Christliche Themen für jede Altersgruppe

Interview mit Dr. Margot Käßmann

Im Gespräch mit Luthers erzählt die Botschafterin für das Reformations-Jubiläum, warum sie Anfänge liebt. Wie sie mit ihnen umgeht. Und warum sie es schätzt, in Bewegung zu bleiben.

Bild: adeo-pressefoto

„Scheitern bringt Erfahrung, die Leben vertieft“

Margot Käßmann, geborene Schulze, wurde am 3. Juni 1958 in Marburg geboren. Die evangelisch-lutherische Theologin und Pfarrerin hatte schon  Leitungsfunktionen in verschiedenen kirchlichen Ämtern inne. Sie war unter anderem Mitglied im ÖRK von 1983 bis 2002,  Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentages  von 1995 bis 1999, Präsidentin der Zentralstelle für Recht und Schutz der Kriegsdienstverweigerer aus Gewissensgründen von 2002 bis 2011 , Landesbischöfin der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Hannovers von 1999 bis 2010 und Ratsvorsitzende von 2009 bis 2010. Im Februar 2010 trat sie nach einer Autofahrt unter Alkoholeinfluss vom Bischofsamt und vom EKD-Ratsvorsitz zurück. Seit 27. April 2012 ist sie „Botschafterin für das Reformations-Jubiläum 2017“ im Auftrag des Rates der EKD.

Die promovierte Theologin ist Mutter von vier Töchtern. Sie hat sich nie gescheut, für ihre Überzeugungen couragiert einzutreten. So setzte sie sich unter anderem ein für die Ökumene und die Rechte von Frauen in Kirchenämtern sowie für die Unterstützung von Frauen in Schwangerschaftskonflikten. Obgleich ihr die Ökumene sehr am Herzen liegt, geht sie  dabei Konflikten mit Vertretern orthodoxer Kirchen oder der Katholischen Kirche keinesfalls aus dem Wege. Mit ihrer Aufrichtigkeit und Glaubwürdigkeit kann sich Margot Käßmann der Zuneigung vieler Protestanten sicher sein. Bezeichnend für ihre Lebenshaltung steht ein Satz aus ihrer Antrittspredigt. Er lautet: „Die Kirche hat Menschen aufzurichten und nicht kleinzuhalten. Wir brauchen Menschen mit Rückgrat und Widerstandskraft, mit Würde.“

Im Interview: Sie haben als Mensch und als Theologin, als Pastorin und Wissenschaftlerin immer wieder von Neuem Fragen aufgeworfen, auch selbst immer wieder neue Anfänge gewagt. Was ist Ihr persönlicher Antrieb dazu?

Käßmann ➤ : Ich bin neugierig, finde spannend, Neues zu entdecken. Wenn ich etwa einen theologischen Aufsatz lese und sich mein Horizont erweitert, freue ich mich riesig. Wenn ich selbst den Eindruck habe, es gelingt mir, etwas neu auszudrücken, ist das großartig. Und ich finde es wunderbar, neue Menschen kennenzulernen.

Sind sie jemals vor einem Anfang zurückgeschreckt – und wenn ja, warum?

➤ Die Geburt meiner Kinder – da hatte ich Zweifel: Kann ich das leisten, bin ich gut genug als Mutter? Und beruflich bei meinem Rücktritt die Frage: Wie soll es jetzt eigentlich weitergehen? Was kann da (noch) kommen?

Muss ein Anfang stets mit einem Abschied beginnen, damit er gelingen kann? Oder gibt es auch leise Entwicklungen?

➤ Anfänge können mit einem Paukenschlag beginnen, sich aber auch sehr langsam entwickeln, das muss nicht abrupt sein. Manchmal erkennst du ja erst im Rückblick: Da begann ein neuer Weg.

Es scheint, als ob mancher Kampf für Gedanken der Ökumene beinahe aussichtslos sei. Was motiviert Sie, dennoch scheinbar Aussichtsloses beharrlich weiter zu verfolgen?

➤ Für mich ist das ein biblischer Auftrag. Im Epheserbrief heißt es: „Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe“ – wir gehören doch zusammen! Dass wir das Brot und den Wein nicht an einem Tisch teilen können, wie Jesus das getan hat, das bleibt schmerzhaft. Welches Zeugnis geben wir denn da ab? Das und die Verbundenheit mit Christinnen und Christen anderer Konfession sind deshalb ein Antrieb für mich, trotz Enttäuschungen ökumenisch gesinnt zu sein. Und es hat sich ja doch auch viel bewegt in den letzten hundert Jahren!

Sie haben vier Töchter: Welches Grundmotto haben Sie ihnen mitgegeben, damit sie ihr Leben glücklich anfangen und meistern können?

➤ Vertrauen! Gottvertrauen, Vertrauen in andere Menschen und Vertrauen darauf, dass wir auch schwierige Wegstrecken bewältigen können, es immer Neuanfänge geben kann.

Sie selbst haben immer wieder neue Anfänge gewagt. Konnten Sie persönlich in den Zeiten des Umbruchs und der Krisen mit Zuversicht beten „Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen, gepriesen sei der Name des Herrn“?

➤ Krisen habe ich nie als Anfrage an meinen Glauben gesehen. Ich denke nicht, dass Gott uns Leid schickt, sondern bin überzeugt, dass Gott uns gerade in den schweren Zeiten die Kraft gibt, die wir brauchen.

Sie sind viel unterwegs: Auch die Ruhe braucht einen Anfang. Was machen Sie, um Ruhe zu finden?

➤ Stille finden, einen Spaziergang machen, Joggen und am allerliebsten ein paar Tage in meinem Ferienhäuschen an der Ostsee verbringen.

Wer etwas Neues anfängt, kann auch mal scheitern. Davor haben viele Menschen Angst. Was würden Sie diesen Menschen, die sich vielleicht nicht trauen, als persönlichen Rat mitgeben?

➤ Oh, ich denke, viele Menschen haben aus lauter Angst vor Veränderung oder gar Scheitern schon so oft gar nicht herausfinden können, was das Leben an wunderbaren Überraschungen bereithält. Leben heißt doch auch, etwas wagen, Neues entdecken und begreifen, dass selbst Scheitern Erfahrung mit sich bringt, die das Leben vertieft.