Christliche Themen für jede Altersgruppe

Zwischenruf der Zukunft

Ob Klimawandel, Digitalisierung oder Flucht – die großen Themen der Zeit waren auch viel diskutierte Themen beim 37. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Dortmund. Und dabei kamen in den Podien Vertreter jüngerer Generationen ausgiebig zur Sprache. 

Jung und Alt stehen zusammen für ein menschlicheres Europa: Menschenkette beim kurzfristig angekündigten Podium zur Seenotrettung in der Westfalenhalle. (Foto: epd-bild)


Der Beifall will nicht enden. Im Gegenteil, nun steht das gesamte Publikum, jubelt, applaudiert weiter. Und sie klatschen an dieser Stelle des Kirchentags-Podiums „Umwelt, Klima, Gerechtigkeit“ nicht für den EKD-Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm, nicht für den Klimaforscher Johan Rockström, nicht für den Kabarettisten Eckart von Hirschhausen. Sie klatschen und stehen auf für eine junge Studentin, die bei ihrem ersten Kirchentag 2013 noch als jugendliche Helferin dabei war.

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Luisa Neubauer ist die deutsche Stimme von „Fridays for Future“. Der Jugendbewegung, die jeden Freitag für mehr Klimaschutz protestiert. Der Auftritt der 23-Jährigen ist eigentlich nur als „Zwischenruf“ angekündigt. Doch der Applaus am Schluss zeigt: Für das Publikum ist es der Höhepunkt.

„Wir haben gehört, was alles schief läuft. Das ist krass irgendwie. Wo sollten wir Hoffnung haben?“, beginnt Luisa Neubauer. Aber beim Kirchentag, sei ja das „Team Hoffnung“. „Das Maß der Mitte ist nicht der Weg vorwärts. Es ist nicht genug, zu sagen: Was junge Menschen machen, ist gut“, sagt sie. Und lädt ein: „Schließt euch uns an! Es wäre nicht das erste Mal, dass Kirchen eine Revolution mitgestaltet haben. Ich bin zuversichtlich, dass wir das hinkriegen. Ich zähle auf euch!“

Der Zwischenruf gibt die Richtung vor. Den stehenden Applaus kommentiert Eckart von Hirschhausen, selbst für Klimaschutz aktiv, enthusiastisch: „Das ist genau, was es jetzt braucht: Aufstehen!“ Johan Rockström fordert, dass Deutschland eine Führungsrolle in der Klimapolitik übernimmt. Heinrich Bedford-Strohm richtet sich direkt an Luisa Neubauer: „Im Namen der EKD sage ich Ihnen: Wir freuen uns über ihr Engagement und stehen an Ihrer Seite.“

Sowohl ein Glaubensfest, als auch einen politischen Kirchentag wolle man in Dortmund haben, sagte Kirchentagspräsident Hans Leyendecker im Vorfeld. Glaubensfest wird ein Kirchentag im Grunde von selbst, wenn so viele Christen gemeinsam fünf Tage eine Stadt erfüllen, zusammen singen und Gottesdienste feiern. Junge Besucher prägen das auch in Dortmund mit: Sie lassen spontan Lieder in überfüllten U-Bahnen erklingen, tanzen auf den Grünflächen, bieten mit Schildern „free hugs“ an – freie Umarmungen.

Doch setzen junge Menschen ihren Stempel diesmal auch dem politischen Teil auf. Nicht nur im Zentrum Jugend. Sondern auf den großen Podien in den großen Hallen. Nicht immer, aber immer öfter.

Beispiel Digitalisierung. Sind beim Hauptvortrag von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zum „Zukunftsvertrauen in der digitalen Moderne“ am Donnerstag auf der Bühne noch die Grauhaarigen unter sich, kommen tags darauf beim Podium „Macht – Ohnmacht – Machen: Freiheiten digitaler (Christen-)Menschen“ die titelgebenden „Macher“ vor allem aus der jungen Generation.

SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil mag zu den etablierteren Kräften gehören, aber sein Thema, die Netzpolitik, ist vor allem Thema der Jüngeren. Den Umgang der Politik mit dem Video des Youtubers „Rezo“ zur Europawahl findet Klingbeil „teilweise sehr unsouverän“. Den Titel „Zerstörung der CDU“ heiße er nicht gut, aber: „Wir haben Debatten, wo man der Jugend unterstellt, sich nicht für Politik zu interessieren. Jetzt haben wir einen Youtuber, der eine Stunde Politik macht, und das schauen sich 60 Millionen Menschen an. Eigentlich ist das ein Geschenk.“

Andere junge Menschen zeigen beim Podium, wie man sich in der Digitalisierung bewegen kann. Jule Lumma, Journalistin und Pfadfinderin, erzählt, wie der VCP (Verband Christlicher Pfadfinderinnen und Pfadfinder) digitale Beteiligung genutzt hat, um mit Mitgliedern eine Zukunftsstrategie zu entwickeln. Alexander Sander von der „Free Software Foundation Europe“ fragt in den Saal, wie viele der Software auf ihrem Handy trauen – sehr wenige. Er wirbt dafür, Software  zu verwenden, die frei verbreitet und verändert werden kann. So ließe sich die Macht der Internetgiganten brechen.

Beispiel Seenotrettung. Es ist die Veranstaltung im Programm, die als letzte hineingenommen wurde. Am Freitag zuvor hat Präsident Hans Leyendecker die Information erhalten, dass Leoluca Orlando zum Kirchentag kommen könnte. Sechs Tage später sitzen weit über 6000 Besucher in der großen Westfalenhalle. Sie erfahren, wie ein mutiger, alter Politiker und junge, engagierte Seenotretter gemeinsam für ein menschliches Europa streiten.

Leoluca Orlando, 71 Jahre, ist eine Legende. Der Oberbürgermeister der sizilianischen Stadt Palermo wurde bekannt durch seinen Kampf gegen die Mafia. Er hat Palermo zur sichersten Stadt Italiens gemacht. Nun setzt Orlando sich gegen die Migrationspolitik der italienischen Regierung und für sichere Häfen ein. „Ich mache keinen Unterschied zwischen denen, die in Palermo geboren sind und denen, die in Palermo wohnen. Migranten sind Menschen, wir wollen zusammen Palermo sein“, sagt er. „Was im Mittelmeer passiert, ist eine Schande für Europa!“ Tosender Applaus.

Vieles wird auf diesem Podium laut beklatscht. Etwa die Rede Heinrich Bedford-Strohms, der klar Position pro Seenotrettung bezieht. Und der Appell einer jungen Frau: Mattea Weihe gehört zur  Mannschaft des privaten Rettungsschiffs „Sea Watch 3“. Sie ruft in den Saal: „Wir möchten mit euch gemeinsam ein Zeichen sein. Ein Schiff der Gemeinschaft, der Solidarität, der Nächstenliebe. Ein Schiff von uns allen!“ Ihr Aufruf zeigt Wirkung: Kirchentagsteilnehmer verabschieden auf einer späteren Veranstaltung eine Resolution, in der sie die EKD und die Landeskirchen auffordern, selbst ein Rettungsschiff in die „tödlichsten Gewässer der Welt“ zu schicken.

Beispiel Konservatismus. Nicht der erste Begriff, den man mit dem Kirchentag verbindet. Leyendecker ärgert das: „Ich habe im Kirchentag immer eine konservative Veranstaltung ge­sehen. Wir treten auf Kirchentagen für Werte ein. Für Menschenwürde, für Bewahrung der Schöpfung. Für alte Werte.“

Doch was ist konservativ? Der Mainzer Historiker Andreas Rödder hält in der überfüllten Halle den Impuls-Vortrag zum Podium „Was ist noch konservativ? Was ist schon rechtspopulistisch?“. Konservative, sagt Rödder, seien oft Menschen, die bewahren, was sie gestern bekämpft haben. Aber eben nur, was sich bewährt hat. Abgrenzend zu Konservativen beanspruchten Rechtspopulisten, für das „Volk“ zu sprechen. Ähnliches sieht er von anderer Seite: „Nehmen nicht auch die ,Fridays for Future‘ fu¨r sich in Anspruch, fu¨r ‚die Jugend‘ zu sprechen?“ Auch wenn er Klimaschutz befürworte, gehe ihm „Klimapopulismus“ zu weit.

Den Großteil des Podiums verbringt Rödder damit, sich zu verteidigen. Die Journalistin Elisabeth von Thadden fragt ironisch, ob konservative Vernunft heiße, „solange zu bremsen, bis es gar nicht mehr geht“. Ministerpräsident Winfried Kretschmann fragt Rödder: „Sie sagen, die ,Fridays for Future‘-Bewegung würde ‚rummoralisieren‘ – ja was sollen die denn sonst machen?“. Und sein bayerischer Amtskollege Markus Söder sagt: „Wichtig ist, dass Politik in der Lage ist, sich zu verändern.“

Mit Judith Magdalena Piotrowski, Autorin aus Berlin, ist auf dem Podium eine Frau dabei, die sich als „jung und konservativ“ beschreibt. Und für die es ein „Skandal“ ist, „dass Schüler erst auf die Straße gehen müssen, damit etwas getan wird“. Sie wünscht sich einen „Dialog auf Augenhöhe zwischen Politik und junger Generation“.

Politische junge Menschen also, die den Kirchentag mitprägen. Bis hin zum Abschlussgottesdienst im Dortmunder Stadion, wo Pfarrerin Sandra Bils zu Seenotrettung und „Fridays for Future“ eine klare Sprache spricht: „Wir sehen wo Gott in der Welt wirkt – durch die Leute von Sea-Watch, SOS Méditerranée und Sea-Eye, durch Greta Thunberg und die Schülerinnen und Schüler, durch so viele andere – und dabei machen wir mit.“

 

 

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