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Grenzen der Neugierde: „Ich will alles von ...

Wie viel darf man in der Partnerschaft voneinander wissen? Eine Frage, die das Zusammenleben von Mann und Frau im Innersten berührt – denn es geht dabei stets um Nähe und Anziehung gleichermaßen. Lesen Sie drei Vorschläge für eine glücklichere Partnerschaft.




Miteinander zu sprechen ist die wichtigste Voraussetzung dazu, Misstrauen zwischen Mann und Frau abzubauen. Denn ein guter Kontakt schützt vor Missverständnissen und baut Vertrauen auf – übrigens bei allen in der Familie, wenn sie eingebunden sind! (Fotos: Colourbox)

Wo bist du gewesen?“ Susanne, 38, begrüßt ihren Mann Wolfram, 42, nicht mit einem Satz wie: „Schön dass du da bist!“, oder: „Willkommen zuhause!“, sondern stets mit dieser Frage: „Wo bist du  gewesen?“

„Das klingt für mich immer ein bisschen wie ein Misstrauensvotum!“, sagt Wolfram, wenn er von dieser Eigenart seiner Ehefrau berichtet. Dann zuckt er mit den Schultern. „Ich habe mich mit der Zeit dran gewöhnt, dass Susanne immer alles ganz haarklein von mir wissen will“, sagt der Industriekaufmann aus Reutlingen. „Sie braucht das offenbar, damit sie sich sicher fühlen kann.“

Wissen-Wollen gehört zur Liebe

Klar ist erst einmal: Interesse am anderen ist eine der Grundvoraussetzungen von Liebe und Zweisamkeit. Denn die Neugierde am anderen zeigt sich in solchen Wünschen wie: „Erzähle mir von dir. Ich möchte so gerne mehr wissen, mehr kennenlernen von dir!“

Es müsste schon eine paradoxe Liebe sein, die nicht eine solche Form von Neugierde und Nähe bevorzugen würde. „Neugierde ist in der Partnerschaft erst einmal nichts anderes als der Wunsch, einen besonderen Anteil am Leben des geliebten Menschen nehmen zu wollen“, erklärt der Paartherapeut Klaus Binninger. „Diese Neugierde ist selbstverständlich und ein Zeichen der besonderen Zuneigung zwischen zwei Menschen.“

Dahinter steht eine Erfahrung der Liebe, die Psychologen als „Symbiose“ bezeichnen. Das Wort umschreibt den Wunsch Verliebter, am liebsten so weit wie möglich eins zu werden mit dem anderen, mit dem Gegenüber quasi zu verschmelzen.

Therapeut Binninger erinnert dabei an eine poetische Stelle aus dem Dialog „Das Gastmahl“, den der Philosoph Platon vor fast zweieinhalbtausend Jahren schrieb. Mann und Frau, so der hier erzählte Mythos, seien ursprünglich ein Doppelwesen gewesen, mit zwei Köpfen, vier Armen und vier Beinen. Dann habe der Zorn der Götter sie getrennt – und seither versuchten die beiden mehr oder minder verzweifelt immer wieder von Neuem, als Paar vollkommen zusammenzukommen. Dieses verzweifelten Versuch der Verbindung nennen wir heute – Liebe.

Neugierde bietet Austausch

Diese Liebe manifestiert sich nun nicht allein in dem Wunsch nach körperlicher Vereinigung – sondern eben auch in demjenigen nach vertrautem Austausch im gemeinsamen Gespräch. „Neugierig auf den anderen zu sein bedeutet, sich über ihn zu freuen“, sagt Therapeut Binninger. „Diese Freude bedeutet wiederum Wertschätzung füreinander.“

Und sie bringt noch etwas Weiteres mit: Neugierde will befriedigt werden. Das bedeutet, dass Mann und Frau ins Gespräch eintreten, sobald Neugierde im Spiel ist: Sie ist also quasi der Motor des gemeinsamen Dialogs. „Dafür bin ich meiner Frau sogar ausgesprochen dankbar“, sagt Wolfram. „Mit ihrer Neugierde bringt sie unsere Kommunikation in Schwung – auch wenn mir das manchmal sogar aufdringlich erscheint und deshalb sogar an manchen Tagen lästig ist!“

Wenn zu viel Fragen lästig werden

Wann wird ihm diese Neugierde lästig? Wolfram schüttelt den Kopf. „Immer dann, wenn ich das Gefühl habe: „Warum willst du das eigentlich alles wissen? Was geht dich das eigentlich alles an?’“, erklärt Wolfram. „Dann wird mir Susannes Fragerei ausgesprochen lästig – und ich muss mit meinem Widerwillen dagegen angehen.“ Psychologe Binninger nickt zu dieser Aussage. „Jeder Mensch braucht so etwas wie seinen eigenen innersten Freiraum“, erklärt der Fachmann. Um sich selbst treu bleiben zu können, um seine Individualität zu spüren ist es wichtig, dass jeder Mensch, und sei er noch so verliebt in seiner Beziehung, ein Eckchen an Erlebnissen, Erfahrungen und Gefühlen behält, die nur ihm ganz allein zugänglich sind. Diese Form des persönlichen Gefühlsbestands ist unabdingbar, um Autonomie zu behalten – das Bestimmungrecht über uns selbst. Das ist wichtig. Denn nur, wer auch in einer Liebesbeziehung seine Autonomie behält, kann auch für den anderen Menschen attraktiv bleiben. „Denn nur eine ganze, eine runde Persönlichkeit, die sich selbst bewusst ist, kann wirklich Liebe geben und empfangen“, erklärt Psychologe Binninger.

Liebe heißt auch: Nicht alles wissen müssen!

„Ich habe manchmal das Gefühl, dass Susanne mich regelrecht aussaugt!“, klagt Wolfram. Auf Nachfrage erklärt er, wie er das meint. „Meine Mails werden regelmäßig gelesen, mein Telefon durchgecheckt, wer mich angerufen hat – und wen ich angerufen habe“, sagt Wolfram. Für ihn ist das kein Problem, sagt er: „Ich habe keine Geheimnisse, erst recht nicht vor meiner Frau!“ Er toleriert also eine Form von Neugierde, die manchen anderen Ehepartner schon in die Flucht schlagen würde. Doch schwierig wird es für Wolfram dann, wenn er seine Gefühle auf nachfrage preisgeben soll. „Du guckst so nachdenklich? Sag’ mir – was denkst Du gerade?“, das ist eine Frage von Susanne, die den Ehemann mittlerweile auf die Palme treibt: „Ja, weiß ich denn immer, was ich gerade denke? Wenigstens das Recht zum gedankenlosen Träumen sollte mir meine Frau doch lassen!“

Psychologe Binninger unterstützt ihn dabei ohne Wenn und Aber: „Es kann nicht sein, dass eine Liebe, so symbiotisch und aufeinander bezogen sie auch immer sein mag, in solche Gedanken-Kontrolle abgleitet. Das hat auch Wolfram begriffen: Er hat seine Frau gebeten, mit ihm zusammen zum Ehetherapeuten zu gehen und gemeinsam einen Weg aus der Neugierde-Schleife zu finden.

Interesse ja – Kontrolle nein!

Was aber können Eheleute tun, um sich gar nicht erst in diese Schleife einzulassen? Drei Tipps vom Paar-Experten Binninger:

Tipp Nummer eins:

Bauen Sie Vertrauen auf! Denn die Neugierde, die bis zur umfassenden Kontrolle abgleitet, ist immer dann am größten, wenn der fragende Partner Unsicherheit verspürt. Deshalb sind beide, Mann und Frau gleichermaßen, in einer Partnerschaft dafür zuständig, transparent zu handeln – und damit am besten erst gar keine Unsicherheit beim anderen aufkommen zu lassen.

Tipp Nummer zwei:

Suchen Sie die Kommunikation. Verfallen Sie in der Ehe nicht ins tödliche Schweigen. Erzählen Sie bitte immer auch von sich aus von Ihren Gefühlen und von Ihren Problemen. Das nimmt mögliche Ängste des anderen.

Tipp Nummer drei:

Setzen Sie klare Grenzen und sprechen Sie darüber. Sagen Sie dem anderen, worüber Sie vielleicht gerade einmal nicht reden wollen. Und sagen Sie bitte auch, warum. So könnte es sein, dass Sie Ihren Partner zum Beispiel unterrichten: „Du, ich grübele gerade darüber nach, wie es meiner Mutter in der Pflege geht – ich bin aber noch nicht zu einer Lösung gekommen. Ich sage dir Bescheid, wenn ich einen klaren Gedanken gefasst habe!“ Solche Wegmarken der Kommunikation helfen, uns abzugrenzen, ohne den anderen ratlos zurückzulassen.

Vertrauen ist das Gefühl, einem Menschen sogar dann glauben zu können, wenn man weiß, dass man an seiner Stelle lügen würde.

– Henry Louis Mencken –