Christliche Themen für jede Altersgruppe

Zwischen Stolz und Skepsis

Es soll ein großes Fest werden, die Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien. Doch die Stimmung im Land ist angespannt, trotz Vorfreude sehen viele Einheimische die Austragung des Turniers skeptisch. Auch unter den Protestanten ist die Befürchtung groß, dass nach der WM die Probleme im eigenen Land wachsen werden.


Die Begeisterung für den Fußball ist in Brasilien groß. Ungewiss ist noch, wie sich die Stimmung im Laufe des Turniers entwickelt. (Fotos: epd-Bild)

Ruthild Brakemeier ist im südlichen Teil Brasiliens geboren, doch ihr Vater war Deutscher und reiste als Auslandspfarrer nach Brasilien aus. „Damals musste man noch mit dem Esel in die einzelnen Gemeinden reisen“, erzählt sie. Den ersten Teil ihrer Kindheit verbrachte die heute 75-Jährige jedoch in Ledde, einem Dorf im Tecklenburger Land.

Ihre theologische Ausbildung machte sie an der Bibelschule des MBK, einem evangelischen Jugend- und Missionswerk mit Sitz in Bad Salzuflen. Zwei Jahre arbeitete sie als Lehrerin an einer evangelischen Schule und stieg schließlich in die Evangelische Frauenarbeit in Brasilien ein. Dort blieb sie 14 Jahre lang und wurde später ins Oberamt der einzigen Evangelischen Schwesternschaft in Sao Leopoldo gewählt.

Derzeit gibt es bei der Schwesternschaft aus Sao Leopoldo 50 Diakonissen; die Hälfe davon ist im Ruhestand. Zum Mutterhaus gehören Ausbildungsstätte, Altenheim und Pflegestation, Schwesternwohnheim und Gästehaus sowie die Theologische Hochschule. Die Schwesternschaft wird unterstützt durch den Brasilverein der Evangelischen Frauenhilfe.

15 Prozent der brasilianischen Bevölkerung sind Protestanten, allerdings würden immer mehr Mitglieder an die Pfingstkirchen verloren, erzählt Ruthild Brakemeier. Die Evangelischen sind vor allem im Süden Brasiliens vertreten. Es gibt zwar genügend Pfarrer, doch die Pfarrbezirke sind extrem groß.

Einiges habe sich die vergangenen Jahre in Brasilien verbessert, sagt sie. Lebensmittelprogramme seien eingesetzt worden, mit der Wirtschaft gehe es aufwärts. Auch die Korruption werde inzwischen stärker bekämpft. „Dem Mittelstand geht es besser als noch vor ein paar Jahren, aber die soziale Ungerechtigkeit ist bei uns weltweit immer noch am größten.“

In den Armenvierteln fehlt es an einem guten Abwassernetz, das Schulsystem muss verbessert werden – und es gibt zu wenige Krankenhäuser und Gefängnisse. „Die Sicherheit ist ein großes Problem“, sagt die Diakonissin. Sie befürchtet, dass die Kriminalität auch während der Fußball-Weltmeisterschaft ein Thema ist. Auch das Verkehrssystem währen der Fußball-Weltmeisterschaft bereitet Ruthild Brakemeier Sorge. Viele der S-Bahnen sind chronisch überfüllt und es ist fraglich, ob die Straßen und öffentlichen Verkehrsmittel so viele Touristen verkraften. „Ich hoffe, dass die Infrastruktur ausreicht, um ein friedliches Miteinander zu garantieren.“

Auch Hans Alfred Trein hat vom Fußballfieber in seinem Land noch nicht viel gespürt. „Die Regierung hat große Befürchtungen, dass während der WM Krawalle entstehen, so wie bereits beim Confederations Cup 2013. Und die indigenen Völker kritisieren, dass sie viel dringender Geld für andere Bereiche benötigen“, fasst er die Lage in dem südamerikanischen Staat zusammen. Doch der Theologe glaubt auch: „Wenn die WM einmal anfängt, wird sich auch die Begeisterung verbreiten. Dazu beeinflussen die Medien die öffentliche Meinung zu stark, der Nationalstolz wird die Oberhand gewinnen.“

Wenige Wochen vor Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft ist der brasilianische Pfarrer zu Besuch in Deutschland und mit dem Gustav Adolf Werk (GAW) unterwegs. Selbst ein Nachkomme deutscher Einwanderer, arbeitet er als Leiter im „COMIN“. Dort, in dem „Missionsrat zwischen Indigenen“, setzt er sich für die Rechte der Ureinwohner Brasiliens ein.

„Dass der Fokus während des Turniers auf das Land gerichtet wird, ist wichtig. Aber man darf nicht nur auf das Fußball-Ereignis schauen“, betont Trein. Brasiliens Politiker würden Wert darauf legen, nach außen das Bild eines weit entwickelten Landes zu geben, das mit wirtschaftlichem Aufschwung und sozialen Verbesserungen glänzt. Richtig sei, dass die Hungersnot nicht mehr so groß ist und das Land die niedrigste Arbeitslosenquote seit langem hat. Die Flüge sind billiger geworden, in den Supermärkten stehen große Schlangen. „Doch die Rechte von Minderheiten sind ins Abseits geraten.“

Zustimmung bekommt er von Merong Tapuruma. Der 26-Jährige stammt vom Volk der Pataxó Hae Hae aus Contagem, einer Stadt im brasilianischen Bundesstaat Minas Gerais. Er ist eine leitende Persönlichkeit in seinem Dorf und vertritt unter anderem die Wiederbelebung der Guarani Kultur. Diese ist heute, mit rund 50.000 Angehörigen, das größte indigene Volk Brasiliens, dem allerdings nur wenig Land geblieben ist. „Die Mehrheit der Brasilianer fragt sich, warum die WM in unser Land vergeben wurde. Es wurden viele Fußballstadien gebaut, die nach der Veranstaltung zu nichts mehr nütze sind“, sagt er.

Als Beispiel nennt Merong Tapuruma die Stadien von Cuiaba und von Manaus, Hauptstadt des brasilianischen Bundesstaates Amazonas. „Das ist gar kein richtiges Fußballgebiet, es gibt keine entsprechenden Vereine“, bestätigt auch Hans Alfred Trein. Was nach dem Turnier mit den Stadien passiere? „Vielleicht werden sie für andere Veranstaltungen umgemodelt. Oder man hofft, dass sich dadurch dort eine Fußballkultur bildet“, sagt er.

Merong Tapuruma ist sich sicher, dass nach dem Turnier das brasilianische Volk die ganzen Rechnungen für die Investitionen bezahlen muss: „Wasser und Strom werden mit Sicherheit teurer, die Einkommenssteuer wird erhöht werden.“ Der verheiratete Vater einer kleinen Tochter lebt in einem Besetzungslager, das als Indigenes Land demarkiert werden soll. Ein ständiger Kampf gegen die Globalisierung. „Wir brauchen Land, um weiter in unserer Kultur leben zu können.“

Was er selbst währen der Fußball-WM machen wird? „Ich werde die Zeit nutzen, um Kunsthandwerk zu produzieren“, sagt er und lächelt. Und wenn das Turnier schon nicht zu verhindern sei, dann hoffe er auch, dass der Turnierausrichter gewinne. „Ich bin ja schließlich Brasilianer.“¦

Der Indianermissionsrat (COMIN) wurde 1982 gegründet. COMIN stellt sie sich an die Seite der Indigenen Völker. Seit COMIN vom Kirchenrat der EKLBB beauftragt wurde, die Mission der Kirche unter Indigenen zu koordinieren, setzen sie sich für den Versöhnungsprozess zwischen Brasilianern mit europäischen Vorfahren und den indigenen Völkern ein.

Brasilien in Zahlen

Die Hauptstadt ist Brasilia mit knapp 2.480.000 Einwohnern. 65 Prozent der Bevölkerung sind Katholiken und 15 Prozent Protestanten, mit einer starken Zunahme evangelischer Freikirchen (Pfingstkirchen). Daneben existieren Minderheiten von Muslimen (184.000), Juden (140.600), Orthodoxe (121.000), Anglikaner (136.000), Buddhisten, Bahai sowie Anhänger von indianischen, afrobrasilianischen und spiritistischen Kulten. 7 Prozent der Bevölkerung sind religionslos.

Die Evangelische Kirche Lutherischen Bekenntnisses in Brasilien (EKLBB) hat rund 700.000 Gemeindemitglieder in 18 Synoden (470 Parochien) sowie 1811 Gemeinden mit 684 Pfarrerinnen und 540 Pfarrern und 81 Diakoninnen und Diakone. Die EKLBB ist Mitglied im Nationalen Rat Christlicher Kirchen, im Lateinamerikanischen Kirchenrat, im Ökumenischen Rat der Kirchen und im Lutherischen Weltbund.

Info

Informationen und Unterrichtsmaterialien zur WM gibt es im Internet: www.Brasilien-Menschen-im-Fokus.de


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