Christliche Themen für jede Altersgruppe

Worte für Kopf und Herz - Luthers Morgen- und Abendsegen

Sie gehören zu den prägendsten Gebeten der evangelischen Christenheit und für viele zu den Kernstücken des Glaubens: Luthers Morgen- und Abendsegen. Versehen sind sie mit ganz praktischen Anleitungen. Was uns die beiden Gebete heute noch sagen können.

Morgensegen und Abendsegen Luthers. Foto: adobe TinnakornDank für die Behütung in der Nacht und die Bitte um die Behütung am Tag: Beides steckt in Luthers Segen.Foto: adobe stock/ Tinnakorn

Den Text von Martin Luthers Morgensegen lernen die Grundschüler bei mir auswendig. Er gehört wie selbstverständlich zu unserem morgendlichen Anfangsritual im Religionsunterricht dazu. Noch nie haben die Kinder sich beschwert, dass sie die Worte nicht verstehen. Ich erlebe vielmehr eine erstaunliche Faszination am Alten. Nach und nach wachsen die Kinder in diesen Text hinein. Das zunächst Fremde machen sie sich durch regelmäßigen Gebrauch zum emotionalen Eigentum. Sie ahnen in diesem Text bergende Urbilder der menschlichen Seele. Geradezu aufatmend sagte mir einmal eine Schülerin: „Mama kennt das Gebet leider noch nicht, aber mit dem Uropa habe ich’s schon ganz oft gesprochen.“ Aus der Lernpsychologie wissen wir, dass Kinder ein Verlangen nach Wiederholungen haben.

Bei Kindergebeten ist es wie beim Erzählen von Märchen: Jede Silbe und jeder Satz müssen stimmen. Im Wiederholten erleben wir das ewig Gültige. Unser Kopf mag am Neuen interessiert sein, aber das Herz braucht das Vertraute.

Das ewig Gültige erleben

Das Vertraute wächst aber erst mit dem wiederholenden Üben von Texten. Als Martin Luther im Jahr 1527 seine erste sächsische Visitation durchgeführt hatte, war er erschüttert über den geringen geistlichen Grundwasserspiegel in den Gemeinden. Er stellte fest, dass es „manchen Jammer“ in der Kirche gäbe, weil „leider der gemeine Mann und viel Pfarrherrn … ungeschickt und untüchtig“ seien. Sie würden dahinleben „wie das liebe Vieh und die unvernünftigen Säue“ und wüssten zwar ihre „Freiheit meisterlich zu gebrauchen“, aber das christliche Leben hätten sie nicht begriffen. Deswegen formulierte Martin Luther seinen berühmten „Kleinen Katechismus“, der noch heute die Grundlage des Konfirmandenunterrichtes darstellt. Er wollte einen „kurzen Auszug und Abschrift der ganzen Heiligen Schrift“ verfassen, damit die Menschen didaktisch geschickt den Grundbestand des christlichen Glaubens lernten und sich diesen wiederholend einprägten.

Ihm ging es nicht darum, eine wirkungslose, nur verbale Rechtgläubigkeit zu formulieren. Als guter Pädagoge wusste er vielmehr: die Worte, die im Kopf und Herzen eines Menschen wohnen, gehen auch über ins Handeln des alltäglichen Lebens. Der Händler, der sich morgens das siebte Gebot in Erinnerung ruft, wird sich im Lauf des Tages schwertun, jemanden betrügerisch über den Tisch zu ziehen. Dietrich Bonhoeffer sagte: „Übung ist für die Gestaltwerdung des Glaubens unerlässlich. Sie lässt den Glauben zur persönlichen Erfahrung werden.“

Im Kleinen Katechismus finden sich Luthers Morgen- und Abendsegen zum ersten Mal. Neben dem Vaterunser wurden diese beiden Segenstexte zu den prägendsten Gebeten der evangelischen Christenheit. Zahlreiche bekannte Morgen- und Abendlieder wurden durch die Bilderwelt dieser Worte sprachlich inspiriert. Luther formulierte die Inhalte der Texte nicht selbst. Er knüpfte darin an die lateinischen Vorlagen des mittelalterlichen Stundengebetes an. Mit vitaler Sprachkraft und reformatorischer Theologie hat er das Vorgefundene allerdings eigenständig überprägt. Und so wie sich die Form der Gebete änderte, so änderte sich auch die Zielgruppe der Benutzer. Der Auftrag zur Übung des Gebets (lateinisch exercitium) galt jetzt nicht mehr den meditierenden Klosterleuten, sondern dem „gemeinen Mann“. Das Bewährungsfeld des Christen war jetzt nicht mehr der asketische Rückzug, sondern sein berufliches und gesellschaftliches Engagement. Der Alltag war jetzt der Verwirklichungsbereich des allgemeinen Priestertums aller Gläubigen.

Luther rät auch, sich zu bekreuzigen. Foto: adobe stock/ Africa Studio

Inspiration für viele Lieder

In seinem ganzen „Tun und Leben“ soll der Christ Gott gefallen. Luthers „Begeisterung für das Alltägliche“ (Christian Möller) ist unübersehbar. Das protestantische Arbeitsethos, das mit diesen beiden Gebeten seinen Rahmen und seine Orientierung fand, hat Deutschland jahrhundertelang geprägt und lässt sich bis heute finden. Die Pfarrerstochter Angela Merkel formuliert es so: „Mein Christ-Sein gibt mir Mut und Vertrauen, nicht nur im Privaten, sondern auch im politischen Geschäft, offen das auszusprechen, was ich denke.“

Für seinen Friseur, den „Barbier Peter“, schreibt Luther eine praxisorientierte Anleitung zum Gebet. Darin empfiehlt er ihm das tägliche Wiederholen alter Texte. Diese sollten aber nicht „ohne Andacht zerplappert und zerklappert“ werden.

Vielmehr solle sich der Barbier ein Beispiel am Haareschneiden nehmen. Da müsse er auch „seine Gedanken, Sinne und Augen gar genau auf Schermesser und Haare ausrichten“ und dürfe nicht abschweifen, sonst würde er „Maul und Nase abschneiden“. Dementsprechend verhielte es sich auch mit dem Beten: „Es will den Menschen ganz haben.“ Festformulierte, von der Tradition übermittelte Texte sind eben keine leere Hülle. Der Leipziger Theologieprofessor Peter Zimmerling sieht in ihnen ein „Feuerzeug, um das Feuer des Heiligen Geistes anzuzünden“.

Auch Luthers Morgen- und Abendsegen sind mit praktischen Handlungsanleitungen verbunden: „Des Morgens, wenn du aus dem Bette fährst, sollst du dich segnen mit dem heiligen Kreuz“. Die Sitte des Sich-Bekreuzigens hat Luther nicht abgeschafft. Er empfand dieses Ritual als Bekenntniszeichen der Zugehörigkeit zu Christus. Symbolisch drückt es damit die Gewissheit aus, die in den anschließenden Worten inhaltlich formuliert wird. Beide Segensworte folgen demselben Aufbau und sind parallel gestaltet. Der Morgenund der Abendtext sind wie zweieiige Zwillingsschwestern, denen man trotz einiger Unterschiede ihre gegenseitige Verwandtschaft ansieht. Über beiden Segenstexten steht der versichernde Vorspruch: „Das walte Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist“. Das alte Wort „walten“ kommt heute im Alltag kaum mehr vor. Dennoch löst der Begriff Resonanz aus. Es gibt den Verwalter, der die unüberschaubaren Vorgänge dieser Welt souverän regiert. Und wir kennen den Anwalt, der sich vorbehaltlos auf meine Seite stellt. Schon im Vorspruch wird dem Beter klar: Diese Welt ist kein herrschaftsfreier Raum, sondern der Schutzbereich Gottes. Ihm gehört alle Gewalt im Himmel und auf Erden.

Daraus folgt zunächst der Dank: „Ich danke dir, mein himmlischer Vater“. Wer zum göttlichen Vater kommt, wird sich der doppelten Gnade bewusst, die er aus dessen Händen empfangen hat. Zum einen ist es das irdische Leben, das Gott allen Menschen geschenkt hat. Am Morgen ist dieses Unverfügbare besonders intensiv erlebbar. Wenn der Mensch nach dem Ausgeliefertsein der Nacht sich wieder lebend vorfindet, spürt er das Wunder des geschenkten Daseins. Der neue Tag ist da, obwohl er nichts dazutun konnte. Im Angesicht des Vaters, der das Verlorene sucht, wird uns auch die zweite Gnade bewusst, die dem Glaubenden widerfährt. Durch den Tod und die Auferstehung Jesu Christi empfangen wir Vergebung der Sünden und ewiges Leben. Gerade am Abend ist diese befreiende Erfahrung besonders zu spüren. Trotz eigener Schwäche und vielem Versagen dürfen wir immer noch leben. Im abendlichen Segenswort Luthers wird daher nicht resümiert und räsoniert, sondern schlichtweg gedankt. Gott hat uns „gnädiglich behütet“. Im Danken findet der Mensch zur Mitte seiner Bestimmung. Wir sollen „zum Lob von Gottes Herrlichkeit leben“ (Epheser 1,12).

Texte wie zweieiige Zwillinge

Dem Dank folgt die Bitte. Nicht zahllose Gebetsanliegen werden da aufgezählt, sondern nur das eine, dass wir behütet werden. Behütet vor der Sünde des Tages und vor den Ängsten der Nacht. Dass Gott mit seiner Hand die Ur-Fluten des zerstörerischen Chaos zurückhält, wie beim Neubeginn der Schöpfung nach Noahs Sintflut. Dass er uns Raum lässt zum Leben.

Und schließlich ein Vertrauensbekenntnis: „Denn ich befehle mich, meinen Leib und Seele und alles in deine Hände ...“ Alle Angelegenheiten werden an Gott übertragen. Er wird zum Kümmerer des eigenen Lebens erklärt: „Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!“ (Dietrich Bonhoeffer).

Die Segensgebete Luthers atmen den Geist der Befreiung. Beim Erwachen oder beim Einschlafen mögen tausend Sorgengeier auf der Bettkante unserer Schlafstatt sitzen. Sie warten darauf, sich auf unsere Gedanken zu stürzen. Doch das Gebet setzt den Sogkräften der Angst eine Grenze. Der Aufblick zu Gott schafft innere Weite und die Lufthoheit, die uns morgens „mit Freuden ans Werk“ gehen und abends „flugs und fröhlich“ schlafen lässt.

Die Bilder, die in der Kindheit gesammelt wurden, können einen im Alter wärmen. Nicht nur mit den Grundschülern spreche ich Luthers Gebetstexte, auch im Altersheim sind sie in regem Gebrauch. Gerade Senioren, die mit der Demenz zu kämpfen haben und in deren Kopf so vieles entschwindet, sprechen mit Überzeugung diese Worte. Sie begegnen darin einem alten Bekannten. Sie erleben Licht mitten in der Nacht des Vergessens.

◼ Rainer Köpf ist Pfarrer in Beutelsbach.

Getreide, Feld bei Sonnenaufgang. Foto: kangbch, pixabayFoto: kangbch, pixabay

Luthers Morgensegen

Des Morgens, wenn du aufstehst, kannst du dich segnen mit dem Zeichen des heiligen Kreuzes und sagen:

Das walte Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist! Amen

Darauf kniend oder stehend das Glaubensbekenntnis und das Vaterunser.

Willst du, so kannst du dies Gebet dazu sprechen:

Ich danke dir, mein himmlischer Vater, durch Jesus Christus, deinen lieben Sohn, dass du mich diese Nacht vor allem Schaden und Gefahr behütet hast, und bitte dich, du wollest mich diesen Tag auch behüten vor Sünden und allem Übel, dass dir all mein Tun und Leben gefalle. Denn ich befehle mich, meinen Leib und Seele und alles in deine Hände. Dein heiliger Engel sei mit mir, dass der böse Feind keine Macht an mir finde.

Alsdann mit Freuden ans Werk gegangen und ein Lied gesungen oder was dir deine Andacht eingibt.

EG (Evangelisches Gesangbuch)
Seite 1202 (Morgen)

Beten. Bibel. Hände halten. Foto: Godsgirl_madi, pixabayFoto: Godsgirl_madi, pixabay

Luthers Abendsegen

Des Abends, wenn du zu Bett gehst, kannst du dich segnen mit dem Zeichen des heiligen Kreuzes und sagen:

Das walte Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist! Amen
Darauf kniend oder stehend das Glaubensbekenntnis und das Vaterunser.

Willst du, so kannst du dies Gebet dazu sprechen:

Ich danke dir, mein himmlischer Vater, durch Jesus Christus, deinen lieben Sohn, dass du mich diesen Tag gnädiglich behütet hast, und bitte dich, du wollest mir vergeben alle meine Sünde, wo ich Unrecht getan habe, und mich diese Nacht auch gnädiglich behüten. Denn ich befehle mich, meinen Leib und Seele und alles in deine Hände. Dein heiliger Engel sei mit mir, dass der böse Feind keine Macht an mir finde.

Alsdann flugs und fröhlich geschlafen.

EG (Evangelisches Gesangbuch)
Seite 1218 (Abend)

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