Christliche Themen für jede Altersgruppe

Immer auf der Suche sein!

Luthers-Autorin Marianne Waas -Frey stellte der Tübinger Chemikerin Prof. Dr. Carolin Huhn fünf Fragen zum Monats-Thema. Interessant, was sie darauf geantwortet hat!


Mit einem Stipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes hat Carolin Huhn an der Universität Marburg studiert, mit einem Auslandssemester in Neuseeland. Auf die Promotion an der Universität Marburg folgten Stationen in Aalen und Leiden. Bevor sie nach Tübingen kam, war sie Leiterin einer Forschungs-Nachwuchsgruppe in Jülich. „Da hat mir vor allem der Austausch mit den Studierenden gefehlt“, sagt Carolin Huhn, die gern in der Lehre tätig ist.

Von Galileo Galilei ist dieser Satz überliefert: „Die Neugier steht immer an erster Stelle eines Problems, das gelöst werden will.“ Ist das auch Ihre Erfahrung?

Prof. Dr. Carolin Huhn: Neugier ist sicherlich wesentlich. Zuallererst aber steht eine Beobachtung. Diese Beobachtung muss etwas in mir bewegen, mich irritieren, weil es sich heraushebt aus dem, was meine Erfahrung als „normal“ bezeichnet. Erst wenn ich dieses Befremdliche erlebe, erwachsen Neugier und der Wunsch, es zu ergründen. Neugier steht also nicht an erster Stelle des Problems, sondern am Beginn seiner Bearbeitung. Neugier ist für mich nicht unbedingt bezogen auf die Wissenschaft. Wenn ich eine Feder wie die vom Flügel eines Eichelhähers mit ihrem schwarz-blau-weißen Muster betrachte, kann ich neugierig fragen, wie die einzelne Faser der Feder denn weiß, an welcher Stelle sie welche Farbe ausbilden muss. Diese Neugier begnügt sich mit Staunen.

Wann sind Sie zum ersten Mal auf die Naturwissenschaften und speziell auf Chemie neugierig geworden? Waren das auch Lieblingsfächer in Ihrer Schulzeit?

➤ Wenn ich mich auf ein Lieblingsfach in der Schule festlegen müsste, wäre es Latein. Das ist die Klarheit und Schlüssigkeit der lateinischen Sprache, für mich durchaus ein Modell für die Naturwissenschaften. Aus klaren, physikalischen Gesetzen entsteht die gesamte Welt. Und es ist keineswegs so, dass die Kenntnis des Details diese Schönheit einschränkt. Im Gegenteil: Da ich einen Einblick nehmen darf in die Komplexität, die ja auch für mich gilt, bin ich jeden Tag aufs Neue erstaunt, dass mein Körper trotzdem funktioniert. Wenn man weiß, dass wir bis 10 000 verschiedene Proteine im Körper haben, die alle irgendwelche oft noch unbekannte Aufgaben haben, ohne die wir nicht lebensfähig wären, ist das Wunder des Lebens noch staunenswerter. Aber es funktioniert.

Was ich an der Schule geliebt habe, war die Vielfalt der Fächer und damit die Breite dessen, was wir lernen durften und mussten. Und wenn ich zurückblicke, dann hatte ich viele Stationen im Leben, in denen es um das Begreifen aus dem Kleinen heraus ging.

Ich war einfach immer auf viele unterschiedliche Dinge neugierig. Während der Oberstufe habe ich an archäologischen Grabungen teilgenommen. Mein erstes Fachbuch handelte vom ägyptischen Pharao Echnaton. Ich habe wirklich sogar überlegt, in die Archäologie zu gehen.

Was haben Sie dann alles studiert – und wie hat das Studium Ihre naturwissenschaftliche Neugier bestärkt?

➤ Ich habe ganz klassisch Chemie studiert, daneben ein wenig Vor- und Frühgeschichte, soweit es das Chemiestudium zuließ. Ich habe mich früh für die Analytische Chemie entschieden. Dadurch gewann ich viele Partner in den verschiedenen Disziplinen. Meinen Studenten sage ich, dass wir eigentlich eine Kommunikationswissenschaft sind, da wir Ingenieure mit ihrer Geräteentwicklung mit den Anwendern und ihren Fragestellungen verbinden können.

Es ist die Spurensuche, die sich durch meinen Lebensweg zieht. Und zwar die Spurensuche im Kleinen, die dann verbunden ist mit dem Zusammensetzen der einzelnen Fundstücke. Deshalb ist Puzzlen denn auch eine meiner großen Leidenschaften.

Es gilt in meiner Arbeit, Verfahren zu entwickeln, die diese Spurensuche erlauben. Dafür muss ich mich mitmeiner Gruppe selbst ins Detail begeben und verstehen, was in unserem Gerät, in dem wir gerade ein Experiment machen, so alles geschieht. Und jedes Experiment, jede Diskussion bringt uns und unsere Neugierde ein kleines Stück näher an das Begreifen.

Was hat Sie bewogen, Ihre berufliche Zukunft in der Forschung zu suchen und nicht bei einer der vielen Möglichkeiten in der Industrie?

➤ Ich glaube, ich wäre in der Industrie untergegangen. Wenn ich an einem Projekt arbeite und die Probleme darin vor mir herwälze, nach Lösungen suche, dann bin ich mit Begeisterung bei der Sache. Wenn jetzt mein Chef käme oder das Controlling, um mir zu sagen, das alles lohnt nicht, das ist zu teuer – ich will es mir gar nicht vorstellen.

Es ist aber nicht so sehr die Forschung allein. Ich war nach dem Studium an einer Fachhochschule, anschließend an einem Universitätsklinikum, danach in der außeruniversitären Forschung. Erst seit einem Jahr bin ich zurück an der Universität und wusste schon während der Bewerbungsphase, dass ich in Tübingen eine wissenschaftliche und private Heimat finden würde. Universität ist dabei vielleicht zu beschreiben als ein Paradoxon, bei dem unglaublich kreative und hochmotivierte erfahrene Wissenschaftler immer wieder auf junge Studierende treffen. Sie alle arbeiten an komplexen Fragen, die sie miteinander beschäftigen und verändern.

Was ich neben diesem quirligen Miteinander liebe, sind die Breite der Tätigkeit und die immer neuen Aufgaben. Meine Tage sind angefüllt mit den unterschiedlichsten Dingen. Morgens Lehren, danach Vertragsverhandlungen mit einer Firma, Sitzungen im Bereich der universitären Selbstverwaltung, auchVerwaltungsund Evaluierungstätigkeiten, das Gutachtenschreiben, Überarbeiten von Manuskripten
der Mitarbeiter, Anträge schreiben, Literaturrecherchen, Mentorentätigkeit, Öffentlichkeitsarbeit, Netzwerkpflege und -erweiterung. Die Vielfalt ist es, die die Neugierde erhält!

In welche neugierige Frage ließe sich Ihr derzeitiges Forschungsfeld fassen? Und was sind die Schwerpunkte dieser Aufgabe?

➤ Da wären viele. Wenn ich mich auf eine zentrale Frage festlegen muss, dann würde es diese sein: Wie kann ich die unglaubliche Komplexität, auf der das Leben und Funktionieren eines Organismus basiert, erfassen?

Organismus verstehe ich dabei umfassender. Das kann auch ein Ökosystem sein, genauso wie ein Mensch, oder einfach eine Zellkultur, von der ich möchte, dass sie ein bestimmtes Medikament herstellt. Darin steckt auch die Frage nach den Wechselwirkungen jedes Organismus mit sich selbst und mit seiner Umwelt. Auch dies lässt sich zu großen Teilen mit den Fragen, die sich die Chemie stellt, verstehen – wenn man nur neugierig genug ist.