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Wie sich Ökumene anfühlt - Rückblick - Katholikentag 2022

Fünf Tage haben fast 30 000 Besucher des Katholikentags die Stuttgarter Innenstadt bevölkert. Wir zeigen ein paar ökumenisch geprägte Ausschnitte: von intellektuell bis emotional und von weltbewegend bis gut schwäbisch.

Das Motto des Katholikentags ist in der Stuttgarter Innenstadt allgegenwärtig. Foto: Julian RettigDas Motto des Katholikentags ist in der Stuttgarter Innenstadt allgegenwärtig. Foto: Julian Rettig

„So fühlt sich Ökumene an.“ Gleich einer der ersten Sätze auf dem Katholikentag, gesprochen von Moderatorin Madeleine Spendier bei der Eröffnungsveranstaltung am Mittwoch. Gesprochen, als sie mitten zwischen zwei Bischöfen steht: Gebhard Fürst und Frank Otfried July. Ja, auch der evangelische Landesbischof darf gleich am Anfang mit auf die Bühne, nicht irgendwann später für ein Grußwort. Wie sich Ökumene anfühlt – das ist auf dem Katholikentag in den folgenden vier Tagen vielerorts zu spüren.

Wie sich Ökumene anfühlt: Rückblick - Katholikentag 2022

Rückkehr des Pilgerns

Beim Pilgern hat sich ökumenisch vor allem auf evangelischer Seite viel bewegt. Eine Stelle wie die von Bernd Lohse, dem „ersten Pilgerpastor in Hamburg seit der Re -formation“, wäre vor einiger Zeit noch undenkbar gewesen. Doch so konnte Lohse am Donnerstagnachmittag auf dem Podium „Vom Losgehen und Ankommen“ entspannt mit dem Moderator und leidenschaftlichen Wanderer Manuel Andrack, der früheren Biathlon-Weltmeisterin Simone Hauswald und dem Rottenburger Bischof Gebhard Fürst plaudern. Letzterer ein begeisterter Pilger und Gründer des Martinuswegs in seiner Diözese.

Was aber, so die Frage des Moderators, antwortet Lohse auf diesen Satz von Martin Luther: „Wer weiß, ob in Compostela der Jakobus oder ein toter Hund liegt – bleib du daheim“? Lohses Antwort: „Lieber Martin, du hast völlig Recht. Es ist überhaupt nicht entscheidend, wer da im Sarg liegt. Entscheidend ist, dass dieser Weg Menschen ausrichtet.“ Luther selbst sei ein Beispiel dafür, wie Pilgern wirken kann – seine Pilgerreise nach Rom habe ihn erst zu dem gemacht, der er später war.

Schnaps mit Nonnen

Eine kleine Verbrüderung – oder Verschwesterung? Neben einem Essenstand albert der Betreiber am Donnerstagabend fröhlich mit ein paar Ordensschwestern herum. Danach kippen Nonnen und Verkäufer noch einen Schnaps – vermutlich auf’s Haus.

Evangelische Messe

Es ist eine Veranstaltung, die eindeutig als „evangelisch“ gekennzeichnet ist – und doch fühlt sich der protestantische Besucher in der Liturgie hier den katholischen Geschwistern besonders nahe: die „Evangelische Messe“ in der Leonhardskirche am frühen Freitagmorgen. Die Berneuchener Gemeinschaften halten auf jedem Kirchentag morgens solche Messen. Auf dem Katholikentag sei das etwas Neues, erläutert Liturg Matthias Gössling, Leiter der Gemeinschaft St. Michael. Rund 50 Besucher sind da, darunter auch die ein oder andere katholische Ordensschwester. Landesbischof Frank Otfried July – im weißen Gewand, wie die anderen Berneuchener – stellt auch seine Predigt unter das Leitthema Ökumene: „Wir sind ein ökumenischer Leib, aber manchmal haben wir Gelenkschmerzen“, sagt er. Dennoch: „Ökumenische Arbeit bleibt unsere Zukunftsaufgabe.“

Eröffnung, im Oberen Schlossgarten startete der 102. Deutsche Katholikentag. Foto: Julian RettigEröffnung, im Oberen Schlossgarten startete der 102. Deutsche Katholikentag. Foto: Julian Rettig

Hannas Loblied

Margot Käßmann zieht auch das katholische Publikum an. Die König-Karl-Halle im Haus der Wirtschaft ist gut gefüllt, als die evangelische Theologin am Freitag um 9.30 Uhr zum Biblischen Impuls einlädt. Sie interpretiert Hannas Loblied aus 1. Samuel 2,1-10. Nach langer Kinderlosigkeit wird Hanna schwanger, aus Dankbarkeit lässt sie ihren Sohn Samuel im Tempel aufwachsen. Mit ihm beginnt die Zeit der Könige.

Käßmann spricht als Theologin und Mutter über Hanna, erläutert, in welcher Zeit ihr Loblied geschrieben wurde und was es in uns Heutigen anstoßen kann. Sie gibt ihren Zuhörern Gelegenheit, miteinander zu sprechen über rohe Sprache, die Sehnsucht nach Frieden und die Verschwendung von Lebensmitteln. Käßmann schließt ihre Bibelarbeit mit den positiven Worten: „Das Lied der Hanna malt ein Hoffnungsbild“, sagt sie. „Es platzt vor Lebensfreude und Kraft."

Stuttgart. Margot Käßmann fordert eine gemeinsame ökumenische Bewegung. Foto: Julian RettigMargot Käßmann fordert eine gemeinsame ökumenische Bewegung. Foto: Julian Rettig

Gemeinsames Mahl

Der Wunsch besteht auf beiden Seiten, doch der Weg ist steinig. „Gemeinsam am Tisch des Herrn – Ökumenisch sensibel Eucharistie und Abendmahl feiern“ lautet der Titel der Liturgiewerkstatt, die um elf Uhr in der Kapelle des Mädchengymnasiums St. Agnes beginnt. Die katholischen Professoren Dorothea Sattler und Thomas Sternberg argumentieren theologisch mit der Transsubstantationslehre, der Gegenwart Christi und dem römisch-katholischen Ämterverständnis. Aber: „Wenn unser Glaube der gleiche ist, was kann uns hindern, gemeinsam zum Tisch des Herrn zu gehen?“, fragt Sternberg. Der evangelische Stadtdekan Søren Schwesig berichtet vom Mahl am Abend, das er mit seinem katholischen Amtsbruder Christian Hermes und 800 Menschen im Schloßgarten gefeiert hat. „So wird es sein im Reich Gottes.“

Eine Stärkung

Einige Besucherinnen des Katholikentags bringen sich ein Vesper mit, andere schauen, was kulinarisch geboten wird. Am Rande der Kirchenmeile im Stadtgarten gibt es Flammkuchen, Pommes und Bratwurst. „Bratwurst rot oder weiß?“ Der hungrige Besucher rätselt: „Normal, also weiß.“ „Sie kommen nicht aus Württemberg, oder?“

Kanzler und Kundgebung

Bundeskanzler Olaf Scholz geht über die Kirchenmeile, abgeschirmt von Personenschützern und Polizei. Er besucht die Stände der Apostolischen Exarchie für katholische Ukrainer und des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend. Unterdessen demonstrieren Ukrainer vor der Liederhalle. Auch die große Kundgebung im Schloßgarten ist ihnen gewidmet. Sichtlich bewegt spricht Irme Stetter-Karp, Präsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), dann berichtet die Ukrainerin Inna Wjzelewa von ihrer Flucht aus Butscha nach Stuttgart. Sie und andere Ukrainerinnen fordern nachdrücklich Waffen für ihr Land. Viele Besucher applaudieren – ein verstörender Moment.

Raum für Veränderung

Wie Kirche für junge Menschen attraktiver werden kann, darüber diskutiert Anna-Nicole Heinrich, Präses der EKD-Synode, mit Daniela Ordowski von der katholischen Landjugendbewegung, Jugendbischof Johannes Wübbe und Svenja Stumpf vom Bund der Deutschen Katholischen Jugend. Gerade in Sachen Vielfalt zeige sich, wie die evangelische Kirche Vorbild sein kann, sagt Anna-Nicole Heinrich. Die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare und die Frauenordination seien gute Beispiele.

Der Synodale Weg könne den Fortschritt vorantreiben, sagt Johannes Wübbe, doch Veränderungen könnten nicht von oben diktiert werden. „Es muss sich etwas verändern, sonst werden immer mehr Menschen austreten“, betont Wübbe. Für eine feministische katholische Kirche tritt Daniela Ordowski ein. Viele Frauen engagierten sich, seien aber in der Öffentlichkeit nicht sichtbar. Die Frauenordination sei dazu ein wichtiger Schritt.

„Luther-Mugge“

Katholische „Ossis“ von heute spielen Musik von evangelischen „Ossis“ von vor 400 und 500 Jahren. Das Programm von „CoverChorale“ aus Magdeburg, die am Freitagabend auf dem Marktplatz „Luther-Mugge“ und „Paul-Gerhardt-Mugge“ in Popversionen aufspielten. So erklingt Luthers „Aus tiefster Not schrei ich zu dir“ als Pop-Ballade. „Ja, das geht mit Band“, sagt Pianist Peter Albrecht. Er möchte einen „Kompromiss“ zwischen traditioneller Kirchenmusik und Lobpreis-Songs schaffen. An diesem Abend vor dem Rathaus wird die „Luther-Mugge“ deshalb von neuen geistlichen Liedern umrahmt – und von John Lennons „Imagine“, was in dieser Reihe dann doch erstaunt.

Professorales Podium

Von den akademischen Titeln her ist es sicher das bestbesetzte Podium: ein Impuls des Journalisten Prof. Dr. Dr. h.c. Heribert Prantl und eine anschließende Diskussion mit den Theologen Dr. Dr. h.c. Margot Käßmann, Prof. Dr. Dr. h.c. Karl-Josef Kuschel und Prof. Dr. Johanna Rahner. Aber immerhin geht es auch um das Vermächtnis eines Mannes, der selbst über ein Dutzend Ehrendoktor-Würden trug: Hans Küng. „Ist die Kirche noch zu retten?“, fragt das Podium, angelehnt an Küngs Buch von 2011, am Samstagmorgen vor vollbesetztem Saal.

Heribert Prantl liefert die beste Antwort darauf gleich zu Beginn seines Vortrags: „Solange die Kirche noch Menschen aus ihren Nöten retten kann, ist sie selbst auch noch zu retten.“ Margot Käßmann sagt: „Kirche ist zu retten, wenn wir eine gemeinsame ökumenische Bewegung haben und mit unserem diakonischen Handeln glaubwürdig sind.“ Karl-Josef Kuschel betont, jeder könne sich in Küngs Sinne „aus tiefster christlicher Überzeugung für Kirche als Glaubensgemeinschaft engagieren“. Johanna Rahner empfiehlt, „hinauszugehen an die Ränder“. Und schließlich kommt zum Schluss in einem Einspieler der 2021 verstorbene Küng selbst zu Wort. Im Zentrum seiner Theologie stehe Christus und daraus entfalte er seine Visionen, sagt er: „Eine Einheit der christlichen Kirchen, ein Frieden zwischen den Religionen und eine echte Gemeinschaft der Nationen.“

Offenheit zeigen

Um die Zukunft der Kirchen geht es beim Format „Open Space“. Die Teilnehmer bilden Gruppen und sprechen über Fragen wie: „Was brauchen wir, um gemeinsam Kirche zu sein?“ Für Teilnehmer Arnd Schomerus steht in Sachen Ökumene fest: „Dialog und Gemeinschaft gehen nur auf Augenhöhe.“ Kleinere Kirchen müssten gleichwertig behandelt werden. Dann sollten durch Beobachtung und Kennenlernen Gemeinsamkeiten gefunden werden, ergänzt Anna Knorreck. „Dabei ist wichtig, dass wir Unterschiede auch aushalten können.“ Dennoch, argumentierte Georgis Siomos, brauche jede Gemeinschaft auch ein Maß an Introvertiertheit, um ihre Besonderheiten zu behalten. Organisatorin Rebekka Pöhlmann ist zufrieden: „Gerade wenn es so wenige Menschen sind, kommt es meist zu viel guter Partizipation wie heute.“

Stuttgart. Katholikentag 2022. Inna Wjzelewa, ist mit ihrer Tochter Sofia aus Butscha geflohen. Sie spricht auf der Kundgebung für die Ukraine. Foto: Monika JohnaInna Wjzelewa, ist mit ihrer Tochter Sofia aus Butscha geflohen. Sie spricht auf der Kundgebung für die Ukraine. Foto: Monika Johna

Ein Kloster in der Stadt

In der Gewerblichen Schule im Hoppenlau wird Ökumene gelebt. Aus Klassenräumen entsteht ein Kloster – drei Jahre wurde es von verschiedenen Ordensgemeinschaften vorbereitet. „Jede Gemeinschaft lebt zwar ihre eigene Tradition, aber es kann auch gelingen, dass verschiedene Orden in einer ökumenischen Gemeinschaft leben, wie sich hier zeigt“, sagt Frater Magnus. In den Schulräumen gab es alle klassischen Räume eines Klosters. Die Schulcafeteria wurde zum Refektorium, außerdem wurde ein Meditationssaal eingerichtet und im Innenhof eine Kapelle für Tagzeitgebete aufgebaut. „Nur das Dormitorium fehlt noch“, sagt Frater Magnus und lacht. Die Besucher können sich mit den Ordensbrüdern und -schwestern austauschen, gemeinsam essen und Werkstätten besuchen.

Der Schwabe aus Taizé

„Auf ein Maultäschle/Tannenzäpfle mit …“. Schon der Name der Gesprächsreihe zeigt, dass hier nicht nur konfessionelle Grenzen überschritten, sondern auch Baden und Württemberg gleichermaßen bedacht werden – auch wenn die Maultaschen, im Gegensatz zum echten badischen Tannenzäpfle-Bier, nur aus Schokolade sind. Am Samstag ist Frère Alois zu Gast, Prior der Gemeinschaft von Taizé. Und der ist – erste Überraschung für viele Zuhörer – in Stuttgart aufgewachsen. 1974 ging er als junger Mann nach Taizé. Dahin, wo Ökumene von Anfang an gelebt wird, im Beten, aber auch im Schweigen. „Ich glaube, es ist für die Ökumene auch wichtig, gemeinsam still zu sein“, sagt Frère Alois. Für ihn bereichern die Unterschiede zwischen den Konfessionen das Leben: die Freiheit der evangelischen Kirchen, die Universalität der katholischen Kirche, das Geheimnisvolle in den orthodoxen Kirchen. „Wir brauchen eine Kirche, wo verschiedene Theologien einen Platz haben“, davon ist Frère Alois überzeugt. Und überrascht seine Zuhörer am Ende noch ein weiteres Mal: „Es ist ja kein schwäbischer Katholikentag, sonst hätt ich Schwäbisch gschwätzt“, verrät er – im schönsten Dialekt.

Kirchentag, oder?

Katholikentage und Kirchentage haben viel gemeinsam. Offenbar soviel, dass man sie schnell verwechseln kann. Von mehr als einer Bühne werden in den drei Tagen die Besucher „hier auf dem Kirchentag“ wilkommen geheißen. Aber ist geplant, künftig nur noch gemeinsam Kirchentag zu feiern? Zumindest ein vierter Ökumenischer Kirchentag sei in Planung, erzählt der ZdK-Generalsekretär Marc Frings. Wann, stehe aber noch nicht fest.

Auf Wiedersehen 2023: Thomas de Maizière lädt nach Nürnberg ein. Foto: PressebildAuf Wiedersehen 2023: Thomas de Maizière lädt nach Nürnberg ein. Foto: Pressebild

Einladung

Am Sonntagmorgen auf dem Schlossplatz wird der Schlussgottesdienst gefeiert. Der Präsident des Evangelischen Kirchentags 2023, Thomas de Maizière, lädt herzlich nach Nürnberg ein. Mal sehen, wie sich Ökumene dort anfühlt. □

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