Christliche Themen für jede Altersgruppe

Geschenkte Lebenszeit

Beim „Besuchsdienst Vierte Lebensphase“ der Evangelischen Gesellschaft Stuttgart sind Ehrenamtliche und alleinstehende ältere Menschen auf besondere Weise verbunden.  Ein Beispiel dafür, wie man dem Thema Einsamkeit im Alter begegnen kann.


Zeit für ein Schwätzchen: Jeden Mittwoch besucht Josefine Frenger die 93-jährige Gertrud Schleicher. (Foto: Karin Lutz-Efinger)

Endlich ist wieder Mittwoch. Die Freude über das allwöchentliche Treffen und das gemütliche Schwätzchen ist beiden Damen deutlich anzusehen. Und wie so oft gibt es auch heute wieder eine kurze Erzähl-Exkursion in die Vergangenheit: „Ich hatte ja eine gute Stellung, aber als mein Kind dann auf der Welt war, galten meine ganze Kraft und Sorge nur ihm.“

An diesem Zustand hat sich bei Gertrud Schleicher bis heute nicht viel geändert. Denn noch immer steht ihr Sohn im Fokus ihres Lebens, das nun schon 93 Jahre lang währt. Mit Behinderungen kam der Nachwuchs damals auf die Welt und brauchte von Beginn an viel Pflege und Zuwendung.

Heute lebt der Mittvierziger in einer Fördereinrichtung in Stetten und sorgt alle 14 Tage für turbulente Stunden in der Wohnung der Mutter. „Aber er ist ein lustiger und kontaktfreudiger Geselle, es wird viel gelacht, wenn er da ist.“ Die heiteren Anekdoten und die Geschichten der wachen alten Dame hat Josefine Frenger zwar schon öfter gehört, aber sie hört trotzdem genau zu und hilft der 93-Jährigen charmant und humorvoll auf die Sprünge, wenn Orte, Namen oder Zusammenhänge nicht mehr sofort abrufbar sind.

Josefine Frenger gehört zu den 85 Personen, die sich derzeit im „Besuchsdienst Vierte Lebensphase“ der Evangelischen Gesellschaft (eva) ehrenamtlich engagieren. Und dies nicht nur mit einem Zeiteinsatz von zwei Stunden wöchentlich, sondern auch mit viel persönlicher Empathie und der Fähigkeit zum Zuhören, zum Trösten, zum Mutmachen. Seit vier Jahren haben die beiden Frauen nun schon ihren gemeinsamen „Jour fixe“.

Meist besuchen sie zusammen das nahe gelegene Café im Marienhospital oder gehen ein paar Schritte weiter zum Kaffeetrinken in eines der gemütlichen Lokale im Stuttgarter Süden. „Wir sind auch schon zu einem Ausflug mit der Stadtbahn an den Max-Eyth-See gefahren“, erzählt Josefine Frenger. Neben den Kaffeestunden stehen gelegentlich auch kleine Spaziergänge zum Supermarkt oder das gemeinsame Anschauen von Fotoalben auf dem Mittwochsprogramm.

Dann werden bei Gertrud Schleicher Erinnerungen aus längst vergangenen Jahrzehnten wach. An den Vater, der als Briefträger tätig war, an die Kindheit und Jugend im Stuttgarter Stadtteil Ostheim, an die eigenen beruflichen Erfahrungen, an ihre Ehe, die geselligen Stunden im Frauenkreis der Kirche und schließlich an die zahlreichen Herausforderungen mit dem größer werdenden Sohn. „Ich bin ganz glücklich, dass ich das alles der Frau Frenger erzählen kann. Ich bin ja doch oft allein hier in der Wohnung“, sagt die alte Dame.

Die Begegnungen und Unterhaltungen mit Gertrud Schleicher gefallen Josefine Frenger sehr: „Ich erfahre so vieles über frühere Lebenswelten, manches kann man sich ja heute gar nicht mehr vorstellen.“ Als die gebürtige Allgäuerin über eine frühere Kollegin erstmalig vom eva-Besuchsdienst „Vierte Lebensphase“ hörte, fühlte sie sich sofort angesprochen. Besonders schätzte sie zu Beginn ihres Engagements das Fortbildungsangebot und die fachliche Begleitung, das allen Freiwilligen zur Verfügung steht. „Davon profitiere ich noch heute.“

Die alleinstehenden älteren – und gelegentlich auch jüngeren – Frauen und Männer, die von den ehrenamtlich Tätigen besucht werden, haben eine beginnende oder fortgeschrittene Demenz oder kämpfen wegen ihrer Einsamkeit und anderer Lebensumstände mit Depressionen oder im schlimmeren Fall mit wahnhaften Störungen. Sie sind also, wie es die Fachleute nennen, „gerontopsychiatrisch beeinträchtigt“. Um die künftigen Besucher gut auf diese nicht eben alltäglichen Situationen und Begegnungen vorzubereiten, gibt es für alle Ehrenamtlichen im „Besuchsdienst Vierte Lebensphase“ Kurse, die sich thematisch diesen Krankheitsbildern widmen. Die etwa 50-stündige Fortbildung dauert in der Regel fünf Monate. „Alle zwei Wochen gibt es thematische Abende, an denen man grundlegende Kenntnisse in personenzentrierter Gesprächsführung erhält“, beschreibt eva-Mitarbeiter Martin Schneider die Kursinhalte.

Zusammen mit seinen Kolleginnen Ingrid Braitmaier – der Leiterin des Besuchsdienst-Angebots – und Simone Klement leitet er die Fortbildungseinheiten, koordiniert die Einsatzpläne für den zweistündigen Dienst und achtet darauf, dass die Chemie zwischen den jeweiligen Tandems stimmt.

Besuchsdienst Vierte Lebensphase bei der Evangelischen Gesellschaft in Stuttgart

Telefon: 0711-2054329

Internet: www.eva-stuttgart.de