Christliche Themen für jede Altersgruppe

Zwischen Alb und Afrika - Bäckerei Lorettohof

ZWIEFALTEN (Dekanat Reutlingen) – Günther Weber ist viel herumgekommen in seinem Leben. Auf der Alb hat er seinen Beruf zur Berufung gemacht und bäckt dort Brot wie früher: im Holzbackofen. Bald übergibt er die Backstube auf dem Lorettohof an einen Nachfolger.

Lorettohof. Günther Weber in seiner Backstube. Foto: Wolfgang AlbersLorettohof. Günther Weber in seiner Backstube. Foto: Wolfgang Albers

Was klingt wie das Sinnieren eines Theologen über die Unverfügbarkeit des menschlichen Schicksals, sind die Gedanken eines Bäckers: „Für mich ist die spannende Seite an meinem Beruf: Dass so vieles ohne unser Zutun abläuft. Dass wir Dinge in Gang setzen, einen Prozess begleiten und bis zum Schluss gespannt sein können, was herauskommen wird.“ Das hat Günther Weber geschrieben. 66 Jahre ist er alt. Die Haare sind grau und licht, die Knie verschlissen.

Woche für Woche hat er hunderte von Broten, Brötchen, Kuchen gebacken, hat Nächte durchgeschafft und tagsüber kaum geschlafen. Hat sich beim Brot-Einschießen (also in den Ofen schieben) oder Herausholen die Arme an den heißen Ofenklappen-Umrandungen gestoßen und sich die Brandstriemen geholt, die er mit einem Achselzucken „Firmenzeichen“ nennt.

Hat hart geschafft wie sein Vater – obwohl Günther Weber nie Bäcker werden wollte. Er wurde doch einer. Weil er das umsetzen konnte, von dem Theologen gerne reden: die Schöpfung bewahren.

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In Winnenden hat das alles begonnen. Da steht bis heute die Bäckerei Weber, gegründet 1921, stadtbekannt in Günthers Jugend vor allem für ihre Laugenbrezel. Der junge Günther hat in den 70er-Jahren das Weite gesucht: Mit dem Rucksack hatte er sich aufgemacht zu den Quellen des Nils, bis nach Äthiopien und Zaire gelangte er. Dreimal reiste er ins Nicaragua der Sandinistischen Revolution, arbeitete dort auf Kaffeeplantagen. In Deutschland engagierte er sich in der Anti-Atomkraftbewegung. So kam er ins Wendland, zum Atommüll-Lager Gorleben. Dort lernte er Bio-Bauern kennen – und sah für sich eine neue Rolle: „Ich habe mir gedacht: Man hat ja als Bäcker die Verantwortung, das zu vermarkten, was die Bio-Bauern anbauen.“

1983 übernahm er mit seinem Bruder zusammen den väterlichen Betrieb und wandelte ihn mit drei weiteren Idealisten in einen selbstverwalteten Betrieb um – also ohne Hierarchien und mit Mitbestimmung. Nach und nach füllte Bio-Brot die Verkaufsregale.

Das Mehl kommt von der Alb, die Brote werden unter anderem auf dem Tübinger Wochenmarkt verkauft. Foto: Wolfgang AlbersDas Mehl kommt von der Alb, die Brote werden unter anderem auf dem Tübinger Wochenmarkt verkauft. Foto: Wolfgang Albers

Das Motiv lag gar nicht so sehr auf gesunder Ernährung, sagt Günther Weber: „Die Bauern sollten eine Chance erhalten, den Boden so zu bearbeiten, dass sie die Umwelt nicht verschlechtern, sondern verbessern.“ Für die Brüder Weber war es wichtig, ein Berufsleben in einem Kollektiv zu verbringen: „Wir waren in einer glücklichen Situation: Ein Betrieb war ja schon da, und weil die Bio-Bewegung begann, konnten wir neue Kunden gewinnen.“

Natürlich ist so ein Kollektiv auch anstrengend. Nach 15 Jahren kam Günther Weber der Gedanke: „Das hat sich für mich und meine Frau überlebt.“ Dazu lag die erste Tochter in der Wiege – Zeit für etwas Neues. Und da half ein Zufall: Die Schwester seiner Frau konnte für ihre Ziegenwirtschaft den Lorettohof auf einer Anhöhe über Zwiefalten kaufen. Hier hatte ein Abt des Klosters eine Wallfahrtskapelle bauen lassen. 1803 verstaatlichte die Säkularisation das ganze Gelände, ein Bauernhof entstand, in die Kapelle zogen Hühner ein.

Was für die Wallfahrtskapelle nie dokumentiert wurde, geschah für Günther Weber 1994: Das Wunder von Loretto. Der Staat verkaufte das Gelände, Günther Weber und seine Familie zogen hoch. Und bauten nicht nur das Wohngebäude um, sondern auch in den alten Kuhstall eine große Backstube samt zweifächrigem Lehmofen mit Holzfeuerung. Der Vater war damals skeptisch: Eine Schnapsidee sei das – in aussichtsloser Geschäftslage eine viel zu große Backstube zu bauen.

Doch es hat sich gelohnt. Schön ist es dort sowieso. Man schaut hinein ins oberschwäbische Hügelland, der Bussen mit seiner Wallfahrtskirche erhebt sich gegenüber. „Das ist schon Lebensqualität hier“, sagt Günther Weber, „wenn man aus dem Fenster in Bäume blickt und den Eichhörnchen beim Turnen zuguckt.“

Wobei er seine Freizeit nicht nur mit in die Landschaft-Schauen verbracht hat: Auch ein Buch hat er schon geschrieben, mit Rezepten und Episoden aus seinem Leben. „Zopfbrot mit Blaulicht. Zwischen Alb und Afrika. Backgeschichten vom Lorettohof“, heißt es und ist im Hädecke Verlag erschienen.

Klar, nicht alles war Idylle. Aber sein Ziel, Brot so zu backen, wie es seinen Vorstellungen entsprach, konnte Günther Weber verwirklichen – bis hin zur Biohefe. „Es ist leicht, auf der Alb Bio-Lebensmittel zu bekommen. Ob Milch, Eier, Getreide – wir sind prima versorgt, es ist gar kein Nachteil, weg von der Stadt zu sein“, sagt er.

Bäckerei Lorettohof - Mit dem Ofen lernt er nie aus

Auch das Feuerholz ist aus den heimischen Wäldern. „Das ist das Optimum für die Klimabilanz“, ist Günther Weber überzeugt. Für den Bäcker bedeutet es aber Anstrengung. Statt per Strom den Ofen auf Temperatur zu bringen, muss Günther Weber die schweren Scheite herankarren, in den Ofen wuchten und so verteilen, dass die Hitze für das komplette Backen reicht: „Wir versuchen, die Wärme auszunutzen bis zum letzten Krümel.“ Nachfeuern geht nicht in einem Ofen, in dem Holz und Teig hintereinander in dasselbe Fach geschoben werden. Eine Herausforderung, die Günther Weber liebt: „Mit dem Ofen erlebe ich immer etwas, ich lerne auch jetzt noch immer dazu.“

Lorettohof.Das gelingt nur mit viel Erfahrung: die richtige Menge Holz einlegen. Günther Weber kann das mittlerweile gut. Foto: Wolfgang Albers
Lorettohof.Das gelingt nur mit viel Erfahrung: die richtige Menge Holz einlegen. Günther Weber kann das mittlerweile gut. Foto: Wolfgang Albers

 

In seinen Broten ist auch eine Botschaft verbacken: „Wir wollen schon zeigen, was alles möglich ist, was man alles verändern kann.“ Lange wird das Günther Weber nicht mehr tun. Nach einer zeitintensiven Suche zeichnet sich ab, dass ein Nachfolger einsteigt. Günther Weber und seine Frau werden dann wieder ins ehemalige Backhäusle des Hofes ziehen, in dem die junge Familie ihre Zeit auf Loretto begonnen hat.

Und Günther Weber wird sich noch öfter auf seinen Lieblingsplatz setzen können. Zwei eichene Astgabeln auf der Hangwiese, so ineinander verschlungen, dass sich eine Sitzkuhle bildet, hinter der ein senkrechter Aststumpf eine Rückenlehne bietet. „Kopf, Rücken, Hüfte und Beine liegen völlig entspannt, fast schwebend. Mein Blick geht weit hinaus und wenn ich mich sattgesehen habe am grünen Mosaik der Wälder und den schwingenden Kammlinien des Vorallgäus, so fallen die Augen auch für Minuten zu. Das innere Auge ist dann unterwegs in anderen Landschaften.“ □

◼ Der Hofladen und die Gartenwirtschaft im Lorettohof sind geöffnet von Freitag bis Sonntag von 14 bis 18 Uhr. Mehr dazu im Internet: www.lorettozwiefalten.de

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