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Zwiespältige Gefühle - Gedenkstätte Grafeneck

Vor 80 Jahren, am 18. Januar 1940, begann das systematische Töten von Menschen mit Behinderungen oder psychischen Erkrankungen in Grafeneck. Heute ist dort eine Gedenkstätte mit Dokumentationszentrum. Außerdem leben hier wieder Menschen mit Behinderungen. Ein Besuch.

Tötungsanstalt und Gedenkstätte Grafeneck

Die Idylle trügt: Das Schloss Grafeneck diente als Unterkunft für das Personal der Tötungsanstalt.
Foto: Klaus Franke

Es regnet. Nebelschwaden hängen über den Tafelbergen auf der Alb. Der Himmel ist grau. Empfindlich kalt ist es geworden an diesem Freitag Anfang November. Das Wetter passt zum Besuch in der Gedenkstätte Grafeneck, dem Ort, wo vor 80 Jahren die systematische Ermordung von 10 654 Menschen mit Behinderungen oder psychischen Erkrankungen begonnen hat.

Die Besucher sind Pflegefachschülerinnen und -Schüler aus dem Klinikum am Weissenhof in Weinsberg. Tagtäglich haben die angehenden Pflegerinnen und Pfleger mit psychisch erkrankten Menschen zu tun. Das Ausflugsziel heute haben sie selbst ausgesucht. Denn auch aus ihrer Einrichtung wurden 1940 Menschen nach Grafeneck gebracht und ermordet. Die Pflegefachschülerinnen und -schüler wollen sich der Vergangenheit stellen und wissen, wie die Krankenpfleger damals „getickt“ haben.

Kapelle Grafeneck, Gedenkstätte, Tötungsanstalt

Die Pflegeschüler stehen in der offenen Kapelle der Gedenkstätte und hören den Erläuterungen.
Foto: Klaus Franke

Im Verlauf des Nachmittags bearbeiten die rund 20 Teilnehmer Biografien aus Grafeneck, Opfer wie Täter. Die Pflegerin Pauline Kneissler beispielsweise war von 1940 bis 1945 als Pflegerin an den Euthanasie-Morden beteiligt. In Grafeneck und Hadamar, in Russland und Kaufbeuren-Irsee. Nach dem Krieg schrieb sie an die Staatsanwaltschaft Frankfurt: „Ich habe den Gnadentod nicht als Mord betrachtet. Es waren Menschen, denen nicht mehr geholfen werden konnte ...“ Gnadentod. Das ist für die angehenden Pflegefachkräfte ganz undenkbar.

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Pauline Kneissler wurde im Januar 1948 wegen Beihilfe zum Mord zu vier Jahren Gefängnis verurteilt, aber schon im Dezember 1949 begnadigt und freigelassen. Danach war sie wieder als Pflegerin tätig. Auch das: unmöglich. Als die Rede auf Karl Schluch, einen anderen Täter-Mitarbeiter, kommt, wird die Betroffenheit noch größer. Der Krankenpfleger von Grafeneck war später im Vernichtungslager Belzec und nach dem Krieg wieder als Sanitäter tätig. „Natürlich habe ich, wie alle anderen, auch einmal zugesehen, wie die Kranken vergast wurden“, sagte er bei seiner Vernehmung 1962. Das Gericht sprach ihn frei. „Einmal war hier eine Gruppe von Jura-Studenten. Für die war es ganz klar, dass Schluch wieder in seinem Beruf arbeiten durfte. Schließlich war er ja freigesprochen“, erzählt Kathrin Bauer von der Gedenkstätte. Die Gruppe lacht, aber es ist eher ein verlegenes, auch ein beschämtes Lachen. Für die Gruppe ist es unvorstellbar, dass die Täter heute mit Freispruch oder Begnadigung davonkommen würden.

In einer Schublade im Freien liegt ein Buch mit den bekannten Namen der Opfer.
Foto: Klaus Franke

Später führt Kathrin Bauer aus dem Schloss hinaus über das Gelände. Es hatte der Samariterstiftung gehört, bis es 1939 in einem Handstreich von den Nazis enteignet wurde. Nach dem Krieg bekam die Samariterstiftung das Gelände zurück und siedelte wieder Menschen mit Behinderungen an. Inzwischen leben hier 60 Personen. „Sie alle wissen um die Vergangenheit dieses Ortes“, sagt Bauer. Manche würden sie ignorieren, andere seien sehr engagiert und interessiert. Mitunter schließen sie sich den Gruppenführungen an und erzählen.

Heute allerdings ist außer den Besuchern kaum jemand zu sehen. Der Wind ist noch kälter geworden, der Regen geht über in Schneeregen. Nur Heinz Flügge wartet draußen. Er wohnt in Grafeneck und verkauft für den hier ansässigen Bauernhof Eier. Als die Gruppe vorbeikommt, hält er einen kleinen Schwatz mit Kathrin Bauer. Dass hier wieder behinderte Menschen leben, löst bei den Pflegefachschülern gemischte Gefühle aus. „Einerseits ist es ein Zeichen der Hoffnung“, meint einer von ihnen. „Doch irgendwie ist es auch beklemmend.“

Grafeneck - Immer wieder kommt die Zahl 10 645

Von der alten Anlage ist außer Schloss und Friedhof nichts mehr übrig. Die Gaskammer wurde in den 1960er-Jahren abgebrochen. In der Nähe des Friedhofs liegt in einer großen Schublade ein Buch, in dem die Namen der bekannten Opfer verzeichnet sind. Doch trotz guter Dokumentation gibt es auch viele Opfer, die noch nicht identifiziert sind. Deshalb liegen auf einer Wiese Buchstaben aus Stein. Sie stehen für die Namen der Opfer, die noch nicht ausfindig gemacht wurden. Dass in Grafeneck eine Gedenkstätte errichtet wurde, hat länger gedauert. „Das Interesse, die Geschichte aufzuarbeiten, war in den 1960er-Jahren in der Bevölkerung nicht so groß“, sagt Kathrin Bauer. Erst seit 1990 gibt es die Gedenkstätte.

Grafeneck Gedenkstätte und Tötungsanstalt Hitlers

Mit den „grauen Bussen“ wurden behinderte und psychisch erkrankte Menschen nach Grafeneck gebracht.
Foto: Andreas Steidel

Die Zahl 10 645 begegnet der Gruppe wieder zum Schluss ihrer Führung. Jochen Meyder, ein Künstler, stellt für jeden Menschen, der in Grafeneck ermordet wurde, eine Terrakotta-Skulptur her. Um die 6000 sind es bereits. Sie werden aufbewahrt in einem Regal an der großen Fensterfront im Dokumentationszentrum. Jeder Besucher darf eine Figur mitnehmen und so quasi eine Patenschaft für eines der Opfer übernehmen. Ursprünglich war die Idee, dass erst alle 10 654 Figuren fertiggestellt sein sollten, bevor sich Besucher eine nehmen könnten. Doch das Regal reicht bei weitem nicht aus. Deshalb wird in Etappen gearbeitet; und immer, wenn das Regal leerer geworden ist, kommt Jochen Meyder vorbei und bringt weitere Skulpturen. „Wenn alle Plätze im Regal belegt sind, ist es im Dokumentationszentrum richtig dunkel“, berichtet Kathrin Bauer. Und je mehr Figuren ihren Weg von Grafeneck in die Welt finden, desto heller wird es. Ein Gedanke, der auch die Pflegefachschüler dazu animiert, eine Figur nach Weinsberg mitzunehmen. Dort soll sie eine neue Heimat bekommen.

Terrakotta Skulpturen des Künstlers Jochen Meyder im Dokumentationszentrum Grafeneck. Foto: Klaus Franke

 

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