Christliche Themen für jede Altersgruppe

Wundersame Träume

Das Wunder von Weihnachten hat es nur deshalb gegeben, gibt uns der Evangelist Matthäus zu verstehen, weil ein Mann auf seine Träume geachtet hat. Ohne die Träume von Josef und den Weisen aus dem Morgenland hätte das Kind in der Krippe nicht lange überlebt. Von den fünf Träumen in der Weihnachtsgeschichte ist der erste der alles entscheidende Traum. 


(Foto: Simone Sander)

Wenn man die Weihnachtsgeschichte in Matthäus 1 und 2 genau liest, merkt man, dass der Schlüssel für Josefs Verhalten und für alle anderen Träume im ersten Traum liegt. Es kommt jedenfalls alles anders als geplant. Josef ist der Verlobte Marias – die jüdische Verlobung war ein rechtsverbindliches Eheversprechen. Die beiden haben die Ehe noch nicht vollzogen. Da stellt sich heraus, dass Maria ein Kind erwartet – durch die Wirkung des Heiligen Geistes, nicht „durch einen Mann“. Josef zweifelt, will sich von Maria trennen, „heimlich“, diskret.

Ist Josef ein Schwächling? Nein. Es ist eher so, dass Maria nicht geächtet oder gedemütigt werden soll. Josef will die Verlobung heimlich auflösen, weil er Maria „nicht in Schande bringen“ will.

Josef ist offenbar kein Mann, der den Pascha geben muss. Zweifelt er an seinem Zweifel, ist er so klug? Martin Luther entscheidet sich für „Josef, ihr Mann, war fromm“ als Übersetzung für dessen Charakterisierung, die in seiner Bibel „iustus“ (im griechischen Original mit „dikaios“, was auf Deutsch „gerecht“ heißt) lautet.

Josef wird von Matthäus als Mann mit aufrechter Gesinnung geschildert, der sich nicht so wichtig nimmt, dass seine Gefühle über eine etwaige Kränkung seiner männlichen Machtposition und Überlegenheit die Kontrolle über sein Denken übernehmen. Das hat er nicht nötig, da steht er drüber.

Mit dem zweiten Satz baut Matthäus Spannung auf, indem er Josef widersprüchlich charakterisiert: „Josef war gerecht und wollte Maria nicht in Schande bringen, gedachte aber, sie heimlich zu verlassen.“ Der Begriff „gerecht“ schließt Verantwortung für den Mitmenschen, Liebe und Barmherzigkeit ein. Im Gegensatz zum deutschen Begriff „Gerechtigkeit“, der auf die Erfüllung einer formalen Rechtsnorm zielt, geht es beim biblischen Verständnis von „Gerechtigkeit“ immer um die Beziehung zwischen Personen, die in dem „rechten“, beiden Seiten gerecht werdenden Verhältnis zueinander stehen sollen. Gerecht ist, wer sich der idealen Form einer solchen Beziehung – sei es zwischen Menschen oder zwischen Gott und Mensch – „entsprechend“ verhält.

Wieso ändert Josef seine Pläne und trennt sich doch nicht? Der Himmel jedenfalls verbietet ihm die Trennung nicht. Kein Gebot, kein Befehl kommt über die Lippen des Engels in Josefs Traum.

Die Antwort liegt im Anfang seines nächtlichen Traumgesprächs. „Josef, du Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria, deine Frau, zu dir zu nehmen; denn was sie empfangen hat, das ist von dem Heiligen Geist.“ Genauer gesagt liegt in der Anrede durch den Engel der Schlüssel: „Josef, du Sohn Davids, fürchte dich nicht.“ Es sind eigentlich nur zwei Wörter, auf die es ankommt. Die werden leicht übersehen.

Nur ein einziges Mal kommt diese Anrede Josefs in der Bibel vor. Josef wird in seinem Traum durch einen Boten Gottes so angesprochen. Nebenbei: Aus dem altgriechischen Wort für Bote („angelos“) entstand in unserer Sprache das Wort Engel. Das ist ein Blickwechsel mit ungeheurer Wirkung: Josef bekommt nicht nur einen langen Stammbaum, sondern Josef ist jemand ganz besonderes. In der Anrede „Josef, du Sohn Davids“ schwingt mit, er ist ein Träger des David-Segens (2. Samuel 7,11?–?16). Gott lässt David über Nathan ausrichten: „Ich will dir einen Nachkommen erwecken, der von deinem Leibe kommen wird; dem will ich sein Königtum bestätigen. Dein Haus und dein Königtum sollen beständig sein in Ewigkeit vor mir, und dein Thron soll ewiglich bestehen.“

Jetzt wird deutlich, dass Matthäus will, dass die Leser den Anfang seines Evangeliums im Ganzen lesen, um zu verstehen. Dieser Stammbaum dient nicht literarischen Absichten, als sollte man zunächst eingeschläfert werden, bevor die turbulente Weihnachtsgeschichte einsetzt, sie ist der geschichtstheologische Bezugsrahmen für Josefs nächtlichen Traum. Damit man versteht, dass Josef nicht auf einen Befehl handelt, sondern freiwillig, von innen heraus. Weil man die Dimension ermessen oder ahnen kann, was Josef bei „du Sohn Davids“ gefühlt und gedacht haben mag.

Die Vorlage dafür findet Matthäus in Ruth 4. Es sind die fünf Schlussverse, der krönende Abschluss dieses Buches. Darin wird erzählt, warum ausgerechnet eine verwitwete Ausländerin zur Stammmutter von Israels berühmtestem König wurde. Matthäus übernimmt dieses Stück Stammbaum und baut ihn groß aus. Über Zeugung und Zeit gelangt Matthäus zur Exposition seines Evangeliums und liefert diesen kunstvollen Stammbaum mit den 42 Generationen. Er ist rhythmisiert in drei Teile.

Es sind jeweils 14 Generationen, notiert Matthäus zum Schluss. Auch das bedeutet etwas. Denn in der Antike dienten Buchstaben als Ziffern und Zahlen. Der Name „David“ wird im Hebräischen mit den drei Buchstaben DWD geschrieben. Zugleich kann man DWD als Zahlen verstehen, dann liest man vier, sechs, vier. Das ergibt in der Summe 14. All das soll verkünden: In Jesus ist der verheißene Nachkomme Davids, der versprochene Retter Israels, erschienen.

„Josef, du Sohn Davids“ – der zweifelnde, zögernde Josef taucht in diesem einmaligen Stammbaum auf. Seine Aufgabe als ein „Sohn Davids“ ist es, dafür zu sorgen, dass sich der David-Segen entfalten kann. So sorgt er für Maria und ihr Kind.

Der zweite Traum in der Weihnachtsgeschichte ist der der Weisen aus dem Morgenland. Sie hatten von Herodes den Auftrag, ihn zu benachrichtigen, wenn sie das Jesuskind gefunden haben. Die Weisen sind in der griechischen Bibel „Magier“. Das konnten in der Antike tatsächlich Zauberer sein, aber auch Sterndeuter und Traumdeuter. Auf jeden Fall waren sie gelehrte Männer, die in der persischen Religion auch Priesterdienste wahrnahmen.

In der Bibel ist das nicht überliefert, aber vermutlich haben die Weisen schon nach dem Besuch bei Herodes ein ungutes Gefühl gehabt. Als sie träumen, nicht mehr zu Herodes zurückzukehren, zweifeln sie nicht an dieser Botschaft. Ihnen ist klar, dass der göttliche Befehl mehr zählt als der Wunsch des weltlichen Königs Herodes.

Doch auch Josef erfährt jetzt, dass das Kind jetzt in Lebensgefahr ist. Herodes will es umbringen lassen. Wieder erscheint Josef ein Engel im Traum – ein Engel als Bote Gottes. Josef soll mit Maria und dem Jesuskind nach Ägypten fliehen. Ausgerechnet Ägypten! Es ist das Land, in dem die Israeliten unterdrückt und ausgebeutet wurden, das Land, aus dem sie selber einst geflohen sind.

Andererseits hat Ägypten vielen Israeliten Zuflucht geboten. Josef aus dem Alten Testament geht zwar nicht freiwillig nach Ägypten, aber er wird dort glücklich werden. Es ist kein Zufall, dass Josef aus dem Alten Testament und Josef aus dem Neuen Testament zeitweise in Ägypten eine Heimat finden.

Es gibt noch weitere Belege für Ägypten als Ort der Zuflucht. Jerobeam flieht nach seinem Aufstand gegen Salomo nach Ägypten und stirbt dort eines natürlichen Todes (1. Könige 11). Der Prophet Uria sucht ebenfalls in Ägypten Schutz, weil König Jojakim ihn töten lassen will (Jeremia 26,11); das schützt ihn allerdings letztendlich nicht vor dem Tod, der König lässt ihn zurückholen.

Als Josef aufwacht, bricht er noch in der Nacht mit Maria und Jesus auf. Sie brauchen einen Esel oder ein Kamel, das Mutter und Kind trägt. Und jemand, der ihnen den Weg weist und sie über die Grenze bringt. Die Geschenke der Weisen kommen da gerade recht. Gold, Weihrauch und Myrrhe können für die Flucht zu Geld gemacht werden.

Ägypten ist noch in anderer Hinsicht für Jesus als Messias wichtig. Gott lässt durch den Propheten Hosea sagen (Hosea 11,1) sagen: „Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen.“

Auffällig ist, dass Träume relativ selten im Neuen Testament vorkommen. Wenn doch, dann wird der Begriff „Traum“ nur beim Evangelisten Matthäus verwendet. In der Weihnachtsgeschichte sind Träume ausschließlich Weisungen Gottes. Sie werden von den Weisen und Josef eindeutig als Gottes Botschaften erkannt und ganz selbstverständlich befolgt.

Wie lange die kleine Familie im Ausland bleibt, wissen wir nicht. Aber als Herodes stirbt, erscheint Josef wieder ein Engel im Traum. Das Asyl in Ägypten wird beendet – mit einem Zitat aus der Geschichte von Moses Asyl in Midian, dass die Gefahr vorüber ist: „Sie sind gestorben, die dem Kindlein nach dem Leben getrachtet haben.“

Josef soll in das Land Israel ziehen. Damit ist nicht nur die Heimat von Josef und Maria gemeint, sondern die Formulierung vom „Land Israel“ erinnert an das Heilige Land, das den Israeliten einst versprochen worden ist. Doch in einem weiteren Traum – dem fünften und letzten in der Weihnachtsgeschichte – erfährt Josef, dass er sich in Acht nehmen muss vor Herodes‘ Sohn Archelaos (Matthäus 2,22?–?23). Die Familie soll erst einmal ins galiläische Nazareth gehen. Nach Lukas ist Nazareth Wohnort der Eltern Jesu bereits vor dessen Geburt, nach Matthäus wird er erst später die Heimat der Familie. Galiläa war zu dieser Zeit kein reines jüdisches Gebiet. Dort lebten auch viele Nicht-Juden – Heiden würde die Bibel dazu sagen. Nach Nazareth zu ziehen heißt auch für Jesus, er wird später immer als Grenzgänger unterwegs sein. Seine Botschaft richtet sich an alle Menschen, ganz gleich ob sie Juden oder Heiden sind.

Josefs Träume sind überlebenswichtig. Die Engelsanrede „du Sohn Davids“ hat Josef an Jesus weitergegeben. Das wirkte sich offenbar so erfolgreich aus, dass er damit später als der verheißene Retter angerufen wurde.


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