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Wo Atze Brauner heiratete - "Also, dann in Berlin..."

HEIDENHEIM – Eine jüdische Gemeinde oder gar eine Synagoge gab es in Heidenheim nie. Allerdings lebten in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg mehrere tausend Juden in zwei Übergangs- lagern in der Stadt. Eine Episode, die heute weitgehend vergessen ist.

Screenshot Gb, der website CCC-Filmkunst, Biografie Athur Brauner

In der Serie „Jüdische Spuren“ geht es um vergangenes und gegenwärtiges jüdisches Leben in Württemberg. Teil 29: Heidenheim. Die Stadt auf der Ostalb hat heute knapp 50 000 Einwohner.

Während es im heutigen Ostalbkreis, vor allem im Raum zwischen Bopfingen und Nördlingen, bis ins 20. Jahrhundert hinein mehrere, teils bedeutende jüdische Gemeinden gab, lebten in Heidenheim über die Jahrhunderte hinweg vergleichsweise wenige Juden. Der Heidenheimer Heimatforscher Gerhard Schweier vermerkte in einem Beitrag für den 1983 veröffentlichten Sammelband „Heidenheim zwischen Hakenkreuz und Heidenkopf“, im 17. Jahrhundert hätten Juden in der Heidenheimer Handelswelt eine relativ große Rolle gespielt. Ihre Zahl sank über die Jahrhunderte. Um 1850 herum hätten in der Kreisstadt nur wenige jüdische Familie gelebt, für 1935 sind sieben jüdische Familien überliefert. 1942 waren alle Juden aus Heidenheim deportiert worden oder geflohen.

Sie wandten sich dem Leben zu

Auch wenn jüdische Tradition in der Stadt am Fuße Schloss Hellensteins wenig verankert war, haben sich in der Folge des Zweiten Weltkriegs doch einige bemerkenswerte Ereignisse zugetragen. 1946 wurden in der Stadt zwei Lager für sogenannte „Displaced Persons“ (DPs) eingerichtet. Dort kamen Menschen unter, die aus Konzentrationslagern oder aus der Zwangsarbeit unter der Nazi-Herrschaft befreit worden waren.

Die Voith- Siedlung und das heutige Fußballstadion Heidenheim. Foto: Jens EberHeidenheim, Voith Arena. Hier wurden die jüdischen Überlebenden untergebracht. Foto: Jens EberDie Voith- Siedlung und das heutige Fußballstadion. Hier wurden die jüdischen Überlebenden untergebracht.
Foto: Jens Eber

Eines dieser Lager wurde auf dem Gelände einer ehemaligen Polizeischule errichtet. Dort baute die Stadt Heidenheim später ein Sportstadion, das in den vergangenen Jahren zur Fußballarena des Zweitligisten 1. FC Heidenheim erweitert wurde. Bislang erinnert dort nichts an die mehr als eintausend DPs, die dort bis 1949 lebten.

Für das zweite Lager beschlagnahmten die amerikanischen Militärbehörden die sogenannte Voithsiedlung, die ab 1918 von der Witwe von Friedrich Voith gestiftet worden war. Voith war Besitzer des gleichnamigen Maschinenbauunternehmens gewesen. Die bis dahin 1300 Bewohner der Voithsiedlung mussten ihre Häuser und Wohnungen verlassen, kurz darauf zogen etwa 1500 DPs ein, viele von ihnen polnische Juden. Im Sommer 1947 erreichte die Bewohnerzahl in beiden Lagern mit fast 2600 Personen ihren Höchststand.

Das Leben in dieser für die Heidenheimer Bürger weitgehend abgeriegelten Siedlung entwickelte sich rasch, wie sich anhand unterschiedlicher Archive nachvollziehen lässt. Die Bewohner richteten eine Schule ein, es gab Handarbeitsgruppen, junge Sportler aus den beiden Lagern gründeten sogar eine Fußballmannschaft, die in einer eigenen jüdischen Liga gegen Mannschaften aus Württemberg, Hessen und Franken spielte. Vor allem aber wandten sich die Menschen, die dem Terror der Nazi-Jahre entronnen waren, dem Leben zu: In den DP-Camps wurden viele Ehen geschlossen und Kinder geboren.

Eine dieser Hochzeiten fand im November 1946 statt, und das was damals eine glückliche, aber familieninterne Fügung war, bildet in der Rückschau zumindest eine historische Fußnote. Damals nämlich heirateten in Heidenheim Artur und Maria Brauner. Der 1918 in Łódz geborene Bräutigam stand damals am Anfang seiner Karriere, die ihn unter dem Spitznamen Atze Brauner zu einem der prägenden Filmproduzenten der deutschen Nachkriegszeit machen sollte. Brauner wurde ab Ende der 1940er-Jahre vor allem mit leichter Unterhaltung bekannt („Liebe, Tanz und 1000 Schlager“). In seinen späteren Jahren arbeitete er aber auch in mehreren Filmen den Holocaust auf. Zu seinen Filmen über die NS-Zeit gehören „Die weiße Rose“, „Zeugin aus der Hölle“ und „Hitlerjunge Salomon“.
Stolpersteine in der Heidenheimer Hauptstraße. Foto: Jens EberStolpersteine in der Heidenheimer Hauptstraße. Foto: Jens Eber

Etlichen Mitgliedern der Familie Brauner war es gelungen, sich vor den Nazis zu verbergen. Die Eltern, Moshe und Bronja Brauner, waren mit ihren jüngeren Kindern nach Heidenheim gelangt. Artur dagegen begann schon in Berlin, seine Karriere als Produzent aufzubauen. Er beschloss, Maria Albert zu heiraten, die eigentlich Theresa hieß, unter den Namen Maria aber untergetaucht gewesen war. Es war klar: Ohne die Eltern wollten sie nicht heiraten. Auf abenteuerlichen Wegen schlug sich das Paar also mit Schwägerin und Schwiegermutter Richtung Süden durch. Unterwegs wurden sie sogar von Militärbehörden festgenommen, aber sie schafften es schließlich nach Heidenheim.

Ben-Gurion hielt einen Vortrag

Dort wurde kurzerhand beschlossen, dass Arturs Bruder Wolf im gleichen Zuge heiraten sollte, also fand im DP-Lager in der Voith-Siedlung eine Doppelhochzeit statt, die bis tief in die Nacht dauern und am nächsten Tag weitergehen sollte.

Maria Brauner starb 2016, ihr Mann Artur drei Jahre später, im Alter von 100 Jahren. Alice Brauner, Tochter von Artur und Maria, führt heute die von Atze Brauner gegründete Filmfirma CCC in Berlin weiter und hat das Leben ihrer Eltern in dem lesenswerten Buch „Also dann in Berlin …“ festgehalten.

Darin findet sich auch die selbst in Heidenheim nur wenig bekannte Episode, dass David Ben-Gurion, der spätere erste Ministerpräsident Israels, im Jahr 1946 für einen Vortrag das DP-Lager besuchte. Sein Auftritt gab offenbar für viele der Bewohner den Ausschlag, schließlich eine neue Heimat in Israel zu suchen.

Die kurze Episode der DP-Lager ist heute weitgehend vergessen. Allerdings formiert sich derzeit eine Initiative, die zumindest am Fußballstadion einen kleinen Ort des Gedenkens einrichten will. In Heidenheim erinnern außerdem an mehreren Stellen „Stolpersteine“ an die deportierten jüdischen Bürger. Von den zehn verschleppten Menschen überlebte lediglich eine Frau. 20 jüdische Bürger waren zuvor bereits geflohen.

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Cover: Also dann in Berlin, Arthur BraunerAlice Brauner: „Also dann in Berlin ...“.

S. Fischer 2021
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