Christliche Themen für jede Altersgruppe

Wo der König unerkannt bleibt

Das Konstanzer Konzil wird vor dem Münster in der Stadt am Bodensee als Freilichttheater aufgeführt. König und Königin begeben sich verkleidet und damit unerkannt ins Wirtshaus und erfahren so, was das gemeine Volk über sie denkt – und über die Welt. Ein Besuch bei den Proben. 

Die Schauspieler zeigen pralles Leben und die Lust am Theaterspiel. Im Wirtshaus auf der Freilichtbühne direkt vor dem Konstanzer Münster. (Foto Brigitte Geiselhart)


Die Erde ist eine Scheibe. Die Stadt am Meer wird zum Mittelpunkt der Welt. Man erwartet den König und seine Frau. Es gilt nicht nur, die stürmischen Wogen der Ehe zu glätten. Schließlich gibt es da noch einen Papst – oder sind es sogar mehrere? Nicht zu vergessen das im wahrsten Sinne des Wortes brennende Problem mit einem gewissen Jan Hus. Kein Wunder also, dass man sich auch im warmen Wirtshaus Hoffnungen macht, vom turbulenten Treiben und von den Gästen aus ganz Europa zu profitieren. Warum nicht eine Schiffsflotte aufbauen und Handel mit fernen Ländern treiben? Gehen wir’s an. Man schreibt das Jahr 1414.

600 Jahre später. Eine Stadt im Fieber des Konzilsjubiläums. Treffpunkt Münsterplatz. „Konstanz am Meer“ heißt das „Himmelstheater“ von Theresia Walser und Karl-Heinz Ott, das unter der Regie von Johannes von Matuschka als Freilichtaufführung jetzt seine mit Spannung erwartete Uraufführung gefeiert hat. Intensive Zeit für die Schauspieler des Theater Konstanz – die behelfsmäßigen Kostüme und die breiten Hüte bei den ersten Außenproben sind nicht zuletzt der heißen Witterung geschuldet.

Fünfte Szene, im Wirtshaus: König, Königin und Papst wollen sich zum ersten Mal unters Volk mischen – inkognito, versteht sich. Gleiche unter Gleichen. Fremde, wie viele andere auch. „Der König, heißt es, sei eine ziemlich hirnlose Hülse“ – wo könnte man solche Sprüche besser klopfen als am gemütlichen Wirtshaustisch? Aber es gibt auch Nachrichten aus erster Hand durch die beiden Baldachinträger Hintz und Kuntz. Sie wissen alles, schließlich sind sie an den königlichen Herrschaften „näher dran, als sie es selbst sind“. Was aber wäre dieses gastfreundliche Haus ohne die Wirtin Martha Haefelin, deren Hoffnungen und Träume zur immanenten Kraft des Stückes werden? In feuchtfröhlicher Runde darf es auch mal deftig zugehen.

Bloß keine falsche Zurückhaltung. Also rauf auf den Tisch und Königin gespielt. „Hure, Hexe, klug und reich“, das sind die Eigenschaften, die man ihr zuschreibt. Jede darf mal, nicht nur die schüchterne Magd. Kann aber sein, dass diese Rolle der einen oder anderen vielleicht sogar mehr auf den Leib geschneidert sein könnte, als man es sich vorstellen mag.

„Schütte ihr das Bier nicht auf den Rock, sondern in den Ausschnitt“,  weist Johannes von Matuschka an. „Sarah, wenn du so lustvoll einen Jauchzer machst, wenn dir das Bier über den Busen rinnt, dann muss das auch so rüberkommen – denk dran, es geht ums mittelalterliche Weltbild.“

Auch der Regisseur ist – von der Zuschauertribüne aus – im Geschehen mittendrin. Er spielt die Posen und Blicke nach, schmachtet, lästert, durchlebt alle Emotionen, die er von seinen Akteuren erwartet. Dass pralles Leben und vitale Lust am Theaterspiel Hand in Hand gehen, das merkt man allen Beteiligten an. Es darf unterbrochen werden – auch von Seiten der Schauspieler. Immer wieder gibt es neue Anregungen, wie die jeweilige Szene zu verbessern wäre.

„Das Buch ,Konstanz am Meer. Ein Himmelstheater‘ ist eine wunderbare Vorlage für das Stück. Die Figuren kommen aus dem Leben, aus dem Volk. Die spielerische bewusste Auseinandersetzung mit dem Konzil – darum geht es“, sagt Regisseur Johannes von Matuschka in einer Probenpause. „Wir präsentieren nicht den Blick eines Historikers, sondern beleuchten die wesentlichen Geschichtsmomente dieses Weltereignisses, das Konstanz geprägt hat, aus Sicht der kleinen Leute – das ist der Clou, der den besonderen Reiz ausmacht.“

Dramaturg Adrian Herrmann ergänzt: „Spannend ist auch der Umgang mit dem großen Thema Jan Hus. Er tritt zwar nicht persönlich auf, ist aber dennoch allgegenwärtig und quasi durch die Hintertür präsent, so wie das auch heute noch in Konstanz der Fall ist.“ „Wenn man in die damalige Zeit eindringt, entdeckt man, wie wichtig auch das Gerede und Geschwätz des Volkes war. Mutmaßungen, Wahrheiten, Halbwahrheiten, alles kommt zusammen – welche Informationen auch immer daraus nach außen dringen“, schwärmt Johannes von Matuschka von der literarischen Vorlage. „So ein Wirtshaus muss ein unglaublicher Kessel, ein Hitzetiegel oder eine Gerüchteküche gewesen sein. Daraus schöpfen die Autoren und machen daraus ein menschlich nahes Erlebnis, ein Betrachten. Man holt König und Papst herunter vom Thron und bringt sie rein ins Volk, auf eine menschliche, gewöhnliche Ebene.“

Sich inkognito in das Wirtshaus zu wagen, das bleibt für König und Papst auch im weiteren Verlauf der Probe eine sehr heiße Sache – unabhängig davon, dass das Thermometer in der Mittagshitze mittlerweile über 30 Grad anzeigt. Obwohl sie nicht erkannt werden, werden sie doch als Fremde vorgeführt. Die gute Berta behauptet beispielsweise glatt, die Erde sei keine Scheibe. „So eine Spinnerin. Das ist doch absurd und Material für höchstes Amüsement – das müsst ihr auch zeigen“, lautet der nächste Einwurf von außen. „Am Ende sagt sie womöglich noch, die Welt sei rund“, hört man den Inkognito-Papst sagen. Wenn das kein Grund ist, sich kaputtzulachen.