Christliche Themen für jede Altersgruppe

Zugefügtes Leid überwinden - Vergebung

„Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“, heißt es im Vaterunser. Doch dieses christliche Gebot umzusetzen, fällt ziemlich schwer. Dabei ist Vergebung ein wichtiger Teil der Seelenhygiene, lehrt die Psychologie. Wer verzeihen kann, der profitiert davon selbst am meisten.

Diese Bibelillustration aus dem 17. Jahrhundert zeigt, wie Josef von seinen Brüdern misshandelt wird.
Foto: alg-images

Da ist der Nachbar, der einen vor kurzem nicht gegrüßt hat. Die Bekannte, die sich in geselliger Runde über einen lustig gemacht hat. Ob aus Boshaftigkeit oder aus Versehen, spielt keine Rolle: Die Kränkung sitzt. Es fällt schwer, darüber hinwegzukommen. Wenn es um alte Geschichten aus der Vergangenheit geht, die nie bereinigt wurden, ist das Elefantengedächtnis noch ausgeprägter: Der Ex-Freund, der einfach ging. Die Lehrerin, die einen vor der ganzen Klasse gedemütigt hat. Viele haben so eine innere Liste mit Menschen, mit denen noch eine Rechnung offen ist.

Manchmal sind solch alte Wunden auch noch nach Jahrzehnten nicht wirklich verheilt, sondern nur mit Schorf bedeckt, so dass sie bei kleinster Berührung wieder aufreißen. Oft durch Ereignisse, die gar nicht unmittelbar mit den alten Vorkommnissen zu tun haben müssen. Bei Erbstreitigkeiten etwa geht es oft nur vordergründig um die Verteilung von Geld und Besitz, unterschwellig wollen die Beteiligten endlich alte Kränkungen, Demütigungen und Benachteiligungen ausgeglichen bekommen. Aus der Familienforschung weiß man, dass Wut, Ärger und Trauer sogar über Generationen hinweg weitervererbt werden. Eltern, die ihren Schmerz nicht aufgearbeitet haben, geben ihn unbewusst an die Kinder weiter. Manche verbittern und verschließen ihr Herz, um sich vor dem Schmerz zu schützen.

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Wer vergeben kann, der muss eine solche Verhärtung nicht fürchten. Die Geschichte um Josef und seine Brüder im Alten Testament erzählt etwas über eine außergewöhnlich großherzige Vergebung. Die Brüder haben Josef übel mitgespielt, als sie ihn als Sklaven nach Ägypten verkauften. Als die Männer viele Jahre später bei Josef auftauchen – da hat er es längst zu Reichtum und Ansehen gebracht – reagiert dieser völlig anders als es nach solch einer Gemeinheit zu erwarten wäre. Nachdem Josef sich zu erkennen gab („ich bin euer Bruder, den ihr nach Ägypten verkauft habt“), setzt er nicht zu Vorwürfen an, sondern sagt milde: „Lasst es euch nicht leid sein, dass ihr mich verkauft habt”. Und dann küsste er alle seine Brüder, heißt es bei Mose. Alle Achtung.

Würde man diese Geschichte in die heute Zeit übertragen könnte sie so aussehen: Ähnlich schwerwiegend, wie die Vergehen der Brüder, wäre es, wenn die Geschwister den Jüngsten um sein Erbe brächten oder bei Missbrauch einfach weggesehen hätten. Nach Jahren käme der Bruder dann zu einem Familienfest und sagte zu seinen Geschwistern: „Ich liebe euch immer noch und habe euch verziehen. Macht euch keine Sorgen mehr über das, was ihr mir angetan habt.“

Wer vergibt profitiert selbst am meisten davon

Warum sollte ich aber Unrecht, das mir angetan wurde, überhaupt verzeihen? Christen sind aufgefordert, Vergebung zu praktizieren. Wie überaus sinnvoll und zutiefst heilsam dieses Gebot ist, wird deutlich, wenn man das Ganze von psychologischer Seite betrachtet. In den USA hat sich seit den 1980er-Jahren ein richtiges Forschungsgebiet zu Vergebung etabliert. Die Kenner der menschlichen Seele haben eine verblüffend simple Antwort: Wer verzeiht, profitiert selbst am meisten davon.

Das klingt erstmal absurd: Ich soll also einer Person, die mich verletzt hat, etwas Gutes tun, indem ich ihr vergebe, um mich selbst besser zu fühlen? Genau, sagt einer der wichtigsten amerikanischen Forscher auf diesem Gebiet, Robert D. Enright. „Vergebung ist ein Widerspruch in sich und doch funktioniert sie”, schreibt er in seinem Buch „Vergebung als Chance”. „Indem wir Menschen die Hand reichen, die uns verletzt haben, sind wir diejenigen, die heilen.” Wut und Groll verwandeln sich dann in neue Lebensenergie. Das Ereignis oder die Person, die einen verletzte, hat nicht länger die Macht über das eigene Wohlbefinden.

Das klingt zwar gut, doch wie befreit man sich aus der Dauerschleife der Vorwürfe und Schuldzuweisungen? Vergebung muss man wollen, sie geschieht nicht automatisch, sondern ist eine Entscheidung, die bewusst getroffen werden muss. Und sie ist ein Prozess, der Kraft kostet und Zeit braucht, denn sie bedeutet im ersten Schritt, „sich der konkreten Verletzung zuzuwenden”, sagt die Theologin und Buchautorin Melanie Wolfers in einer Zeitschrift. „Es gibt keinen Weg der Vergebung an unseren Gefühlen vorbei.” Auch die unangenehmen Gefühle wie Ärger, Wut, Hass, Scham, Ohnmacht und Angst gehören dazu. Sie müssen zugelassen und am besten auch offen besprochen werden.

Denn: Vergebung bedeutet eben nicht, etwas zu vergessen, zu beschönigen und zu entschuldigen. Es bedeutet auch nicht, zu leugnen, dass man verletzt wurde. Im Gegenteil: „Um vergeben zu können, muss man sich eingestehen, dass man verletzt worden ist und das Recht hat, sich verletzt zu fühlen”, sagt Robert D. Enright.

Vergebung - Perspektive ändern

In einem zweiten Schritt geht es darum, den eigenen Tunnelblick zu weiten. „Dabei hilft es, die Perspektive zu verändern und sich in die Situation des anderen einzufühlen”, empfiehlt Melanie Wolfers. Warum hat der andere das getan? Welche Geschichte, welche Wunde trägt er vielleicht mit sich herum? So kann sich Verständnis entwickeln für die Person, die einen verletzt hat, ohne das Unrecht an sich zu entschuldigen. Selbst bei gravierenden Schicksalsschlägen wie Mord oder Missbrauch kann dieser Perspektivwechsel den Opfern etwas helfen.

Gisela Mayer, deren Tochter beim Amoklauf in Winnenden 2009 von einem 17-Jährigen erschossen wurde, hat aus Anlass des zehnjährigen Gedenktages von ihrem Vergebungsprozess berichtet. Die Mutter, die verständlicherweise lange Zeit voller Hass auf den Täter war, sagt heute: „Ich habe ihm verziehen.” Der junge Amokläufer sei eigentlich ein bedauernswerter, armseliger Junge gewesen. Heute spüre sie keinen Hass mehr, sondern habe inneren Frieden gefunden. Gisela Mayer hat erkannt, dass Rache kein Weg ist. Es sei fatal zu glauben, der Verlust sei durch Rache leichter zu ertragen.

„Rache heilt keine Wunden, sie führt nur zur Eskalation von Leid”, bestätigt Melanie Wolfers. Wer vergibt, unterbricht den Teufelskreis und die Macht der bösen Tat. Das kann im letzten Schritt schließlich die aktive Vergebung bedeuten. Dafür muss man mit dem Menschen, der uns verletzt hat, nicht unbedingt sprechen. Es reicht, sich die betreffende Person vor dem inneren Auge vorzustellen. Vergebung ist ein Akt der Gnade und Barmherzigkeit, der sich nicht erzwingen lässt. Letztlich bedeutet Verzeihen die Akzeptanz dessen, was geschehen ist und was unabänderlich ist: unsere Vergangenheit. Wer die Fesseln vergangener Ereignisse loslassen kann, befreit sich selbst aus dem Gefängnis negativer Emotionen und kann wie Josef sein Herz wieder öffnen.

 

 

 

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