Christliche Themen für jede Altersgruppe

Zwischen Hoffnung und Angst - Digitalisierung

Die Digitalisierung revolutioniert Arbeit und Leben. Mit ihr verbinden sich Chancen und Gefah-ren, Vertrauen und Misstrauen, brisante wirtschaftliche und ethische Aspekte. Für die Kirchen stellt sich die Frage, wie sie damit umgehen sollen. Die württembergische Landeskirche möchte die gesellschaftlichen Veränderungen mitgestalten. Eine Einführung in ein umstrittenes Thema.

Kirchentagsschal und Smartwatch: Viele junge Christen sind auch in der digitalen Welt zuhause.
Foto: epd-bild

Eine Wirtschaftsinformatikerin warnt eindringlich vor den Gefahren der Digitalisierung. Ein Bischof ruft dazu auf, die Chancen der Digitalisierung wahrzunehmen. Sarah Spiekermann-Hoff und Volker Jung bringen es beim Podium „Macht – Ohnmacht – Machen Freiheiten digitaler (Christen-)Menschen“ auf dem Kirchentag 2019 in Dortmund selbst zur Sprache, wie ungewöhnlich ihre Rollenverteilung auf den ersten Blick erscheint.

Doch beide argumentieren aus ihrer Position heraus schlüssig. Spiekermann-Hoff, Professorin in Wien, sieht das negative Menschenbild der wichtigsten Akteure des digitalen Zeitalters als deren Antrieb dafür, immer mehr Maschinen zu bauen: „Würde man den Menschen auch nur annährend für so klug und gut halten, wie er wahrscheinlich ist, dann gäbe es gar keinen Grund, all diese Maschinen zu kaufen.“ Digitalisierung führe zu Einsamkeit in der realen Welt, habe ungeheuren Rohstoffbedarf und nütze vor allem einigen „Weltgestaltern“, die – so scheine es – alles unter Kontrolle haben.

Welche Rolle spielt der Mensch?

Zwar geht auch Volker Jung auf einige Probleme der digitalen Welt ein. Aber der Kirchenpräsident von Hessen-Nassau sieht genauso positive Seiten: „Die Digitalisierung hat die Wirklichkeit des Menschen erweitert.“ Wissen sei in bisher nicht gekannter Weise zugänglich, Maschinen wie Herzschrittmacher und Sprachcomputer könnten körperliche Mängel ausgleichen und virtuelle Realität in der Therapie eingesetzt werden.

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Die Positionen der Diskussionsteilnehmer auf dem Kirchentag stehen beispielhaft für die Art, wie über Digitalisierung gestritten wird. Ist sie eine große Gefahr oder bietet sie eine große Chance? Und wie kann man sie gestalten? Eines ist klar: Sich der Digitalisierung völlig entziehen kann heute so gut wie niemand mehr. Keine Privatperson, die im Berufsleben steht, entkommt all dem. Und Organisationen erst recht nicht.

Das gilt auch für die württembergische Landeskirche. Sie hat sich entschieden, den Wandel mitzugehen. Sie will, so schreibt sie auf ihrer Internetseite, „die gesellschaftlichen Veränderungen durch die Digitalisierung mitgestalten und deren Chancen für die Kommunikation des Evangeliums nutzen“. Darum kümmert sich die Projektgruppe Digitalisierung, die eine „Digitale Roadmap“ erarbeitet hat, einen Fahrplan für die Digitalisierung in der Landeskirche. Und es gibt einen Verantwortlichen für den Digitalen Wandel, Nico Friederich. Seinen Beitrag lesen Sie auf Seite 6.

Technologischer Wandel ist heute nur noch als Prozess zu begleiten, er wird nicht an sein Ende kommen. Die Landeskirche bittet die Mitglieder um Ideen, wo die Technologie von Nutzen sein kann. Auf bislang vier landeskirchlichen Digitalisisierungsforen haben sich Teilnehmer aus der Kirche und von außerhalb zu Themen rund um die Digitalisierung ausgestauscht. Das fünfte Digitalisierungsforum findet am 20. März im Stuttgarter Hospitalhof statt. Der Schwerpunkt liegt diesmal auf der kirchlichen Bildung.

Im Bildungsbereich werden die Chancen der Digitalisierung besonders deutlich. Auf Lernplattformen können Materialien jeder Art bereitgestellt werden, Texte, Filme, Hörbeispiele, interaktive Elemente. Lernen wird vielfältiger, spielerischer. Auf dem Digitalisierungsforum im Hospitalhof gibt es beispielsweise Teilforen, in denen es um die Gestaltung von Trickfilmen, den Einsatz einer Smartphone-App in der Konfirmandenarbeit oder von Bildungsfilmen im Unterricht geht.

„Was bedeutet Bildung im digitalen Kontext?“, fragt Stefan Werner, Direktor im Oberkirchenrat, auf der Internetseite der Landeskirche, www.elk-wue.de. „Welcher Stellenwert kommt kirchlicher Bildung zu, im Umgang mit den Folgen der Digitalisierung? Wie gelingt es die sich durch die Digitalisierung bietenden Möglichkeiten in den verschiedenen Bildungskontexten praktisch einund umzusetzen? Wie können wir mit dem Spannungsfeld zwischen Innovation und Problematisierung umgehen?“ Darüber soll im Hospitalhof gesprochen werden.

Der Begriff „Problematisierung“ zeigt, dass die Digitalisierung eben nicht nur positive Seiten hat. Das fängt bei wirtschaftlichen Aspekten an. Wer schreibt die Programme und diktiert, wie sie zu nutzen sind? Oft sind das die großen Digitalkonzerne aus den USA. Und wer greift auf die Daten zu, wertet sie aus, wer verdient und wer verliert?

Das führt rasch zu ethischen Fragen: Was geschieht, wenn Menschen Maschinen gegenübersitzen und mit Algorithmen gefüttert werden? Sollte seelsorgerische Arbeit und Bildung nicht zwingend zwischen leibhaftigen Menschen erfolgen? Wo wird künstliche Intelligenz zur Gefahr für den Menschen? Der Theologe Werner Thiede ist ein starker Kritiker der Digitalisierung. Seinen Beitrag lesen Sie auf Seite 7.

In all dem wird deutlich: Spricht man über Digitalisierung, können die Argumente schnell von Befindlichkeiten verdrängt werden, von Ängsten auf der einen und Hoffnungen auf der anderen Seite. Niemand weiß, was die Zukunft bringt. Ohne Augenmaß, Vertrauen und Zuversicht wird es nicht gehen.

◼ Das 5. Digitalisierungsforum der Landeskirche findet im Hospitalhof Stuttgart statt. Das Programm im Internet: www.elk-wue.de/leben/digitalisierungsprojekt

Kleines Glossar

Digitalisierung: Ursprünglich die Umwandlung von analogen Informationen in digitale Formate, zum Beispiel das Einscannen von Fotos. „Digitalisierung“ wird vielfach verwendet, um die Ablösung von analogen Formaten durch digitale zu bezeichnen (zum Beispiel E-Mail statt Brief, digitale Ordner statt Akten, Suchmaschine statt Lexikon).


Digitaler Wandel: Die Veränderungen durch die Digitalisierung in der Gesellschaft. Durch das Internet wurde der schnelle Austausch von Informationen weltweit möglich. Die rasante Digitalisierung führte dazu, dass Digitalkonzerne, vor allem aus dem Silicon Valley bei San Francisco, heute zu den mächtigsten Unternehmen der Welt gehören.


Soziale Medien: Plattformen im Internet, über die Nutzer sich vernetzen können. Die bekanntesten sind Twitter, Facebook und Instagram. Bei Twitter können Kurznachrichten (bis 280 Zeichen) geteilt werden (oft genutzt von Prominenten, berüchtigtes Beispiel: US-Präsident Donald Trump). Instagram dient zum Teilen von Fotos und Videos, Facebook zur Vernetzung mit Freunden über Seiten und in Gruppen.


Apps: Programme für Computer und Smartphones. Es gibt beispielsweise Messenger (wie WhatsApp oder Signal), mit denen sich Kurznachrichten und Fotos verschicken lassen, Staumelder-Apps und Apps zum Bibellesen am Bildschirm. Mit vielen Kamera-Apps lassen sich QR-Codes (Beispiel rechts) scannen, die auf Internetseiten weiterleiten – in diesem Fall auf ein Video des Kirchenfernsehens, in dem weitere Digitalbegriffe wie Filterblasen, Fake News, Social Bots und Trolle erklärt werden.

Wenn Sie ein Smartphone haben: Probieren Sie’s doch einfach mal aus!

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