Christliche Themen für jede Altersgruppe

Das Wunder von Gruorn

GRUORN (Dekanat Bad Urach) – Das alte Dorf Gruorn auf der Schwäbischen Alb musste einst einem Truppenübungsplatz weichen. Erhalten blieb seine Kirche. Dass sie nicht völlig verschwunden ist, grenzt an ein kleines Wunder. Beim Gruorn-Treffen wurde dem Wiederaufbau vor 50 Jahren gedacht ­sowie der Menschen, die ihn möglich gemacht haben.


Das kleine Kirchlein von Gruorn war beim 50. Jahrestag. (Foto: Gemeindeblatt)

Das kleine Kirchlein ist bis auf den letzten Platz besetzt. Dicht gedrängt füllen die Menschen Bankreihe um Bankreihe, selbst die Notsitze sind herausgeklappt. Gleich neben der Eingangstür baumelt ein Seil, der Glöckner zieht daran und läutet zum Gottesdienst. Es ist eine Szene wie aus einer anderen Zeit, einer Zeit, als das Dorf Gruorn noch ein Bauerndorf auf der Schwäbischen Alb war, besiedelt von 660 Menschen, deren Nachfahren nun wieder hier zusammengekommen sind.

Anlass ist der Gottesdienst zum Auftakt des alljährlichen Pfingsttreffens. Jedes Jahr am Pfingstsonntag versammeln sich die Gruorner und ihre Freunde an historischer Stelle. Diesmal haben sie etwas ganz Besonderes zu feiern: den Wiederaufbau ihrer kleinen Kirche, ihre Rettung vor dem endgültigen Untergang, der 1966 schon besiegelt schien. Damals hatte das Denkmalamt Südwürttemberg-Hohenzollern die Streichung aus der Liste erhaltenswerten Baudenkmäler angekündigt. Zu marode war die Bausubstanz, zu kaputt das Dach und der Turm. 

Doch was wie der Schlussstrich unter ein Kapitel uralter Kirchengeschichte aussah, wurde zum Anfang einer großen Rettungsaktion. Unermüdlich kämpften alte Gruorner Bürger für den Erhalt ihrer Kirche, eines der letzten Monumente eines untergegangenen Dorfes, das 1939 einem Truppenübungsplatz weichen musste.

Beim Gottesdienst wird das alles wieder lebendig. Die Vertreibung der Dörfler, das stille Hinnehmen einer Entscheidung, gegen die man sich im Nationalsozialismus lieber nicht wehrte. Schließlich die sporadische Rückkehr an einen Ort, den der Münsinger Dekan Norbert Braun als „Insel des Friedens inmitten eines Truppenübungsplatzes“ bezeichnet.Schon seit 1950 hatten sich die versprengten Dorfbewohner an Pfingsten in ihrer alten Heimat getroffen. Per Ausnahmegenehmigung der Franzosen, die inzwischen Herr der Miltäranlage waren. Ein Nostalgietreffen gleich neben der Panzerschießbahn. An Pfingsten 1968 jedoch ging es nicht mehr nur um die Vergangenheit, sondern um die Zukunft. Die Gruorner begannen Pläne zu schmieden für die Restaurierung ihrer Kirche, die ihnen noch immer heilig war.

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Dazu mussten sie sich organisieren. Dem Wiederaufbaubeschluss folgte die Gründung des „Komitees zur Erhaltung der Kirche von Gruorn“. „Ein hochgestochener Begriff“, wie der heutige Vereinsvorsitzende Alfred Weber mit leichtem Grinsen beim Pfingstreffen erzählt. Aber man wollte die Franzosen beeindrucken, dem Anliegen Gewicht verleihen und da war der Begriff „Komitee“ genau das Richtige.

Der erste Vorsitzende des Komitees war ausgerechnet jener Fritz Mack, der als blutjunger Pfarrer am 7. April 1939 die letzte Predigt in Gruorn gehalten hatte. Wenn das mal kein gutes Zeichen war, zumal Mack inzwischen als Schriftleiter des Evangelischen Gemeindeblattes auch publizistisch eine große Rolle spielte.Die Dinge kamen ins Laufen und 1973 konnte tatsächlich wieder der erste Gottesdienst in der alten Kirche von Gruorn gefeiert werden. Schmerzlich war nur, dass man zuvor den Kirchturm hatte sprengen müssen. Er war zu baufällig und nicht mehr zu retten. Stattdessen kam nun ein Dachreiter obendrauf, mit einer Glocke, die von Hand geläutet werden musste.

Es ist ein Erlebnis, in dieser Kirche zu sitzen. Gottesdienst zu feiern mit den Menschen, die sich hier heute dreimal im Jahr versammeln: Zu Pfingstsonntag beim traditionellen Treffen der Gruorner, Anfang April in Erinnerung an das letzte Abendmahl im Frühjahr 1939, und zu Allerheiligen, dem Gedenktag für die Toten. „Es war ein liebes Dorf mit einer guten Nachbarschaft“, sagt Marie. Die 87-Jährige gehört zu den letzten Zeitzeugen des alten Gruorn, zu den wenigen verbliebenen Menschen, die das Dorf und seine Auflösung noch erlebt haben. Nun nimmt sie in ihrer Kirche wieder Platz, blickt auf das alte Fresko, das 1903 dort freigelegt wurde, und auf ein Gemälde, das Gruorn im Jahre 1928 zeigt.

Rund um die Kirche hat sich auch der alte Friedhof erhalten. Er ist mindestens so bezaubernd wie die Kirche selbst. Ein Gottesacker mit uralten Gräbern und Grabkreuzen, ein Ort der Stille mit den steinernen Zeugen der Geschichte. Viele der alten Gruorner hießen Bleher oder Goller. Der Name Adam Goller ist ganz besonders eng mit dem Wiederaufbau verbunden. Keiner trieb die Renovierung engagierter voran als er, der 1920 noch in Gruorn zur Welt gekommen war.

Bis 2005 stand die Kirche auf einem aktiven Truppenübungsplatz, die farbenfrohen Kirchenfenster, die dort ab 2003 eingebaut wurden, erhielten anfangs noch Druckausgleichsverstärkungen. Nach den Franzosen hatte die Bundeswehr das Gelände übernommen. Die Panzerschießbahn für den Leopard 2 lag nur wenige Meter neben der Kirche. „Das waren heftige Detonationen“, erinnert sich Christoph Stephan, der als Offizier auf dem Truppenübungsplatz tätig war und heute zweiter Vorsitzender des Gruorn-Komitees ist.

Über all die Jahre hatten die Soldaten stets Rücksicht genommen, ehrfürchtigen Abstand von der Kirche gehalten, die zwar verfallen war, aber nie beschossen wurde. Noch heute gibt es in der Sakristei ein Schild, das auf Französisch und Deutsch die Soldaten auffordert, Kirche und Friedhof zu achten. 2005 fiel der letzte Schuss auf dem Truppenübungsplatz. Ein Jahr später wurde er aufgelöst und in ein Biosphärengebiet verwandelt. Nun war Gruorn erstmals wieder ganz frei zugänglich mit ungeahnt neuen Möglichkeiten für die Menschen, die dort hinwollten.

Neben dem Friedhof und der Kirche hat auch das alte Schulhaus die Zeiten überdauert. Dort wurde ein Museum eingerichtet und eine Gastronomie. Sie wird seit einigen Jahren professionell bewirtschaftet. Köstliche Kuchen gibt es da, deftige Speisen wie Kutteln, Maultaschen oder Wurstsalat, dazu Kaffee, Säfte und ein lokales Bier. In der gemütlichen Gaststube hängt noch die alte Vereinsfahne des Sängerbundes. Gruorn ist ein schöner Ort der Einkehr. Für Leib und Seele und für all die, die ein wenig staunen wollen, dass das Ende oft ein Anfang von etwas ganz Neuem ist.

Information zum Gruorn-Treffen

Das Gruorn-Treffen findet immer am Pfingstsonntag statt. Dann darf man auch mit dem Auto hineinfahren, ansonsten  muss man an der Trailfinger Säge parken, Fußweg 30 Minuten. Kirchenführungen von Ostern bis Allerheiligen sonn- und  feiertags, 14.30 Uhr. Die Kirche ist dann von Mittwoch bis Sonntag von 11 bis 16 Uhr geöffnet, die Gastronomie im Schulhaus ebenso.

Weitere Auskunft: Touristinformation Münsingen, Telefon 07381-182145, Internet www.gruorn.info 

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