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Zwischenstation Serbien

Serbien ist ein Transitland für Flüchtlinge. Tausende von Menschen zogen bis vor Kurzem hier jeden Tag durch. Auf einem Rastplatz an der Grenze verweilen sie ein paar Stunden, trinken, essen, gehen auf die Toilette und zum Arzt. Eine Momentaufnahme aus einem Land auf der Balkanroute, wo aktuell auch das Diakonische Werk Württemberg mit seiner Partnerorganisation EHO hilft. 


Auf dem Weg ins gelobte Deutschland: Täglich kommt auf dem Rastplatz in Adaševci ein Dutzend Busse mit Flüchtlingen an. (Foto: Gemeindeblatt)


700.000 Flüchtlinge haben 2015 Serbien passiert. Seit Ungarn im Oktober seinen Grenzübergang dicht gemacht hat, nehmen sie fast alle den Weg über Kroatien. Ein Bus bringt sie von der mazedonischen Grenze in den Norden, ein Zug über die Grenze in die EU. Alles ist erstaunlich gut organisiert, funktioniert reibungslos. Je schneller, desto besser.

Ein heruntergekommenes Autobahnmotel bei Adaševci ist der Arbeitsplatz von Zita Belic. Im jugoslawischen Bürgerkrieg wurde es zerschossen und seither nicht wieder in Betrieb genommen. Hier kommen täglich über zehn Busse mit Flüchtlingen an. Sie stehen dicht an dicht, unentwegt steigen neue Menschen aus. Es sieht aus wie auf dem Fanparkplatz eines Fußball-Bundesligavereins, nur dass hier keiner am Abend wieder die Heimreise antreten will.

Zwischen den Flüchtlingen wuseln Mitarbeiter der Hilfsorganisationen herum. Geben Anweisungen, halten Dokumente hoch, erklären entgeistert dreinschauenden Ankömmlingen, dass sie mit diesen Papieren nicht weiterkommen. Seit es ein einheitliches Erfassungsdokument mit biometrischen Daten gibt, haben die ein Problem, die zu früh die Grenze nach Mazedonien passiert haben.

„Die Abwasserleitungen“, stöhnt Giorgi Sanikidze. Der Mann aus Georgien mit der blauen Weste ist Leiter der Uno-Flüchtlingshilfe in Adaševci. Seit es chemische Toiletten gibt, hat sich die Lage etwas entspannt. Das Trinkwasser wird in Tankwagen gebracht, aus zahlreichen Kleintransportern werden Bananen, Brote und Äpfel ausgeladen. Auch Socken und Unterwäsche sind der Renner, noch ist es draußen kalt und auf der Flucht ist vieles zerschlissen worden.

Zita Belic kommt aus der nordserbischen Stadt Novi Sad. Sie arbeitet für die kirchliche Hilfsorganisation EHO (Ecumenical Humanitarian Organization), einer Partnerorganisation des Diakonischen Werkes Württemberg. Drei Tage in der Woche schickt EHO  seine Leute hier her, mit Essen, Kleidung und Medikamenten. Es ist erstaunlich, wie schnell innerhalb von nur wenigen Monaten ein effizientes Hilfssystem für die Menschen auf der Durchreise entstanden ist.

Kahled Haji (30) ist vor einem Monat mit seiner Familie aus Syrien geflohen. Damaskus, die Türkei, Griechenland, Mazedonien. Jetzt steht er mit seiner Frau und den drei Kindern auf einem Rastplatz in Serbien und schwärmt von Deutschland. Als Kellner habe er in Syrien gearbeitet, und wenn es gut läuft, will er bald auch als Kellner in Deutschland sein Geld verdienen. „Ihr sucht doch Kellner, oder?“, fragt er.

Khairi Elios Biso (26) ist ein kurdischer Jeside aus dem Irak. Die religiöse Minderheit wird vom Islamischen Staat verfolgt. „Was die mit Frauen und Mädchen machen, ist schlimm“, sagt er. Schon vor Monaten hat er mit seiner Familie seine Heimat verlassen, war lange in der Türkei und ist dann per Boot nach Griechenland weiter. Wohin sie wollen? „Nach Deutschland!“ Und arbeiten? „Egal, Hauptsache Frieden.“ Er lächelt, doch seine Frau mit dem Kind auf dem Arm sieht besorgt aus. Ob alles wohl so eintreffen wird, wie sie es sich erhoffen?

Viele Familien kommen auf dem Rastplatz vom Adaševci an. Ganze Clans mit Onkeln und Tanten, doch auch Väter und Mütter, die ihre Kinder vermissen. Dann ist wieder Giorgi von der Uno gefragt. Per Handy und dem Nachrichtenprogramm „Whats App“ tauscht man sich mit anderen Grenzstationen aus und versucht, die Menschen, die sich verloren haben, wieder zu einander zu bringen.

Das Mobiltelefon ist wichtig für die Flüchtlinge. So bleiben sie untereinander und mit ihren Familien in Kontakt. Überall auf dem Rastplatz gibt es „Free Wifi“, ein kostenloses Computernetz, das sie benutzen dürfen. Und natürlich eine Aufladestation für das Handy. Soforthilfe im 21. Jahrhundert ist auch eine Soforthilfe für leergelaufene Smartphone-Akkus.

Keiner weiß, warum an diesem Tag kein Zug im Bahnhof von Sid eintrifft. Täglich ändert sich die Lage, gibt es neue Anweisungen und Durchführungsbestimmungen. Sid liegt etwa zehn Kilometer vom Autobahnrastplatz Adaševci entfernt. Es ist der Grenzbahnhof nach Kroatien. Sobald der Zug dort eintrifft, wird eine Nachricht nach Adaševci geschickt, und der Bus kann starten.

Balkanroute wird dieser Fluchtweg über Griechenland, Mazedonien, Serbien, Kroatien und Österreich genannt. Wer Serbien erreicht hat, gehört schon zu den Glücklichen. Inzwischen werden nur noch Iraker, Syrer oder Afghanen durchgelassen. Alle anderen bleiben zurück, Algerier, Marokkaner oder Pakistani, haben keine Chance mehr. Sie hängen nun wieder in Griechenland fest. Ein Verschiebebahnhof der Verantwortlichkeiten mit immer undurchlässiger werdenden Grenzen, die man im neuen Europa schon für überwunden hielt.

Oft muss binnen Minuten entschieden werden, wer ein Syrer oder Iraker ist. „Die reine Willkür“, sagt Flüchtlingshelfer Giorgi Sanikidze. Entmutigen wollen er und seine Leute sich dennoch nicht lassen. Auch Zita Belic erledigt geduldig ihre Arbeit. Sie ist anstrengend, aber auch erfüllend. Und manchmal gibt es sogar echten Grund zur Freude: „Zweimal wurden in Adaševci sogar schon Babys geboren“, erzählt sie mit einem Lächeln. Welch ein Start ins neue Leben und welch ein Symbol der Hoffnung.