Christliche Themen für jede Altersgruppe

Zwischen Markt und Tierwohl

Erntedank: Das ist auch ein Tag, der nicht nur die Ernte auf den Äckern in Erinnerung ruft, sondern auch die Haltung von Tieren. Wie zum Beispiel geht es den Schweinen, und wie geht es den Bauern, die für das Leben der Tiere verantwortlich sind und auch sein wollen? Ein Blick hinter die Kulissen. 



Junge Duroc-Schweine auf dem Biohof Hohenroden: Sie haben viel Platz. Aber der Hof lebt nicht nur von der Schweine­haltung. (Foto: Rainer Wiese)


Was Heinz Herrmann zeigt, ist der Normalzustand eines Schweinemastbetriebes. Er ist eingeklemmt zwischen allerlei Verordnungen und Kontrollen, dem Markt und seinen fallenden Preisen für Schweinefleisch und dem Mühen um das Wohlbefinden der Tiere. Die Tiere müssen gesund bleiben in den gut vier Monaten der Mast auf dem Hof, damit sie das Futter gut verwerten und zügig zunehmen. Medikamente wie Antibiotika sind zu teuer. Deshalb sei an vorbeugenden Einsatz von Medikamenten, wie er immer wieder den industriellen Schweinemästern unterstellt wird, gar nicht zu denken, knurrt Heinz Herrmann.

Ja, das Tierwohl sei ein großes Thema für einen Schweinemäster wie ihn, holt Herrmann aus. Die Vorgaben seien definiert: mehr Platz, Raufutter, Beschäftigungsmaterial für die Tiere, ständiger Zugang zu frischem Wasser, solide Gebäude. Das habe der Fleischproduzent den Bauern im Preis honoriert, wenn sie die Vorgaben nachkontrollierbar erfüllten, mit bis zu sechs Eurocent pro Schlachtkilo. „Kurz vor der Einführung vom Tierwohl wurde der Preis für das Kilo um neun Eurocent gekürzt“, erinnert Margarete Herrmann, schwer mitschaffende Ehefrau in Haus, Hof und Stall. Und merkt an, dass man bei allem Tierwohl doch auch mal an das Wohl des Bauern denken solle.

Denn damit ist es nicht gut bestellt. Heinz und Margarete Herrmann arbeiten von morgens bis abends, und die Arbeit geht nie aus, 365 Tage im Jahr. Seit zwei Jahren zehren sie vom Eigenkapital. Vor drei Jahren haben sie eine Million Euro in den Stall investiert. Und die Preise fallen und fallen, von der Fleisch­industrie diktiert, wie vom Verbraucher gefordert.

Der durchschnittliche Haushalt kauft nach Preis und nicht nach Qualität. Das Fleisch im Laden kostet allzuoft weit weniger als die Produktion. „Hier, an der Ladentheke ist die Achtung vor der Kreatur verlorengegangen“, sagt Margarete Herrmann. Beide klagen nicht, aber sie können sich reichlich ärgern, wenn ihnen als konventionellen Mästern brutaler Umgang mit den Tieren vorgeworfen wird und wenn ihnen alternative Haltungsformen vorgehalten werden.

Viola und Philipp von Woellwarth haben gut 20 Duroc-Schweine auf ihrem Hof in Hohenroden auf der Ostalb, eine oder zwei Muttersauen, Ferkel und Jungtiere bis zum Gewicht von etwa 120 Kilo. Dann wird geschlachtet, für den Eigenbedarf und eine kleine Schar von Stammkunden, die das Fleisch und die Dosenwurst im Hofladen abholen. „Das kommt wirtschaftlich gut aus“, meint Viola von Woellwarth. Der Hof muss und kann natürlich von dieser Schweinezucht und -haltung nicht leben, er hat andere Erträge aus großem Wald, der Mutterkuhhaltung und Rindermast, das Futter wird auf dem eigenen Acker geerntet. Die Familie macht mit über hundert Events wie Hochzeiten und großen Geburtstagen im Jahr Umsatz und Gewinn.

Aber, glaubt Philipp von Woellwarth, was im Kleinen gelinge, funktioniere nachweislich auch im Großen. Man könne gut und gerne 500, ja über tausend Schweine in offenen Ställen mit Auslauf halten. „Dann sind es eben nicht zwei oder drei Buchten wie bei uns, sondern viele nebeneinander. Freilich, man braucht dazu viel Platz“, ergänzt Viola von Woellwarth.

Derzeit gibt es acht Ferkel auf dem Hof und zwölf Jungtiere. Die Generation dazwischen hat nicht überlebt, die Muttersau hat sich mit ihrem Gewicht auf die kleinen Ferkel gelegt, „eins nach dem andern, jeden Tag eins“, berichtet Viola von Woellwarth. Sie stellt die Muttersauen nicht in die Abferkelkästen, in die gerade eine Sau passt, die darin nur stehen oder liegen kann, die Ferkel können immer unter dem engen Gestänge entwischen. Bei Woellwarths gehen die Sauen zur Geburt ihrer acht bis zehn Jungen in eine Abferkelhütte und bleiben dort die ersten Wochen nach der Geburt. Die Tiere haben Auslauf auf Strohmist und können sich sommers wie winters in die isolierte Hütte zurückziehen. Die größeren Ferkel haben ihr Revier neben den Pferdeställen und dessen Freifläche, ein nachgerade idyllisches Bild. „Das Veterinäramt war da“, berichtet Philipp von Woellwarth. Es sei bemängelt worden, dass die Sicherung nicht genüge, weshalb statt eines Elektrodrahtes ein zweiter eingezogen und ein größeres Gatter einen halben Meter weiter außen gesetzt wurde, damit keine Wildschweine eindringen und Krankheiten einschleppen.

Eine Autostunde von Hohenroden im Norden, in Wolperthausen hat Rudolf Bühler die Bäuerliche Erzeugergemeinschaft Hohenlohe gegründet. Die hat sich unter anderem die artgerechte, dem Tierwohl und der Fleischqualität gleichermaßen verpflichtete Schweinezucht und Schweinemast auf die Fahne geschrieben. Bühler und seine gut 85 Mitgliedsbetriebe zeigen, dass Biolandwirtschaft funktioniert, ökonomisch wie ökologisch und auch mit sehr großen Tierbeständen. Die Vermarktung funktioniert und wird genossenschaftlich organisiert. Das Fleisch bezahlt der Verbraucher vergleichsweise teuer. Die der Bäuerlichen angeschlossenen Betriebe dürfen mit mindestens 1,30 Euro pro Kilo rechnen.

Heinz Herrmann aus Neuenstein dagegen musste zusehen, wie der Kilopreis in den vergangenen Jahren immer weiter nach unten rutschte. Jetzt wird er allerdings grade bei 1,48 Euro notiert, er ist in den vergangenen Wochen gestiegen, „ein Silberstreif am Horizont“.  Die Preisschwankung nach oben dürfte daran liegen, dass durch die Hitze die Tiere in den Mastställen weniger schnell Gewicht gemacht haben und deshalb weniger Schlachtschweine auf dem Markt sind.

Eine Chance, den Betrieb auf Bio umzustellen, sieht er nicht mit seinen 62 Jahren. Die Kinder sind aus dem Haus und haben kein Interesse an der Plackerei auf dem Hof. Den aufwändigen Umbau des Hofes und der Produktion auf Bioerzeugung könnte er nicht finanzieren. Das Ende seines Berufslebens ist für ihn in Sicht, notgedrungen, vom Markt geschoben, bitter: „Wenn sich nichts ändert, muss ich in zwei Jahren Schluss machen.“