Christliche Themen für jede Altersgruppe

Wortgewaltiger Menschenfreund - Jörg Zink

Er war einer der bekanntesten Pfarrer Deutschlands. 240 Bücher hat Jörg Zink geschrieben. Zu Zehntausenden strömten die Menschen herbei, wenn er bei Kirchentagen eine Bibelarbeit hielt. Am 22. November wäre Jörg Zink 100 Jahre alt geworden.

Vertrauen. Foto: Anna Shvets, pexelsFoto: Anna Shvets, pexels

Zum letzten Mal erklomm Jörg Zink „seine Kanzel“ 2011. Er kam nicht mehr nach Bremen zum Deutschen Evangelischen Kirchentag. Seine Gesundheit erlaubte es nicht mehr, persönlich anwesend zu sein. Er sprach vor einem vollen Saal vom Monitor aus über politische und menschliche Katastrophen. Er legte 5. Mose 30,6-20 aus und redete über Parteien, die untereinander stritten, einander Schuld am Elend zuschoben, über jene, die ihrem verlorenen Reichtum nachtrauerten, über Gegner jeder religiösen Ordnung. Manches in dieser letzten Bibelarbeit Jörg Zinks liest sich heute so aktuell wie damals.

Geboren wurde er am 22. November 1922 in der Nähe von Schlüchtern im Südosten Hessens. Dort, am Rande der Rhön, hatten die Eltern 1919 eine christliche Landkommune gegründet, in der es kein privates Eigentum geben sollte. Die Ideale konnten nur kurz verwirklicht werden. 1924 starb die Mutter Maria. „Die Zeit nach dem Tod meiner Mutter erlebte ich als ständigen Szenenwechsel. Großeltern, Tanten, ein Kinderheim, bis uns der Vater eine neue Mutter brachte“, schreibt Jörg Zink in seinen Lebenserinnerungen. Nach dem Tod des Vaters 1927 war es dessen zweite Frau, Martha Zink-Mahle, die mit ihrem Kind und den drei Zink-Buben in Ulm Heimat fanden.

» Aufatmen sollt ihr und frei sein «

Die Wälder, Felsen und Höhlen der Schwäbischen Alb, Täler und Quellen prägten Erleben, Empfinden und Denken des Jungen. Unabhängigkeit, Selbstständigkeit, Fantasie seien ihm in diesen Jahren zugewachsen. „Und wenn andere es nicht sahen, so wusste ich doch, dass hinter allen Dingen dieser Erde eine geistige Wirklichkeit sei.“ Der Federsee wurde sein Lieblingsort. 17-jährig wurde Zink Soldat – Flieger wollte er werden. Nach zwei Jahren war er Funker. Er wurde Mitglied einer dreiköpfigen Crew eines für den Luftkampf umgebauten Langstreckenflugzeugs. Am Ende des Krieges war er einer von ganz wenigen aus seiner Fliegerstaffel, die noch am Leben waren.

Jörg Zink studiert evangelische Theologie und Philosophie. Er wurde Vikar in Stuttgart, dann Repetent am Stift in Tübingen und danach Pfarrer in Esslingen. Zum Doktor der Theologie wurde er bei Professor Helmut Thielicke promoviert.

Und wie später noch oft fing er Neues an. Nebenher Jugendpfarrer und zuständig für die berufsbegleitende Arbeit der jungen Akademie Bad Boll, begann er sich in die evangelische Pressearbeit einzuarbeiten. Aus seiner Erfahrung mit der Natur und dem Eindruck, dass Kinder und Jugendliche kaum Zugang zu natürlichem Leben haben, gründete Zink in den 60er-Jahren zusammen mit anderen die „Jugendfarm“. „Wir bekamen ein großes Holzhaus geschenkt und bauten es an vielen Wochenenden gemeinsam aus zu einer Stallung für Pferde und Esel, mit Heuboden, mit einem Gruppenraum und einer Küche. Früh schon holten wir die Kinder aus der Umgebung dazu, und es entstand ein Dorf, das sie sich aus Stangen und Brettern selbst bauten“, schrieb Zink in seinem Lebensrückblick.

Jörg Zink war ein Meister des Wortes, sei es geschrieben oder gesprochen. Foto: Gemeindeblatt/ factum WeiseJörg Zink war ein Meister des Wortes, sei es geschrieben oder gesprochen. Foto: Gemeindeblatt/ factum Weise

1961 erschien das Buch „Womit wir leben können“. Es sind unkommentierte und mit nur wenigen Erläuterungen versehene Texte der Bibel, die Zink für jeden Tag zusammengestellt hat. Dass er die Texte selbst neu übersetzt hatte, galt als unerhört. Entsprechend waren die Reaktionen. Zink verteidigte sein Vorgehen. Angestoßen wurde die neue Übersetzung durch die Erfahrung, die Zink als Leiter des Burckhardthauses in Gelnhausen gemacht hatte. Den jungen Frauen, die dort Zuflucht, Ausbildung, Fortbildung fanden, waren die traditionellen Texte der Bibel weder bekannt noch verständlich.

Zinks Buch wurde ein Erfolg. Es wurde in vielen Auflagen 1,4 Millionen Mal gedruckt und verkauft. Dadurch ermutigt, übersetzte Zink die ganze Bibel in die Sprache seiner Zeit. Es folgten in schneller Folge Bücher mit Gebeten für Erwachsene, Kinder und Familien. Jene entstanden zusammen mit Zinks Ehefrau Heidi, mit der ihn eine lebenslange tiefe Liebe verband.

» Ich soll die Liebe Gottes leben «

Als „Rundfunk- und Fernsehpfarrer“ der württembergischen Landeskirche setzte Zink seine Idee durch, ein Zentrum evangelischer Publizistik zu schaffen. Rund 100 Mal saß er samstags vor Fernsehkameras und sprach das „Wort zum Sonntag“.

Matthias Drobinski schrieb 2016 in der Süddeutschen Zeitung: „Jörg Zink konnte die Menschen mit Wörtern fesseln, sie mitnehmen auf seine Gedankenreisen, und wer wissen wollte warum, der durfte ihn nicht im Fernsehen anschauen, der durfte nicht einmal so sehr eines seiner Bücher lesen. Wer die Faszination von Jörg Zink erleben wollte, musste einen evangelischen Kirchentag besuchen, früh aufstehen und sich in einen der überfüllten Räume quetschen, in denen er seine Bibelarbeiten hielt.“ Zink sprach über das Leben seiner Zuhörer. Er sprach über die Tiefe des Lebens, über das Jenseitige und Ewige, über Transzendenz. Aber er sprach auch über Frieden und Umweltzerstörung, Abrüstung und Aufrüstung, über Widerstand, über Leben und Tod.

Seine letzte Kirchentags-Bibelarbeit in Bremen endete so: „Gott, wir gehen von dir zu dir. Das ist Ewigkeit. Ich soll die Liebe Gottes leben und sie für andere spürbar machen. Das ist der Sinn meines Lebens.“

Jörg Zink, so sieht es sein Biograf Matthias Morgenroth, „hat immer wieder für beide geschrieben, für die Zukunft des Christentums, das anders werden muss. Für eine Kirche ohne Gerede von einer angeblich einzufordernden angeblichen christlichen Moral, ohne Profilneurose und Abgrenzungsdiskussionen zwischen Konfessionen und Religionen.“ Es gehe nicht darum, einer Kirchenleitung zu gehorchen. Sondern darum zu hören, was wir von Jesus Christus hören.

Und doch kann Zink auch schreiben wie dankbar er der württembergischen Landeskirche sei. Weit mehr Widerspruch und Angriffe strömten auf Zink ein, als er in der Zeit der Friedens- und Ökologiebewegung einer ihrer Sprecher wurde. Konsequent beendete Zink seine kirchliche Tätigkeit und lebte von da an als freier Journalist. Wieder begann Zink, machte einen neuen Anfang. Sein Thema wurde die christliche Mystik. Als 20-Jähriger hatte Zink in einem Brief geschrieben: „Wenn das Christentum nicht seinen mystischen Hintergrund wieder entdeckt, dann hat es nichts mehr zu sagen.“

Im Gespräch mit Andreas Rössler, das im Evangelischen Gemeindeblatt zu lesen war, erläuterte Zink: „Zu einer mystischen Frömmigkeit gehört, dass Erfahrungen, auch religiöse Erfahrungen ernst genommen werden und dass man mit diesen Erfahrungen nicht einer Glaubensbehörde gegenübersteht, sondern unmittelbar Gott.“ Später fährt er fort: „Wie soll ein Mensch das Wort Gottes hören, wenn ihm nicht erlaubt wird, in seine eigene Seele hineinzugehen, dort eine gewisse Stille herzustellen und danach zu hören, was lautlos an ihn ergeht.“ 1997 erschien Zinks Buch „Dornen können Rosen tragen“. Darin gab Zink eine poetische Anleitung zum „Weitergehen von allem vorgeschriebenen religiösen Verhalten zur Freiheit eines persönlich verantworteten Stils“.

Jörg Zink starb am 9. September 2016 in Stuttgart. Sein Grab fand er dort auf dem Waldfriedhof. Den Trauergottesdienst stellte Prälat Martin Klumpp unter die Überschrift: „Aufatmen sollt ihr und frei sein“. So übersetzte Zink den Vers aus Matthäus 11,28.

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