Christliche Themen für jede Altersgruppe

Himmelsluft einatmen!

Georg Schützler hat in die Ludwigsburger „Nachteulen“-Gottesdienste immer auch ganz bewusst Atemübungen eingebaut. Damit sollten die Besucher zur Ruhe kommen. Auch Gebete entwickeln so eine ganz andere Dynamik, hat der Pfarrer im Ruhestand festgestellt.

„Legen Sie einfach einmal die Spitze des Daumens an die Wurzel des kleinen Fingers“, beginnt Georg Schützler das Gespräch. Mit dieser einfachen Übung, die an sich gar nichts mit dem Atmen zu tun hat, könne man sehr schnell zur Ruhe kommen. Denn „in dem Moment, in dem ich mich darauf konzentriere, den Daumen an die richtige Stelle zu legen, haben andere Gedanken Sendepause“.
Die „Nachteulen“-Gottesdienste in der Ludwigsburger Friedenskirche sind experimentierfreudige Zweitgottesdienste am Sonntagabend. Bei ihnen hat Schützler gerne an den Anfang eine Atem-Übung gestellt. „Meist kommen die Menschen im Stress an: Der Autoverkehr nervt, die Parkplatzsuche – und dann soll es sofort losgehen?“ Nein, lautet seine Antwort. Erst einmal eine Atem-Übung. „Sie dient der Konzentration, die Menschen sind danach mit den Gedanken im Hier und Jetzt.“

Das Atmen laufe ja, ohne dass wir überhaupt daran denken müssen. Wer sich das Atmen aber bewusst mache und sich darauf konzentriere, könne den Stress für einen kleinen Moment zurückdrängen. Schützler stellt sich zudem vor, beim Einatmen „reine, klare Himmelsluft“ in sich aufzunehmen, beim Ausatmen hingegen all das aus dem Körper zu schicken, was belastet. „Innere Müllentsorgung“ nennt Schützler das. Wenn er Übungen anleitet, gibt er diese Vorstellungen an die Teilnehmer weiter.

Nach dem Ausatmen legt er eine kleine Pause ein. Diese findet Schützler faszinierend. Denn „in diesem Moment ist einfach einmal nichts.“ Das schaffe Abstand. Weil „ so viele Gedanken wirr und chaotisch durch unsere Köpfe springen, können wir meistens nicht einfach so abschalten.“ Da seien die Atem-Übungen eine große Hilfe, die Lücke im Gedankenkarussell und damit bewusste Ruhepausen zu finden.

Vor der eigentlichen Übung klopft Schützler die Arme, die Schultern, die Beine und auch Brust sowie Bauch mit einer Hand ab (erstes Foto unten). Die Vorstellung dabei: Das Belastende, die kreisenden Gedanken, werden ausgeschüttelt. Dann stellt sich Schützler gerade hin, die Füße etwa schulterbreit auseinander, die Knie leicht gebeugt, die Arme baumeln locker an der Seite. Dabei nimmt er wahr, wie sein Atem geht. Nun führt er die Hände nach vorne, legt die Handrücken auf Höhe des Bauches aneinander und zieht sie nach oben, auf Brusthöhe (zweites Foto unten). Gehen die Hände nach oben, atmet er ein, gehen sie nach unten, atmet er aus. Das wiederholt er drei Mal. Er stellt sich dabei vor, wie ein Samenkorn unten in der Erde zu keimen anfängt. Georg Schützler interpretiert die Übung auch auf Ostern hin: Drei Tage lag Jesus im Grab, im Dunkeln, ganz unten. Aber dort beginnt auch etwas: neues Leben.

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Langsam führt Georg Schützler jetzt die Hände weiter nach oben, bis sie eine Art Kreis bilden (drittes Foto unten), der Blick wandert nach oben. Dabei atmet er ein und stellt sich vor, wie sich das Leben nach oben hin entwickelt und wie Jesus aus dem Grab aufersteht. Nun öffnen sich die Hände ein wenig zur Seite (viertes Foto unten), Schützler atmet aus. „Das Leben blüht auf, es entfaltet sich“, Jesus erscheint den Jüngerinnen und Jüngern, kommentiert Schützler. Er streckt die Arme ganz zur Seite, die Handflächen zeigen nach oben: Das Leben in seiner ganzen Fülle, der Ostermorgen, die Erdgräber öffnen sich. Er atmet wieder ein, dreht die Hände so, dass die Innenflächen zum Boden zeigen und lässt die Arme langsam wieder sinken. Sinnbildlich ist so ein Kreislauf von Werden und Vergehen entstanden.

Bei den „Nachteulen“-Gottesdiensten hat Georg Schützler festgestellt, dass Gebete nach Atem-Übungen eine ganz andere Dynamik entfalten. „Das ist, als wenn der Samen auf einen vorbereiteten Ackerboden fällt.“ Gemeinsam durchgeführte Übungen führten auch zu einer größeren Konzentration des Einzelnen: „Man schweift mit den Gedanken nicht so leicht ab, wenn andere im Raum sind. Die Disziplin, sich auf diese eine Übung zu konzentrieren, erhöht sich.“

Zum freien Atmen gehören aber nicht nur Übungen, meint Georg Schützler. „Wer sich eine längere Zeit in einem Raum aufhält, der eine ganze Weile nicht gelüftet wurde, der empfindet das als unangenehm.“ Und nicht nur das: Auf Dauer mache die schlechte Luft krank.

Frischluft. Lüften. Was wie eine Binsenweisheit daherkommt, gilt auch im übertragenen Sinne. „Wir sollten uns bewusst machen, dass wir als Menschen aus Erde geschaffen wurden, als Biomasse. Diese wird himmlisch beatmet und fängt damit an zu leben“, sagt Schützler. Das bedeute, dass unsere Kreativität, unsere Ideen, unsere Freiheit, auch unser Glaube immer wieder neu belüftet und beatmet werden müssen – damit wir wieder neue Energie für das Alltagsleben mit seinen Aufgaben haben.