Christliche Themen für jede Altersgruppe

Der Klang von Freiheit

HEIMSHEIM (Dekanat Leonberg) – Im Gefängnis von Heimsheim sitzen die Männer oft lange Haftstrafen ab. Abwechslung in den strengen Alltag bringen Freizeitgruppen, wie zum Beispiel eine Band, in der Ehrenamtliche mitspielen. Das Gespräch dreht sich manchmal auch um den Glauben


Hinter Gittern: Mit der Musik komt ein Stück Normalität in die Justizvollzugsanstalt Heimsheim. (Foto: Karin Lutz-Efinger)

Sofort vergessen sind die Prozedur am Gefängniseingang und die leichte Beklemmung beim schweigsamen Gang durch lange Flure entlang der Zellen. Die Türe öffnet sich, eins, zwei, drei und los geht’s: „Oye como va mi ritmo, bueno pa‘ gozar, mulata…“.

Sofort zaubern bekannte lateinamerikanische Rhythmen eine lockere Atmosphäre in den großen Saal. Die Bandformation, die sonst aus einigen Mitgliedern mehr besteht, probt heute als Trio mit Schlagzeug und zwei E-Gitarren und hat sich einiges vorgenommen. Carlos Santanas Hit aus dem Jahr 1970 zählt zur Auswahl der „Top 100 Heimsheim“, einer Liste mit bekannten Songs aus vergangenen Rock- und Popzeiten. Aus dieser Liste sollen die Gefangenen ihre Lieblingshits auswählen, die Favoriten wird die Band dann beim JVA- Sommerkonzert aufführen.

Eine Auswahl daraus soll heute gründlich geübt werden, mit einem besonderen Augenmerk auf dem Gesang. Den Takt gibt am Schlagzeug Clemens Morlok vor, die E-Gitarren spielen Monika Renner und Philipp. Beide nutzen die bereitgestellten Mikrofone und gleich nach den ersten Akkorden bittet die Hobbysängerin und -musikerin, die seit einiger Zeit in der Gefängnisband mitmacht: „Ich klinge zu piepsig, wir müssen tiefer anfangen.“ Also das Ganze nochmals tiefer gelegt, aber natürlich mit der gleichen Konzentration und Begeisterung wie vorhin.

Der junge Mann, der da so routiniert und freudig in die Saiten greift, heißt in Wirklichkeit nicht Phillip. Wichtiger als sein richtiger Name und die neugierige Frage, warum er hier im Heimsheimer Gefängnis seine Strafe verbüßt, ist an diesem Abend für ihn: „Ich mache heute Musik, allein das zählt jetzt.“
Über seine Tat möchte er nicht mehr reden, nicht nur, weil sie schon einige Jahre zurück liegt, sondern weil sich sein Blick nach vorne und auf die Zukunft in der Freiheit richtet. Dass die Musik  zu diesen Freiheitsgedanken unbedingt gehört, ist dem jungen Mann, der „mit Musik aufgewachsen ist“, deutlich anzusehen. Ob bei „In the summertime“ oder „Proud Mary“ oder anderen Ohrwürmern der sechziger und siebziger Jahre: Seine Soli und Improvisationen bringen viel Kraft und Dynamik in die mitreißend gespielten Coverversionen.

Für diesen guten Klang sorgt in mehrfacher Hinsicht auch „Drummer“ Clemens Morlok aus Schöckingen, der in Ditzingen das Tele- und Dialogmarketingunternehmen „Just Call“ leitet und seit bald 20 Jahren mit größtem Vergnügen die „Knastband“ anführt und betreut. Dazu kam er eher zufällig: Der Hobbymusiker wurde gefragt, ob er zu Weihnachten die Band mit dem Schlagzeug unterstützt. Aus dem einmaligen Engagement wurde ein dauerhaftes. Und obwohl er manche Biographien und die teilweise schockierenden und schweren Straftaten kennt, spielt es für ihn keine Rolle, weshalb die Männer hier sind. Denn: „Durch das gemeinsame Musizieren bringe ich auf ganz unverkrampfte Weise ein Stück Normalität in den Knastalltag.“

Erst, wenn das eingetreten ist, kann es auch einmal sein, dass Morlok auf seinen christlichen Glauben angesprochen wird. „Aber das steht nicht im Vordergrund. Viel wichtiger ist die Normalität“, sagt er dazu.

Normalität in den Knastalltag bringen: das ist auch der Titel, der über den 30 anderen Freizeitgruppen im Gefängnis steht. Mehr als 60 Ehrenamtliche bringen sich regelmäßig in den verschiedenen Angeboten ein. Dazu zählen beispielsweise neben Computer-, Sprach und Kochkursen und sportlichen Aktivitäten auch religiöse Gesprächskreise.

Unterdessen neigt sich die Probe langsam dem Ende zu. Noch einmal nimmt sich das Trio den Santana-Song vor, zur Freude aller dieses Mal in einer ungewöhnlichen Reggae-Version und gekrönt vom unisono ausgerufenen „Huu“.