Christliche Themen für jede Altersgruppe

„Wie soll das geschehen?“

Im Alten Testament steht zwar „Du sollst dir kein Bildnis machen“. Dennoch stellen wir uns das, was wir in der Bibel lesen, in Bildern vor. Bis heute zeigen uns Maler, was sie in den Texten und zwischen den Zeilen lesen. Doch wir können oft die Symbolik, die in den alten Bildern steckt, nicht mehr erkennen. Unsere neue Serie erklärt die christliche Kunst. Heute: die Verkündigung an Maria.




Zu den frühen bekannten Darstellungen gehören zwei völlig unterschiedliche Beispiele aus dem fünften Jahrhundert, die zeigen, wie fantasievoll die Kunstgeschichte sich dieses Themas annimmt: Ein Evangeliar in Mailand präsentiert auf dem kunstvoll aus Elfenbein geschnitzten Deckel mehrere Szenen aus dem Leben Jesu, darunter auch die Verkündigungsgeschichte. Maria sitzt an einem Brunnen und dreht sich überrascht zum Engel Gabriel um, der hinter ihr erschienen ist.

Ein Mosaik am Triumphbogen der frühesten und prominentesten Marienkirche des Westens, Santa Maria Maggiore in Rom, präsentiert eine elegante Maria reich geschmückt und gekleidet, auf einem Thron sitzend, von Engeln umgeben, während Taube und Gabriel von oben heranfliegen. Wie kommt es zu diesen widersprüchlichen Deutungen, welche Ideen stecken dahinter?

Die Kargheit des biblischen Textes, mehr noch das Geheimnis der Menschwerdung des Sohnes Gottes, hat von Beginn an Christen herausgefordert. Gott wird Mensch, geboren von einer Frau – „wie soll das geschehen?“ Marias Frage ist auch unsere: Wie muss man sich diese besondere Frau, wie den Zeugungsvorgang, wie das Verhältnis von Gottheit und Menschheit in Jesus vorstellen? Jede Zeit hat den Vorgang auf ihre Weise gedeutet. Den religiösen Vorstellungen von Kirchenvätern, Liturgie und Volksfrömmigkeit folgend, haben Künstler nicht nur den Lukas-Text, sondern auch nicht-biblische Überlieferungen ins Bild gesetzt – Maria in einem Zimmer oder einer Kirche, lesend, betend oder spinnend, der Heilige Geist als Taube fliegend, auf goldenen Strahlen, mit oder ohne Jesuskind. Zahlreiche Ausstattungsstücke wie Blumen, Kissen, Glassäulen, Bücher werden zu aussagekräftigen Bedeutungsträgern.

Der Evangelist Lukas stellt mit dem Zitat des Propheten Jesaja die Geburt Jesu in direkten Zusammenhang mit den Erlösungsvorstellungen des Alten Testamentes und eröffnet damit den Weg für eine grundlegende Verbindung zwischen Altem und Neuem Testament. So deuten bereits frühe Kirchenväter wie Justinus oder Irenäus von Lyon (gestorben um 202 nach Christus) Marias Rolle im Gegensatz zu Eva. Der Ungehorsam der ersten Frau zu Beginn der Menschheitsgeschichte steht dem „Ja“ der Maria, das Ende des Paradieses dem Neuanfang mit der Geburt Jesu gegenüber. Auf Gemälden des Spätmittelalters ist dieser Zusammenhang oft durch eine kleine selbstständige Adam und Eva – Szene am Rande (italienische Beispiele) oder versteckt in der Architektur des Verkündigungsraumes (in der niederländischen Kunst) angedeutet.

Eine im zweiten Jahrhundert im Osten entstandene Schrift, das Protoevangelium des Jacobus, erzählt die Kindheitsgeschichte Marias und beantwortet fantasievoll viele offene Fragen. Im Westen zunächst nicht anerkannt, wird sie auch dort doch zunehmend populär; wesentliche Teile gehen im 13. Jahrhundert in die „Legenda Aurea“ ein. Hier wird die Vorstellung von ihrer Reinheit, Unschuld, Frömmigkeit und Bescheidenheit durch die besonderen Umstände ihrer Geburt und anschließenden Erziehung aufgegriffen und vertieft. Maria wird hier als fromme Tempeljungfrau beschrieben, die den kostbaren Faden für den Tempelvorhang spinnt und diese Tätigkeit unterbricht, um Wasser am Brunnen zu schöpfen.

Beide Motive werden von der Kunst aufgegriffen und für die Verkündigungsdarstellung genutzt: In unserem Beispiel aus Mailand erscheint das Brunnenmotiv; das römische Mosaik dagegen zeigt neben der thronenden künftigen Gottesmutter einen Korb mit Wolle, der auf die zweite Szene der Legende anspielt.

Rund 1?000 Jahre später: Die Verkündigung gehört zu den wichtigsten Bildthemen. Fast jede Kirche weist – oft an  prominenter Stelle – ein solche Darstellung auf. Ein Beispiel ist ein Teil des Hochaltar-Retabels der Johanniterkirche in Rohrdorf. Die Figuren, der sakral wirkende Raum mit Landschaftsausblick und seine Ausstattung sprechen für den Christen des 15. Jahrhunderts offenbar eine deutlich lesbare Sprache, trotz späterer bogenförmiger Beschneidung, der sogar die berühmten Lilien zum Opfer gefallen sind. Was wollte man damals über die Verkündigung wissen?

Der unbekannte Ort, an dem der Evangelist die Begegnung von Engel und Maria angesiedelt hat, wird vom Meister des Rohrdorfer Altares, wie in der italienischen Kunst üblich, als Mischung aus Kirchenraum und Loggia interpretiert. Maria in dunkelblauem Kleid wendet sich von ihrer frommen Lektüre hin zum eintretenden Engel. Der Stoff ihres Gewandes scheint wie vom Flugwind des Engels bewegt. Seit dem zwölften Jahrhundert haben sich ihre Belesenheit und Frömmigkeit als wichtige Eigenschaften durchgesetzt, die mit einem oder mehreren Büchern ausgedrückt werden können. Vielleicht liest sie gerade bei Jesaja „Eine Jungfrau wird ein Kind empfangen“? Um eine steinerne Darstellung des alttestamentlichen Propheten könnte es sich auch bei dem Figürchen oberhalb des Kapitells auf der mittleren Säule gehandelt haben.

Seine Weissagung geht mit den Worten des Engels nun in Erfüllung. Das rote Kissen deutet auf den späteren Rang, in den Maria von ihrem göttlichen Sohn erhoben werden wird und der sie, als Himmelskönigin, auch über die Engel stellt.

Prächtig ist Gabriel anzuschauen, mit seinem weißen Untergewand und dem reich in Falten gelegten roten Mantel mit edelsteingeschmückter goldener Borte. Mit den großen Flügeln und dem gläsernen Kreuzstab – eine imponierende Erscheinung! Gabriel, dessen Namen übersetzt „Mann Gottes“ bedeutet, ist bereits als Deuter der Visionen des Propheten Daniel im Alten Testament bekannt. Dabei hat er auch von einem „Gesalbten“, einem Messias, gesprochen. Beim Evangelisten Lukas spielt er bei den wundersamen Geburtsgeschichten von Johannes dem Täufer und Jesus eine wichtige Rolle. Die Stirn mit einem Kranz aus Akelei (wegen ihrer Blütenform auch „Taubenblume“ genannt) geschmückt, überbringt er kniend die göttliche Botschaft.

Die Taube, auf einem frühchristlichen Konzil als dritte göttliche Person anerkannt, schwebt auf Maria zu. Es ist der große Moment der „Inkarnation“: Maria empfängt mit der Kraft des Heiligen Geistes ihren Sohn, während rechte Hand und gesenkter Blick ihre bescheidene Zusage signalisieren.

Mit der Verkündigung fängt alles an – Gott wird Mensch, der Menschheit die Erlösung verheißen, und Maria kommt die entscheidende Rolle zu. Wie würden wir uns heute eine solche Frau vorstellen?

In der Entwicklung waren sich Theologen und Laien einig – fromm, unschuldig und rein muss sie gewesen sein. Davon sprechen im Rohrdorfer Bild nicht nur die gläsernen Gegenstände, sondern auch die Farbe Weiß – im Gewand des Engels und – vor der Verkürzung des Bildes – in den Blüten der duftenden, weißen Lilien in der Vase im Hintergrund.

Das bekannteste Mariensymbol verbindet Eleganz,  Schönheit und Reinheit mit der Mutter Jesu. Das konnte man im Zweifelsfall sogar in Gedanken ergänzen.


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