Christliche Themen für jede Altersgruppe

Luthers-Exklusiv-Interview mit Sandra und Reinhard Schlitter

Am 3. September 2010 entführt ein Familienvater den zehnjährigen Mirco Schlitter, missbraucht und tötet ihn. 145 Tage bleibt Sandra und Reinhard Schlitters Sohn, das Dritte von vier Kindern, verschollen. Dann wird der Täter gefasst. Bekannt werden die Schlitters durch ihren bewegenden Appell an den Entführer – und durch ihr Buch „Mirco“, in dem sie die Geschichte ihrer Familie zwischen Verzweiflung und Vergebung aufgeschrieben haben.

Bild: Peter Grosslaub

„Wir dürfen uns nicht durch  Hass vergiften!“ Wie geht es Ihrer Familie heute?

Schlitters: Für uns durfte das Leben nicht mit diesem Ereignis enden. Wir sind Eltern von drei weiteren Kindern. Kindern, die genauso erschüttert, hilflos, ängstlich und ratlos waren wie wir Erwachsenen. So komisch es klingt: Der Zwang, angesichts der Katastrophe zu funktionieren, hat uns die ersten Schritte des Verarbeitens ermöglicht. Denn das Leben musste weitergehen.

Was hat Ihnen bei der Verarbeitung vor allem geholfen?

➤ Unsere Familie und unsere Freunde haben uns von Anfang an viel Hilfe in jeder Weise angeboten und auch viel für uns und mit uns gebetet. Das zu wissen und zu spüren, ist großartig: Wie ganz unterschiedliche, teils fremde Menschen eins werden können und damit eine Kraft entwickeln, die trägt. Wir haben diese Kraft, die sich aus dem guten Willen vieler einzelner Menschen zusammengeschlossen hat, geradezu körperlich spüren können. Für mich war es zwischendurch wie ein „Getragenwerden“ von den guten Wünschen für Mirco und uns. Dies ist eine Kraft, die man braucht, wenn die Verzweiflung jeden Morgen und jeden Abend von neuem an die Haustür klopft.

Welche Gedanken lässt der Tod Ihres Sohnes für Sie zurück?

➤ Mircos Tod hat uns gezeigt, wie dünn das Eis des Glücks ist, auf dem wir Menschen unser Leben lang nur zu gerne unsere Pirouetten drehen. Darunter lauert die ganze Bandbreite menschlichen Unglücks, ja, menschlichen Abgrunds, so wie wir sie beim Mörder unseres Sohnes kennenlernen mussten. Der Firnis der Kultur und der Rechtschaffenheit ist dünn über dem menschlichen Antlitz verteilt. Was sich dahinter verbirgt, weiß kein Mensch. Der Mörder und seine perfekte Maske des Biedermanns belegen diese Erkenntnis auf tragische Weise. Unsere Familie hat es am eigenen Leib erfahren.

Sie haben dem Täter vergeben – warum haben Sie das getan?

➤ So eigenartig es klingt: Der Umgang mit dem Täter war für uns nach dieser Zeit der Prüfungen nicht mehr spektakulär. Wir hatten ja keinen Kontakt zu diesem Mann gehabt – und den auch nur im Gerichtssaal. Wir waren doch heilfroh, dass wir diesen Menschen noch nie zuvor in unserem Leben gesehen hatten. Unvorstellbar, es wäre ein Mensch aus Nachbarschaft oder gar aus dem Freundeskreis gewesen... Wir empfinden keinen Hass auf Olaf H. Nur tiefes Mitleid mit seiner Familie, seinen Kindern. Dieser Mensch ist aus der Welt und ihrer Ordnung gefallen. Vielleicht kommt er irgendwann zur Besinnung und gibt sich und der Wahrheit noch einmal eine Chance. Nein, ich wiederhole es. Wir empfinden keinen Hass.

Ihre Vergebung erscheint manchen Menschen übermenschlich. Verstehen Sie das?

➤ Diese Menschen vergessen: Es gibt einen guten Grund, sich nicht in Rache oder Hass zu verlieren. Beides sind Gefühle, die einen Menschen, der sie in sich  trägt, verändern. Sie machen aus freundlichen Menschen rachsüchtige, aus friedfertigen Hassende. Wir wollen den Wahnsinn dieser Tat nicht noch dadurch belohnen, dass wir in die Gefahr geraten, uns zu vergessen und mit einem Male Gleiches mit Gleichem vergelten. Auge um Auge, Zahn um Zahn mag seine kulturelle Bedeutung für das Alte Testament gehabt haben. Wir spüren aber für uns, dass eine vergiftete Emotion unser Herz vergiften würde. Wir wollen nicht, dass das Böse noch einmal triumphiert.

Was erhoffen Sie sich von dieser Verzeihung für Ihre Familie?

➤ Wir  sind keine verzückten Sektierer. Wir wissen genau, was wir tun. Und wir wissen auch, warum dieses Vergeben so wichtig ist. Für Mirco, seine Geschwister und für uns. Damit wollen wir den Teufelskreis von Hass und Gewalt, in dem der Mörder unter seiner kleinbürgerlichen Maske wohl schon viele Jahre gefangen gewesen sein muss, ganz bewusst durchbrechen. Jemand der hasst, wird nie mehr lachen. Jemand, den es nach Rache dürstet, wird nie ein gutes Wort mehr für den anderen haben. Jemand, der in der Wut auf die Vergangenheit lebt, wird keine starken Kinder großziehen können. Auch deshalb ist für uns der Weg der Vergebung der einzig richtige Weg.

Wie sieht Ihr Alltag heute aus?

➤ Wir arbeiten beide wieder in unseren Berufen. Die Kinder brauchen ihren Schulalltag und vor allem den Kontakt zu ihren Schulfreunden. Das hat ihnen geholfen, das Glück der Normalität wieder zu finden und zu erleben. Es hat sie bewahrt vor allzu viel Versinken in den Grübeleien und Ängsten. Sie dürfen, sie sollen wieder lachen, tanzen, spielen. Denn das Leben geht für sie weiter und muss weiter gehen – auch wenn Mirco von uns genommen wurde. Dankbar sind Reinhard und ich vor allem auch dafür, dass wir beide von Depressionen, Krankheitsschüben und überbordenden Ängsten verschont worden sind. Dies geschieht, wie uns die Beamten vom Opferschutz sagten, in solchen Fällen nicht so häufig.

Wie ist  Mirco bei Ihnen präsent?

➤ Mirco hat eine Lücke hinterlassen. Manchmal sind es Kleinigkeiten, die uns an ihn erinnern. Nun muss der Rasen selbst gemäht werden, und wenn ich dem Hund  Wasser in den Napf fülle, muss ich immer an seinen Kommentar denken: „Mama denk ans Saubermachen, sonst ist da so ein komischer Film in dem Napf!“
Mirco war unser Praktiker und hat gerne angepackt. Auch ist es im ganzen Haus jetzt viel ruhiger, denn wo er stand und ging, hat er immer herumgeklopft – sogar mit dem Besteck am Esstisch. Er hat unsere Familie mit seiner Lebendigkeit geprägt und Wünsche und Ideen hinterlassen, mit denen wir uns  stets auseinandersetzen. Er lebt mit uns. Wir lieben ihn. So geht es uns bei vielen Dingen, die uns im Alltag begegnen. Wir tragen unseren kleinen Jungen, der in unseren Herzen immer zehn Jahre alt bleiben wird, mit uns. Jeder aus unserer Familie stets mit seinen ganz eigenen Erinnerungen und Gedanken. 

Wie sehen Sie und Ihre Familie in die Zukunft?

➤ Wir werden, so denke ich, unser Leben lang in einem Verarbeitungsprozess stecken. Das wird uns nicht loslassen. Das ist uns klar. Es wird immer wieder Situationen geben, in denen wir intensiv an unseren Mirco denken und uns fragen, was aus ihm nun geworden wäre, wenn sein Leben nicht so jäh, sinnlos und grausam hätte enden müssen. Wir können dabei nur eines tun: Diese Fragen, diese Erinnerungen und unser ganzes Leben als Familie offen und ehrlich angehen und unseren lieben Jungen in unseren Herzen als Sohn, als Bruder weitertragen. Uns bleiben als Eltern und Familie drei Dinge: Glaube, Liebe, Hoffnung. Aber die Liebe ist die stärkste unter den dreien....

Wir als Eltern wissen: Wir alle miteinander werden mit Mirco und seinem Schicksal bis ans Ende dieses unseres Lebens leben.