmelreich erzählte und so viele Menschen geheilt hatte, war er frustriert. Ja, mehr noch: Es zerriss und quälte ihn derart, dass es so nicht mehr weitergehen konnte. Alles, was er sah, waren Menschen, die verängstigt und vereinsamt waren, allein auf sich gestellt, ohne Hoffnung und ohne Halt. Hier war alles zu finden – außer dem Himmelreich.


Diesen Schmerz konnte Jesus nicht für sich behalten. Was ihn bewegte, davon sollten auch seine Jünger erfahren: „Schaut euch die Menschen an. Seht ihr ihre Verlorenheit, ihr Alleinsein, ihre Angst? Das geht mir so nah! Darum betet zum Herrn um Menschen, die ihnen nachgehen und helfen und sie zu Gott und seinem Reich zurückbringen.“


Worum Jesus hier bittet, richtet sich auch an uns! Noch immer gehen die Menschen ihm nahe. „Darum bittet den Herrn ...“ Aber Vorsicht, wer so bittet, dem könnte es wie den Jüngern ergehen oder wie mir. Aus der ernstgemeinten Bitte um Hilfe wächst die Sehnsucht, zu helfen.


Nur wenig später sind es die gleichen zwölf Jünger, die von Jesus berufen werden, seinen Dienst an den Menschen fortzusetzen. Er nennt ihre Namen. Er bevollmächtigt sie mit allem, was sie brauchen, um den Menschen die frohe Botschaft zu verkündigen: Erzählt ihnen vom Himmelreich! Zeigt ihnen den Weg, der sie dort hinbringt. Öffnet ihnen die Augen für die Wahrheit, die sie freimacht von ihrer Angst und Schuld und allem, was sie gebunden hält. Und ladet sie ein zu einem Leben, das es nirgendwo anders gibt als im Himmelreich – als in Jesus! (Nachzulesen in Johannes 14,6). Aber irgendwie konnte ich das damals als Zivi nicht glauben. Ich merkte zwar, dass Jesus auch mich zu so einer Aufgabe berufen hatte. Aber wie sollte das gehen? Wie konnte so jemand wie ich, der ich selber kaum eine Ahnung vom Himmelreich hatte, anderen davon weitersagen? Die Antwort darauf erhielt ich völlig unvermutet während eines Gottesdienstes: „Weil ich bei dir bin!“ Weil Jesus bei uns ist mit seiner Kraft und seiner Macht und mit uns mitgeht (Matthäus 28,18-20), können wir vom Himmelreich erzählen. Denn wo immer uns Jesus nahe ist, da ist auch das Himmelreich! Wer das für sich erfahren hat, der mache sich auf und sage davon weiter. Und der Segen Gottes wird mit uns sein: „Wohin wir gehen, dahin kommt nun auch der Herr!“ Da ist das Himmelreich ganz nah!



Gebet
Herr Jesus, wo du bist, da ist der Himmel ganz nah!
Erlöse uns von dem, was uns ängstigt.
Befreie uns von dem, was uns von dir fortreißt.
Lass uns zu Boten deiner Liebe werden,
um Traurige zu trösten, Einsamen zur Seite zu stehen
und Verzweifelten neue Hoffnung zu schenken.
Amen.