Christliche Themen für jede Altersgruppe

Zwischen Gestern und Morgen - Schwellensituationen

Der Mensch gerät im Laufe seines Lebens immer wieder in Schwellensituationen, in denen er sich zwischen altem und neuem Leben befindet. Solche Umbrüche, egal ob sie geplant oder durch Schicksalsschläge hervorgerufen sind, verlangen dem Einzelnen viel Kraft und Mut ab. Was kann in solchen Phasen Halt geben? Auf der Suche nach Antworten.

Der Rhythmus des Lebens ist von Schwellen- situationen geprägt. Solche Lebensübergänge sind eine Zeit, in der der Einzelne reift und zu dem wird, was sein Wesen einzigartig macht. (Foto: picture-alliance)

Der Rhythmus des Lebens ist von Schwellen- situationen geprägt. Solche Lebensübergänge sind eine Zeit, in der der Einzelne reift und zu dem wird, was sein Wesen einzigartig macht. (Foto: picture-alliance)

Das Leben eines Menschen beginnt und endet mit einer Situation, in der er sich auf der Schwelle befindet – auf der Schwelle zwischen zwei Welten: Mit der Geburt wird das Baby aus der geschützten Umgebung im Mutterleib hinaus in eine neue Welt katapultiert. Eine Welt, in der nichts mehr so ist, wie es davor war. In der es hell, laut und reizüberflutet ist und in der Erfahrungen auf das Neugeborene warten, die sich von seiner bisherigen, Geborgenheit bietenden Umgebung grundlegend unterscheiden.

Von alldem ahnt der Fötus nichts, doch er befindet sich während der Geburt in einer extremen Stresssituation. Sie ist eine Umbruchphase, die den Menschen gewissermaßen auf das irdische Leben vorbereitet. Denn noch oft wird er im Laufe seines Daseins in Schwellensituationen geraten, die er alleine bewältigen muss. Umbrüche und Neuanfänge, die ausgelöst werden durch persönliche Schicksalsschläge oder Folge einer bewussten Entscheidung, nicht zwangsläufig seiner eigenen, sind.

Schwellensituationen - Abschied und Neuanfang

So kommt der Tag, an dem der Mensch zum ersten Mal in den Kindergarten geht. Es folgt der Schulanfang, irgendwann der Eintritt ins Berufsleben. Beziehungen, die stabil erscheinen, gehen plötzlich zu Ende, Freundschaften zerbrechen. Konfirmation, Hochzeit, Scheidung, Elternschaft, Umzüge und Wohnungswechsel, Arbeitsplatzwechsel, der Eintritt in den Ruhestand: All diese Lebensabschnitte sind mit einer Schwellensituation verbunden.

Abschiede stehen an, immer wieder geht es darum, loszulassen, aufzubrechen, sich Neuem zu stellen. Am Lebensende schließt sich der Kreis: Ein letztes Mal muss der Mensch sich dem Ungewissen stellen, das hinter der letzten Schwelle auf ihn wartet. Das Sterben, der Übergang zwischen Leben und Tod, ist die Schwellensituation, vor der sich die Menschen in unserer westlichen Welt am meisten fürchten.

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Dementsprechend tabuisiert ist das Thema, meist wird in unserer Gesellschaft so getan, als ob diese Übergangsphase nicht existiere. Ohnehin werden Schwellensituationen meist als unangenehm empfunden. Der entscheidende Schritt ist noch nicht vollzogen, der Einzelne verharrt auf einem schmalen Grat zwischen dem Gestern und dem Morgen. Die meisten Menschen wünschen sich, dass dieser Schwebezustand schnell vorübergeht.

Es ist eine Zeit, in der der Einzelne innehalten muss. Denn auch wenn er über stabile soziale Beziehungen verfügt – in Schwellensituationen ist der Einzelne auf sich selbst zurückgeworfen. Das ist oft mit einem Gefühl der Leere oder des Kontrollverlusts verbunden, mit der Angst, den Halt zu verlieren.

Schwellensituationen sind herausfordernd

Jede Schwellensituation hat es in sich: Feste Wertesysteme geraten ins Wanken, alles reduziert sich auf das Wesentliche. Oft kommen in solch einer Phase verdrängte Gefühle und Ängste, fragwürdige Beziehungen und Werte zum Vorschein und werden hinterfragt. Das Alte gilt nicht mehr länger, das Neue ist noch nicht erreicht. Es ist eine Zeit voller Herausforderungen, in der vieles zusammenbricht, aber auch Wundersames sich ereignet, mit dem man nicht gerechnet hat.

Fest steht: Ein Leben ohne Schwellensituationen ist nicht vorstellbar, allein schon der Rhythmus des Lebens ist davon geprägt. Nachts, bevor ein neuer Tag anbricht, befinden wir uns in einer Art Zwischen-Zeit zwischen heute und morgen. Eine Zeit, in der Ereignisse in Träumen und Gedanken verarbeitet werden und wir Energie für den nächsten Tag sammeln. Auch bevor wir den Arbeitstag starten können, müssen wir uns erst einmal auf den Weg von zu Hause an den Arbeitsplatz machen – die Fahrt dorthin empfinden wir als Übergangszeit.

Ebenso ist jede private Feier von einer Vorbereitungsphase geprägt, in der wir unsere Aufmerksamkeit voll auf das anstehende Ereignis richten. Kleine, unspektakuläre Schwellensituationen, über die wir uns keine Gedanken machen, die selbstverständlich in den Tagesablauf integriert werden. Und doch wäre ohne sie ein Leben nicht vorstellbar. Denn dort, wo alles im Fluss ist, wo es stetige Veränderungen gibt, geht gleichzeitig ständig etwas zu Ende, ergeben sich neue Konstellationen.

Schwellensituationen - Chancen zum Reifen

Solche Lebensübergänge sind eine Zeit, in der der Einzelne reift und zu dem wird, was sein Wesen einzigartig macht. In der er sich neuen Fragen stellt, sich mit Lebens- und Glaubensthemen beschäftigt, die in seinem früheren Leben keine Rolle gespielt haben. Alte Netzwerke und Beziehungen geraten ins Wanken, äußere Einflüsse werden hinterfragt und es geht darum, sich auf seine Stärken zu besinnen. Wertvorstellungen ändern sich, ebenso der Blick auf die Dinge. Die Gesellschaft hat eine meist ritualisierte Art und Weise, mit Schwellenzeiten umzugehen. Einerseits werden sie, wie bei der Verabschiedung politischer und kultureller Persönlichkeiten, zelebriert und in einen entsprechend pompösen Rahmen gebettet. Andererseits fehlt oft das Verständnis dafür, was es dem einzelnen Menschen an Energie abverlangt, persönliche Schwellensituationen zu überstehen. Stattdessen geht es darum, schnell weiterzumachen, fortzuschreiten. Anstatt innezuhalten und eine Phase der vermeintlichen Stagnation hinzunehmen.

Das Stehenbleiben ist es auch, was solche Schwebezustände oft so schwer erträglich erscheinen lässt. Da macht es keinen Unterschied, ob der Schritt in eine neue Lebensphase die Konsequenz einer bewussten Entscheidung oder die Folge eines Schicksalsschlags ist.

Schwellensituationen sind Lebensphasen

Im Nachhinein mag man erkennen, dass gerade diese Lebensphase prägend und richtungsweisend für die eigene Persönlichkeit war. Dass sich dabei etwas herauskristallisiert hat, das sonst womöglich unentdeckt geblieben wäre. Doch währenddessen kostet es viel Kraft, bei sich zu bleiben, die Unsicherheit auszuhalten, keine überhasteten Entscheidungen zu treffen. Zu akzeptieren, dass sich nicht alles planen und kontrollieren lässt, vieles sinnlos erscheint.

Dabei lohnt es sich, den Fokus gerade in solchen Lebensphasen auf die Gegenwart zu richten, anstatt nur zurück oder vorwärts zu blicken. Wahrscheinlich liegt darin das Geheimnis: die Schwellenzeit als eine wertvolle Zeit zu betrachten und sie bewusst zu leben. Sie nicht als Hindernis zu sehen, sondern als Möglichkeit, sich neu zu orientieren und dabei das Vertrauen in den Fluss des Lebens zu bewahren, die Zuversicht, dass sich alles in eine stimmige Richtung entwickelt.

Denn eines steht fest: Leben braucht den Wandel, und dieser ist nicht ohne Übergangszeiten vorstellbar. Die Berliner Autorin Doris Bewernitz hat diese Phase des „Blühens und Verblühens“ mit der jährlich verwelkenden Tulpenpracht verglichen. Lange Zeit habe sie als Tulpenliebhaberin den ständig wiederkehrenden „Schmerz des Abschiedes“ nicht hinnehmen können. „Ich trauerte um sie. Ich wollte nicht auf sie verzichten.“

Umsonst habe ihre Mutter ihr versichert, dass sich die Tulpen bis zum nächsten Frühjahr nur ausruhen würden, um dann wieder neu blühen zu können. Erst im Erwachsenenalter habe sich für sie der Sinn des Ausruhens erschlossen. „Alles Lebendige braucht diese Zeiten des Überganges, die manchmal sinnlos erscheinen und es doch nicht sind.“

Wer es schafft, die Schwellenzeiten nicht nur als Übergangszeit zu sehen, sondern als eigene Phase, die ihren Wert hat, dem fällt es womöglich leichter, diesen Zustand anzunehmen. Denn bewusst auf der Schwelle zu verharren, für eine Weile stehen zu bleiben, schärft die Sinne – für die eigene Persönlichkeit und für das, was das Leben so wertvoll macht.

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