Christliche Themen für jede Altersgruppe

Wie zwei Geschwister

WILHELMSDORF (Dekanat Ravensburg) – Im Rahmen eines Wohnangebotes für Menschen mit Behinderungen nehmen Gastfamilien seelisch oder geistig Behinderte auf. Wie das Leben gelingen kann und welche Freude von Anfang an dabei mitschwingen kann, zeigt das Beispiel von Franziska Görgen, Leon Geiger und Familie Krause. 

Ein gutes Team: Franziska Görgen, Melanie Krause, Leon Geiger, Manuel Krause und Isabel Weiß von den Zieglerschen (von links nach rechts). Im Vordergrund: Hund Krümel.  Foto: Martina Kruska


Franziska Görgen (23) und Leon Geiger (21) sind voll in die Familie von Melanie und Manuel Krause integriert. Als Gäste oder besser: als Familienmitglieder wohnen sie am Ortsrand von Wilhelmsdorf. Mit den Kindern Johanna (3), Jakob (6) und dem schmusebedürftigen, kleinen Hund Krümel ist Leben im Haus. Umgeben von Wiesen und Weiden und einem Garten voller einladender Spiel- und Klettergeräte, erinnert es an die fröhliche „Villa Kunterbunt“ von Astrid Lindgrens Pippi Langstrumpf.

Einladender Garten und viel Platz

Die Eheleute Krause sind beide in der Behindertenhilfe der Zieglerschen tätig. Melanie Krause, eine herzliche Frau mit blonden Locken, derzeit noch in Elternzeit, ist wenige Stunden ehrenamtlich tätig. Ihr Mann arbeitet als Heilerziehungspfleger, seit April 2021 im Nachtdienst. Die älteste Tochter Lea (20) wohnt nicht mehr im Haus.

Als Claudia Apel, die Leiterin der Ambulanten Dienste der Zieglerschen, vor einigen Jahren in den stationären Gruppen der Behindertenhilfe das Gastfamilien-Programm vorstellte, waren die beiden Krauses sofort begeistert. „Das wollte ich machen“, sagt Melanie Krause. Beide empfanden die Arbeit im Wohnheim mit der strengen Dokumentationspflicht als belastend. „Außerdem ist dort eine 1-zu-1-Betreuung nicht möglich“, fügt ihr Mann hinzu. „Uns war schnell klar, dass wir jemanden aufnehmen, sobald wir Platz hätten.“

Im Frühjahr 2016 war es soweit. Franziska Görgen, die zuvor schon in einer Gastfamilie gelebt hatte, kam zum Probewohnen in die Familie. „Es hat gleich gepasst“, erinnert sich Melanie Krause. Franziska nickt mit einem gewinnenden Lächeln. „Es war gleich schön“, ergänzt sie, „und ich habe viel mit dem Labrador Chai gespielt.“ Mit dessen Nachfolger Krümel ging sie in die Hundeschule. Zwischen beiden besteht ein inniger Kontakt. Krümel kuschelt sich an Franziskas Beine. Sie strahlt, wenn sie erzählt, dass sie vielleicht ein Pflegepferd bekommt und später gern mit Tieren arbeiten möchte. „Soll sie doch gleich im Zoo schaffe!“, ruft Leon lachend dazwischen.

Seit März 2019 und einer Probewoche lebt der immer zu Späßen aufgelegte 21-Jährige in der Familie. Ein halbes Jahr hatte er als Praktikant im Altersheim gearbeitet, dann kam Corona. Er wollte selbständiger leben, aus der Wohnung seiner Mutter in Bad Saulgau ausziehen, brauchte aber eine Betreuung vor Ort. Heute ist dienstags sein Projekttag mit unterschiedlichen Beschäftigungen. An den übrigen Tagen arbeitet er in der Lampenmontage in Weissenau, im Kindergarten oder in Wohngruppen. Ab 1. Oktober hofft er auf einen Arbeitsvertrag in der Großküche im Dornahof in Altshausen.

Bei Familie Krause leben die beiden in ihren eigenen Zimmern. Die jungen Menschen mit leichter geistiger Behinderung sind in Pflichten und Freuden eingebunden wie andere Familienmitglieder auch. Wenn abends gemeinsam gekocht wird, verbessern sie ihr Können. Bei Haushaltsarbeiten packen sie selbstverständlich mit an. „Für unsere Kinder Johanna und Jakob sind sie zwei Geschwister. Franziska liest vor und Leon spielt mit Jakob Fußball, während ich koche“, sagt Melanie Krause.

Urlaub hat die Familie auch gemacht. Trotz Corona. Vier Tage waren alle im Europa-Park Rust im Camp Ressort. Außerdem verbrachte die Familie mit Franziska einen Kurzurlaub in einer Hütte im Allgäu und einen Tag im Zoo in Augsburg. Leon war in Ferienfreizeit, aber dabei, als immer mal wieder im eigenen Garten Urlaub gemacht wurde. „Im Dachzelt auf dem Auto“, wie Familienvater Manuel schmunzelnd erzählt.

„Probleme gibt es auch mal, aber wir finden immer Lösungen“, ergänzt er in seiner ruhigen, freundlichen Art. „Die größte Hürde haben wir geschafft. Wir haben gemeinsam den Lockdown bezwungen. Sind sogar noch mehr zusammengewachsen!“ Als Ansprechpartnerin steht seit April 2020 Isabel Weiß von den Ambulanten Diensten der Zieglerschen bereit. Sie übernimmt den Kontakt zu Behörden und auch mal eine Begleitung zum Arzt. Ihre Verbindung zur Gastfamilie ist freundschaftlich und unkompliziert. Wenn sie gebraucht wird, ist sie da. Zu den anderen Gastfamilien in Aulendorf und im Bodenseeraum gibt es coronabedingt wenig Kontakt.

„Es macht uns Freude, Menschen glücklich zu machen, die Hilfe brauchen“, fasst Melanie Krause die Beweggründe für ihr außergewöhnliches Engagement zusammen. Man glaubt es ihr.


Information

Menschen mit Behinderung haben heute die Möglichkeit, in einer Gastfamilie zu leben, statt allein oder in einem Heim. Sie werden fortan als Teil der Familie und nicht als Teil der institutionalisierten Behindertenhilfe wahrgenommen. Im Einzugsgebiet der Zieglerschen werden momentan zwölf Männer und Frauen zwischen 20 und 70 Jahren mit geistiger und/oder Hör- und Sprachbehinderung in Familien betreut.

Gastfamilien erhalten pro Gast eine steuerfreie Betreuungspauschale. Außerdem stehen ihnen 28 Tage Urlaub zu.

Seit 2016 bietet die Zieglersche Behindertenhilfe in Wilhelmsdorf das Betreute Wohnen in Familien an. Es stellt eine Alternative dar zur Betreuung in einem stationären Bereich – der besonderen Wohnform oder dem Wohnheim – und dem ambulant betreuten Wohnen.