Christliche Themen für jede Altersgruppe

Zwischen Trubel und Einkehr

HEILBRONN – Die Übersicht zu behalten, das ist Stefanie Kress wichtig – nicht nur in den Sommerwochen, wenn sie als Jugendpfarrerin auf dem Gaffenberg besonders gefragt ist. Auch deshalb gehört der Aussichtsplatz vom Heilbronner Wartberg zu dem Ort, an dem sie am besten Kraft tanken kann.  Von Franciska Bohl

Jugendpfarrerin Stefanie Kress: „Der Ort hilft mir, Abstand zu gewinnen.“ Auch Johann Wolfgang Goethe zog es auf den Wartberg. Foto: Andreas Veigel

Ein leichter Wind frischt auf und lässt die hellgrünen Blätter der Weinreben erzittern. Leise klingt hier der Baustellenlärm aus der Innenstadt nach oben, auch das Verkehrsrauschen ist nur abgeschwächt zu hören. „Hier komme ich gerne her, um mir ein Überblick über alles zu verschaffen“, sagt Stefanie Kress und fährt sich mit den Fingern durch die langen, wind­zerzausten Haare. So wie einmal, nach einer langen abendlichen Sitzung, mit schwierigen Gesprächen. „Ich wusste, ich kann jetzt nicht schlafen gehen – dann bin ich hierhergefahren.“ Der Blick auf die hell erleuchtete Stadt unter dem dunklen Abendhimmel half der der 35-Jährigen dann schnell abzuschalten.

Obwohl sich der Aussichtspunkt auf dem Wartberg auch zu Fuß erkunden lässt: Meistens, gesteht die Jugendpfarrerin, fahre sie aus Zeitgründen lieber kurz mit dem Auto nach oben. „Der Ort hilft mir, innerlich Abstand zu gewinnen“, sagt Stefanie Kress und zeigt auf die weit unten im Zentrum gelegene Kilianskirche: „So schön die Kirche auch ist und so gern ich mich in ihr aufhalte – hier oben kann ich besser zur Ruhe kommen.“

Der Blick von dem am nördlichen Ausgang von Heilbronn gelegenen Wartberg bietet eine fantastische Aussicht auf die Heilbronner Innenstadt und auf die bewaldeten Höhen und Bergen des umliegenden Neckartals. Stefanie Kress deutet schräg nach unten, wo, verdeckt von Bäumen, das Gaffenberg-Gelände liegt: Europas größtes Waldheim für Kinderfreizeiten. Was das jährliche Sommerangebot für die Stadt bedeutet, hat die Jugendpfarrerin in ihrer bislang knapp anderthalbjährigen Amtszeit selbst erfahren: „Alle sind wochenlang im Gaffenberg-Fieber.“

Für sie als Jugendpfarrerin heißt das: Sechs Wochen absoluter Ausnahmezustand – so wie schon im vergangenen Jahr. „In dieser Zeit tauche ich komplett weg und bin nur zum Übernachten zuhause“, erzählt Stefanie Kress. Von morgens sieben Uhr bis spät in die Nacht ist sie dann auf dem Gaffenberg-Gelände unterwegs und damit beschäftigt, die vielen Abläufe zu koordinieren und den Überblick zu bewahren, damit die Organisation reibungslos verläuft und die rund 1800 Freizeit-Kinder gut betreut werden. „Und danach brauch ich erst einmal Urlaub“, sagt sie und lacht.

Doch Stefanie Kress genießt den Trubel, auch wenn die Zeit auf dem Gaffenberg sehr anstrengend ist. Am schönsten sind für sie die Abendstunden, wenn Zeit für Seelsorge-Gespräche bleibt. „Dann versuche ich, den Betreuern einen spirituellen Ort zu bieten, an dem sie sich aussprechen können.“ Eine Kerze und genügend Taschentücher stehen dann bereit, wenn die zwischen 17 und 26 Jahre alten Gruppenleiter zu ihr kommen, um sich über ihre Sorgen und Nöte auszusprechen. „Manche von ihnen treibt die Frage um: Bin ich okay, so wie ich bin? Und wie kann ich das alles schaffen?“
Egal ob es die Seelsorge-Gespräche, Morgen- oder Abendandachten anbelangt: Stefanie Kress ist davon überzeugt, dass die jungen Menschen der „Generation Y“, wie sie es nennt, keine neuen Reize und Unterhaltungsmomente benötigen, sondern regelmäßige Auszeiten – eben spirituelle Orte. „Viele haben verlernt, die Stille überhaupt auszuhalten“, sagt sie.

Am liebsten würde sie auf dem Gaffenberg-Gelände eine kleine Kapelle einrichten, in der alle Mitwirkenden die Möglichkeit haben, regelmäßig eine Auszeit zu nehmen. Ideen dafür, wie so ein Angebot umgesetzt werden könnte, hat sie schon. Und die Motivation ist groß: Schon während ihres Theologiestudium in Tübingen hat Stefanie Kress erfahren, wie wohltuend Achtsamkeit sein kann. „Damals habe ich an einem Exerzitien-Seminar teilgenommen und die Stille und Meditation für mich entdeckt.“

Sie bedauert, dass für solche Angebote die Zeit oft zu knapp ist. Und genießt es umso mehr, wenn etwa abends noch die Zeit bleibt, um von ihrem Arbeitsalltag innerlich Abstand zu bekommen – am besten in schönster Aussichtslage, hoch auf dem Heilbronner Wartberg. Doch nicht nur hier gelingt es der Jugendpfarrerin, abzuschalten. Eine weitere spirituelle Quelle sind für Stefanie Kress die Reisen nach Japan, die sie nach Möglichkeit einmal im Jahr unternimmt. Mit gutem Grund: Denn ihre Wurzeln liegen in Tokio. Dort waren ihre Eltern 25 Jahre lang als Missionare tätig, und dort wurde sie geboren. „Das ist für mich ebenfalls ein Ort, an dem ich aufatmen kann, da er mir von meiner Kindheit her noch vertraut ist“, sagt sie. Auch in Japan interessiert sie, was andere Menschen bewegt, was für religiöse Fragen sie umtreibt.

Egal an welchem Ort –„Spiritualität“, steht für Stefanie Kress fest, „hat auf jeden Fall immer mit Stille zu tun. Denn da kann man sich selbst nicht aus dem Weg gehen.“