Christliche Themen für jede Altersgruppe

Ein Jahr Palermo: FSJ im Ausland

Ein Jahr Italien! Was für viele wie ein Traum klingt, wird für Nora Wolf aus Esslingen Wirklichkeit: Als Freiwilligendienstleistende des Gustav- Adolf-Werks verbringt die 18-Jährige die kommenden zwölf Monate in einer Einrichtung der Waldenser in Palermo. Von Martin Janotta

Es ist warm draußen, neben dem Straßencafé plätschert ein Bächlein und vor Nora Wolf steht ein Cappuccino. Der Treffpunkt mitten in Esslingen, den sich die 18-Jährige für das Interview ausgesucht hat, versprüht bereits ein wenig das Flair von Italien. Dem Land, in dem die junge Frau die nächsten zwölf Monate ihres Lebens verbringen wird. Allerdings wird es dort noch etwas wärmer sein und statt einem Bächlein liegt das Meer nebenan. Nora geht als Freiwilligendienstleistende des Gustav-Adolf-Werks (GAW) ins sizilianische Palermo und wird dort in einem Kindergarten arbeiten. „Ich wollte nicht sofort studieren, sondern erst einmal selbstständiger werden, Erfahrungen fürs Leben sammeln und nicht nur in Deutschland bleiben“, sagt sie. Noch zu Beginn ihres letzten Schuljahrs im Herbst 2018 wusste sie zwar, dass sie ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) machen möchte, aber das Ausland zog sie noch nicht in Betracht. „Ich habe dann über meine Klavierlehrerin zwei rumänische Pfarrer kennengelernt, die mir von ihrem Land erzählt haben“, sagt Nora. Das fand sie spannend. Nach Rumänien aber gab es keinen gut organisierten Austausch. Ihre Patentante, eine Pfarrerin, machte Nora dann auf das GAW aufmerksam – kurz vor Ende der Bewerbungsfrist. „Ich habe innerhalb einer Woche alle Unterlagen zusammengestellt“, erzählt Nora. Im Gegensatz zu anderen Freiwilligen, die etwa unbedingt nach Südamerika wollten, las Nora erst in Ruhe die Stellenbeschreibungen und entschied sich für Palermo. „Ich wollte in eine Stadt.“ Palermo, die Hauptstadt Siziliens, hat knapp 700 000 Einwohner. In den rund 2800 Jahren seiner Geschichte wurde Palermo unter anderem von Karthagern, Römern, Mauren, Normannen, Staufern und Spaniern regiert. Bauten wie die große Kathedrale zeigen viele dieser Einflüsse. Zuletzt war die Stadt lange in der Hand der Mafia, während der 80er-Jahre gab es bis zu 300 Morde pro Jahr. Schließlich gelang es dem Bürgermeister Leoluca Orlando, unterstützt von der Bevölkerung, die Macht der Mafia zu brechen. Inzwischen ist Palermo die Stadt mit der niedrigsten Kriminalitätsrate in ganz Italien. „Palermo hat sich gut entwickelt“, sagt Nora. Sie erhofft sich dort „mehr Offenheit als auf dem Land“. Und die Auswahl der Tätigkeit für ihr FSJ fiel Nora sowieso leicht: „Meine Mutter leitet einen Kindergarten in Esslingen. Seitdem ich selbst im Kindergarten war, bin ich dort hingegangen. Irgendwann legte sich der Schalter um und ich spielte nicht mehr als eines der Kinder mit, sondern ich bespielte die Kinder.“ Das für das Auslandsjahr verpflichtende Praktikum in einer Einrichtung, die ihrer Einsatzstelle ähnelt, hat Nora natürlich im Kindergarten absolviert. Sie hat sich immer gerne für Kinder engagiert, ob als Trainerin für Rhythmische Sportgymnastik, bei der Kinderkirche, als Patin in der Schule oder beim Basteln im Jugendtreff Degerloch. Nora kennt viele Sprachen, am Esslinger Georgi-Gymnasium hat sie Englisch, Latein, Spanisch und Alt-Griechisch gelernt. Italienisch allerdings noch nicht. „Ich arbeite dran“, sagt sie. Im Selbststudium mit Lehrbuch und in der Praxis. So wie vor kurzem beim Urlaub mit Freunden am Gardasee: „Ich durfte immer einkaufen gehen und auch sonst alles regeln.“ Wer als Freiwillige des GAW ins Ausland geht, muss zumindest Grundkenntnisse der Landessprache aufweisen. Aber die jungen Menschen werden nicht alleingelassen. So hat Nora im September zum Einstieg in das FSJ zehn Tage Italienischkurs in einem Waldenser-Zentrum in Turin. Die Waldenser, größte evangelische Kirche Italiens, betreiben auch das „Centro La Noce“ in Palermo, Noras künftigem Arbeitsort. Neben dem Kindergarten gehören Schule, Sozialwohnungen und eine Behinderteneinrichtung dazu. Viel Zeit investieren die Waldenser in die Arbeit mit Flüchtlingen. In enger Zusammenarbeit mit Bürgermeister Orlando, dessen klare Position zur Seenotrettung der Stadt große Aufmerksamkeit beschert hat. Mit dem Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, hat Orlando den „Palermo-Appell“ verfasst, in dem sie fordern, dass die staatliche Seenotrettung im Mittelmeer wieder aufgenommen und die zivile Seenotrettung nicht kriminalisiert werden soll. Der Besatzung des Rettungsschiffes „Sea Watch 3“ und Bedford-Strohm verlieh Orlando die Ehrenbürgerwürde von Palermo. Für Nora steht nicht zur Debatte, dass Menschen in Not gerettet werden müssen. „Viele schüren Hass gegen andere

und denken gar nicht daran, was diese Menschen durchmachen mussten.“ Sie erzählt von zwei Flüchtlingskindern, die sie im Kindergarten in Esslingen kennengelernt hat. Die seien anfangs aus Angst immer weggerannt. „Inzwischen kommen sie auf mich zugerannt.“ Aber: „Die anderen Kinder merken, dass sie anders sind und wollen nicht mit ihnen spielen.“ Das sei wie bei Erwachsenen. Nora freut sich auf Italien. „Ich lasse alles auf mich zukommen.“ Neben ihrer Arbeit möchte sie in Sizilien herumreisen, zu den antiken Stätten, die sie aus dem Griechisch-Unterricht kennt. Außerdem soll es gute Berge zum Klettern geben. „Wäre schön, wenn ich Freunde fände, die das mit mir machen.“ Die Chancen stehen gut: Nora wird in Palermo in

einer WG mit zwölf Zimmern wohnen. Also mit reichlich Mitbewohnern. Andererseits heißt ein Jahr Freiwilligendienst, ein Jahr fort von zuhause zu sein. Am meisten vermissen werde sie ihre Familie, sagt Nora. Sie ist die jüngste von drei Kindern. Nach 28 Jahren werden ihre Eltern erstmals wieder zu zweit zuhause wohnen. Aber: „Sie sind inzwischen begeistert von meinen Plänen und werden mich in Palermo besuchen.“ Zu ihren Freunden und dem Unterstützerkreis, von dem sie Spenden eingeworben hat, wird sie ebenfalls Kontakt halten. Mit der Abreise am 1. September beginnt für Nora das spannende Jahr. Für die Zeit danach plant sie, Psychologie zu studieren. Die Uni-Bewerbungen laufen bereits. Ob es Konstanz wird? Oder Heidelberg? Eines ist jedenfalls klar: „Ich schaue dann nach einem Auslandssemester“, sagt sie lachend.

Post aus Palermo

Das Gemeindeblatt begleitet Nora Wolf während ihrer Zeit in Italien. Unter dem Titel „Post aus Palermo“ wird Nora während ihres Auslandsjahrs immer wieder für uns über den Alltag und ihre Erlebnisse in Sizilien berichten. Die Rubrik finden Sie in unregelmäßigen Abständen auf der Forum-Seite.