Christliche Themen für jede Altersgruppe

Zukunft für Gottes Haus - Kirchenimmobilien mit Leben füllen

Kirchen sind ein Schatz, der unterhalten werden muss. Doch wenn Besucher und finanzielle Mittel knapper werden, können sie für eine Gemeinde auch zur Last werden. Vom schwierigen Weg, kirchliche Gebäude umzuwidmen und wieder mit Leben zu füllen.

Neue Pauluskirche Essen. Foto: Pressebild zwo+ Peter StockhausenDie Neue Pauluskirche in Essen ist heute ein Ort für sehr junge und sehr alte Menschen. Foto: Pressebild/zwo+/ Peter Stockhausen

Durch Weisheit wird ein Haus gebaut und durch Verstand erhalten. Sprüche 24,3.

Die Kirche St. Bernhard prägt das Stadtbild von Winnenden seit mehr als 300 Jahren. Doch die Gemeinde besitzt im Zentrum neben dem Gotteshaus einen weiteren Sakralbau, die Schlosskirche. Sie ist der Mittelpunkt der Gemeinde, hier finden seit Jahrzehnten die Sonntagsgottesdienste statt. Das Dilemma: Die Bauten liegen gerade einmal 500 Meter auseinander. Pfarrer Reimar Krauß sagt: „Beide Kirchen zu unterhalten, geschweige denn zu füllen, ist nicht möglich.“

Wie der Gemeinde in Winnenden geht es vielen im Land: Während die Zahl der Kirchenaustritte massiv steigt und die der Taufen sinkt, verschlingen die Gebäude extrem viel Geld im Unterhalt. Nachzulesen ist dies beim Verein „CoRE Campus of Real Estate“ an der Nürtinger Hochschule für Wirtschaft und Umwelt. Für eine Dorfkirche belaufen sich die Kosten schnell auf 200 000 Euro im Jahr. Strom, Heizung, Hausmeister, Mesner, Gärtner und Versicherungen summieren sich. „Das haben viele Gemeinden nicht im Blick oder erst wenn die Einnahmen sinken“, sagt Monika Seckler-Fleischer. Als Geschäftsführerin der Palm KG investiert sie in sozial und medizinisch genutzte Immobilien. Pionierprojekt ist eine Wohngruppe der Intensivpflege – ein klimaschonender Holzneubau.

Innere Zerrissenheit

Aktuell verhandelt die Schorndorfer Projektentwicklerin mit mehreren Gemeinden in Süddeutschland über die Umnutzung von Kirchenobjekten. Sie ist auch in Berlin aktiv. Eine Freikirche hat ihr dort unrentable kirchliche Seniorenwohnhäuser übertragen, um diese neu auszurichten. Sie sollen überkonfessionell genutzt werden. Die Mieteinahmen sind in die Mission investiert, die Haustechnik wird mit gebrauchten Ersatzteilen über die Runden gerettet. Und streikt der Aufzug, werden Taschen und manchmal auch Senioren die Treppe hochgehievt. „Das geht so lange gut, bis die Substanz vollends aufgezehrt ist“, sagt Monika Seckler-Fleischer. Zustände wie in Berlin sind in Württemberg noch nicht eingetreten. Doch der Druck steigt, kirchliche Immobilien zu verkaufen oder anders zu nutzen. Das ist auch aus dem zuständigen Bauamt des Oberkirchenrats zu hören. Viele Kirchen im Land stehen seit Jahrzehnten leer oder werden, wie die Stadtkirche in Winnenden, vermietet. Dort halten Evangeliumschristen Gottesdienste ab. Die Freikirche übernimmt einen Teil der Unterhaltskosten.

Im Herzen von Winnenden erhebt sich die Stadtkirche St. Bernhard. Foto: Werner KuhnleIm Herzen von Winnenden erhebt sich die Stadtkirche St. Bernhard. Foto: Werner Kuhnle

Schon lange denken die Winnender über eine neue Nutzung der Kirche St. Bernhard nach. Überlegungen, ihr als Stadtbibliothek einen neuen Zweck zu geben, verwarf der Gesamtkirchengemeinderat bereits vor 30 Jahren. 2017 gründete die Gemeinde eine Stiftung, die sich einem neuen Nutzungskonzept verschrieben hat. Endlich, mag mancher denken. Wobei die innere Zerrissenheit verständlich ist. Detail am Rande: Die Marktandacht, die donnerstags um 9 Uhr in St. Bernhard stattfindet, ist laut Pfarrer Krauß oft besser besucht als der Sonntagsgottesdienst in der Schlosskirche.

Eine Kirche hat auch symbolische Kraft. „Kirche und Kirchturm sind stadtbildprägend, geben geistliche und räumliche Orientierung, das ist in der Kombination einzigartig und oft zentral im Siedlungsgebiet“, sagt Monika Seckler-Fleischer. Nicht nur Gemeindemitglieder, auch Menschen, die keine Gottesdienste mehr besuchen, erinnern sich an ihre Konfirmation, eine Hochzeit oder Weihnachtsgottesdienste, die sie in den Gebäuden erlebt haben. Wenn diese Symbolorte verloren gehen oder umgenutzt werden sollen, regt sich Widerstand. Das bestätigt das Baudezernat des Oberkirchenrats.

Party in der Krypta

Und trotzdem: Nicht immer ist die emotionale Bindung an ein Haus der geistlichen Erbauung unauflöslich. Wenn Gläubige ganz fehlen, verliert das Gebäude seine sakrale Bedeutung. So wie 1992 in Göppingen, als US-Soldaten die Cooke Barracks räumten. Der Stadtteil verwaiste und verfiel, bis ein Gewerbegebiet daraus entstand. Ein Kunstverein nahm sich der „Chapel“ an, der Kapelle, die als Ort der Zusammenkunft für alle Glaubensrichtungen in der Armee 1953 errichtet worden war. Bei einer Sanierung 2014 stellte sich heraus, dass der Brandschutz nicht reichte. Die Chapel wurde gesperrt. Letztlich stimmte der weltliche Gemeinderat der Stadt Göppingen für den Erhalt der Kirche, die über eine Krypta verfügt. Dieser Gewölbekeller war bis zu Beginn der Corona-Pandemie vor allem für ältere Partygänger ein beliebter Ort.

Monika Seckler-Fleischer sieht in dieser Art Umnutzung allerdings „kein Modell für die Kirche im Zentrum von intakten Ortschaften oder belebten Wohngebieten“. Stattdessen regt die Quartiersentwicklerin an, außerhalb Baden-Württembergs nach Beispielen zu suchen, die belegen, was geschehen kann, wenn diakonische Gedanken einfließen. Eine Kita im Kirchensaal findet sich etwa in Saarlouis. 1966 errichtet, wurde die katholische Kirche 2010 profaniert. Sie hatte zu wenig Kirchgänger. Heute toben in der Kita „Christkönig“ täglich mehr als 130 Kinder. Das ist möglich, weil Architekten den Kirchenraum mit einer haushohen Box aus Holz füllen ließen – inklusive einem Spieldeck. Tageslichtleuchten und ein weiteres Fenster in der Betonwand sorgen für mehr Helligkeit im alten Kirchenschiff und der neuen Holzbox. Die Gesamtkosten von 3,3 Millionen Euro übernahmen 2015 das Saarland, per Zuwendungsbescheid über eine Million, sowie den Rest zu je einem Drittel der Landkreis, die Stadt und das Bistum.

Die Neue Pauluskirche

Auch die Geschichte der evangelischen Pauluskirche in Essen könnte als Idee für neue soziale Konzepte dienen. 1872 im Essener Stadtkern errichtet, wurde sie im Zweiten Weltkrieg zerstört. 1950 räumten Arbeiter die letzten Trümmer weg. Als Ersatz baute Architekt Dennis Boniver die „Neue Pauluskirche“ 1959 an anderer Stelle im Stil der Zeit als Bollwerk. Der einstige Standort ist durch zwei andere Kirchengebäude der Altstadtgemeinde belegt.

Doch auch in Nordrhein-Westfalen sorgen schwindende Mitgliederzahlen für eine Umwidmung: 2008 übernimmt die Adolphi-Stiftung der evangelischen Kirche das Gelände samt Kirchenbau, Gemeindezentrum sowie Pfarrhaus und beginnt umzuplanen.

Innenraum Neue Pauluskirche Essen. Foto: Pressebild/zwo+/ Peter StockhausenUrsprüngliche Bestimmung: In der Neuen Pauluskirche werden nach wie vor Gottesdienste gefeiert. Foto: Pressebild/zwo+/ Peter Stockhausen

Ein wichtiger Schritt in diesem Prozess ist eine Bürgerbeteiligung. So lädt das Stadtplanungsamt 2012 interessierte Bürger ein, sich einzubringen. Es entsteht die Idee, den demografischen Wandel und die damit verbundene Nachfrage nach Pflegeheimen und Seniorenwohnungen aufzugreifen. Parallel ändert das Amt den Bebauungsplan und schafft die rechtlichen Voraussetzungen für eine neue Nutzung des ehemaligen Kirchengrundstücks.

So entsteht ein Ort für alte und sehr junge Menschen. Der Träger baut die Kirche zum „Paulus-Quartier“ um, einem Seniorenzentrum mit integrierter Kindertagesstätte. Dafür wird das Kirchengebäude aufgebrochen und mit zwei Anbauten verbunden. Wichtig: Die Architekten des Bochumer Büros „zwo+ architekten“ beziehen den Charakter des ehemaligen Gotteshauses mit ein. Das große, vom Künstler Hans Gottfried von Stockhausen gestaltete Kirchenfenster des Saals bleibt erhalten. Die ehemalige Taufkapelle ist als „Paulus-Café“ frei zugänglich und für die Bevölkerung des Stadtteils offen.

Resümee

Es kann der Erinnerungskultur helfen, wenn außen möglichst viel, besonders der Kirchturm, erhalten und integriert werden kann. Innen ist ein zeitgemäßer, anpassungsfähiger Standard notwendig. Idealerweise kann die Kirchengemeinde wieder Räume auf „ihrem Grundstück“ mieten und bekommt dafür die Einnahmen zurück, etwa aus dem Kindergartenbetrieb.

Zukunft für Gottes Haus verlangt Kontinuität und klare Verantwortlichkeiten in der Kirchengemeinde. Wer kirchliche Räume umwidmet, sollte transparent handeln und die Gemeindemitglieder an dem Prozess beteiligen.

www.stadtkirche-winnenden.de sowie weitere Anregungen auf www. zukunft-kirchen-raeume.de

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