Christliche Themen für jede Altersgruppe

Loslassen und verzeihen

Falsche Entscheidungen im Leben können Folgen haben. Sind die Weichen gestellt, gibt es oft kein Zurück mehr. Was ist, wenn Fehler nicht mehr gut gemacht werden können? Kann es dann trotzdem gelingen, ohne Verbitterung auf die Vergangenheit zurückzublicken? Ja, sagt die Psychologin Beate Weingardt. Für sie liegt der Schlüssel darin, „sich selbst und dem anderen zu verzeihen“.

Martha (Name geändert) war 28 Jahre alt, als sie endlich heiratete. Ihren Heiner lernte sie auf einem Hoffest kennen; ein höflicher, junger Mann, der als Installateur arbeitete und um sie warb. Es folgte eine schnelle Hochzeit, Martha gab ihre Arbeitsstelle bei der örtlichen Sparkasse auf. Ein halbes Jahr später kam ihre Tochter zur Welt, drei und weitere fünf Jahre später ihre beiden Söhne. Martha widmete sich ganz der Erziehung ihrer Kinder.

Dann bekam Heiner von einem Kollegen das Angebot, sich selbstständig zu machen. Die Eheleute schmiedeten Pläne, Martha malte sich aus, wie sie ihren Mann bei der Firmengründung unterstützen würde. Im Stillen hofft sie, durch die Herausforderung die zunehmende Leere in ihrem Innern füllen zu können. Sie vermisste ihren Beruf, ihr Eheleben empfand sie als langweilig, zumal sie sich ihrem Mann überlegen fühlte. Doch Heiners anfängliche Euphorie wich schnell praktischen Vorbehalten. „Das ist mir zu riskant.“ Die Idee, sich selbstständig zu machen, verwarf er.

Die Jahre vergingen, irgendwann waren die Kinder aus dem Haus. Martha stürzte sich in ihre ehrenamtliche Arbeit bei der Gemeinde. Sie sang im Chor mit, widmete sich komplizierten Handarbeiten. Ab und zu schrieb sie sogar eigene Texte, die für das Ensemble vertont wurden. „Aus deinem musikalischen Talent hättest du wirklich etwas machen können“, sagte ihr Chorleiter einmal anerkennend. Als Heiner starb, ganz plötzlich, an einem Schlaganfall, war sie 78 Jahre alt. Und wünscht sich im Stillen, mit ihrem Leben noch einmal ganz von vorne anfangen zu können.

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Ein typischer Fall von verschwendeter Lebenszeit? Nein, sagt Beate Weingardt. Ohnehin hält sie nichts von dem Begriff „verschwendet“. „Das ist ein einseitiger Ausdruck. Schließlich kann auch eine scheinbar gute Ehe verschwendete Zeit sein: Wenn sie eintönig ist und keine Entwicklungsmöglichkeit bietet.“ Die Psychologin hat sich ausführlich mit dem Prozess der Vergebung beschäftigt und darüber promoviert. Für sie ist Vergebung die Voraussetzung, um loslassen und die Vergangenheit ruhen lassen zu können. „Wer nachtragend ist, muss viel schleppen“, zitiert sie eine Weisheit.

Zuallererst müsse der Mensch lernen, sich selbst zu verzeihen. Denn, so ihre Devise: Wer immer wieder zurückblickt, tritt irgendwann auf der Stelle. Das gilt für alle Verletzungen und Kränkungen, aber auch für Fehler, die man selbst begangen hat. So wie ein falsche Berufswahl, eine gescheiterte Ehe oder eine enttäuschende Freundschaft. Für Beate Weingardt steht fest: „Es ist ganz wichtig, sich einzugestehen, dass man in den jeweiligen Lebensphasen unterschiedlich reif ist. So kann ich mich, mit meinem heutigen Lebensalter, nicht für etwas verurteilen, was ich mit 20 gemacht habe.“

Zumal viele Beispiele berühmter Studienabbrecher wie etwa Peter Handke, Bill Gates oder Sönke Wortmann zeigen, dass vermeintliche Fehlversuche im Leben wie erfolglose Berufs- und Lebensjahre nicht umsonst gewesen sein müssen. Im Gegenteil: Oft bilden sie, ohne dass man sich dessen bewusst ist, die Grundlage für spätere Entscheidungen. Und sie prägen den Einzelnen nachhaltig in seiner Persönlichkeit, sodass er später davon profitieren kann.

Die Enttäuschung und Verletzung anzunehmen, den Schmerz nicht zu verleugnen, das ist ein erster Schritt. Allerdings ohne sich dabei als Opfer zu sehen. Damit das funktioniert, empfiehlt die Theologin, Unterstützung bei einer neutralen Person wie etwa einem Therapeuten zu suchen. Und sich folgende Fragen zu stellen: Wieso habe ich damals nicht den Mut und das Selbstvertrauen gehabt, diesen Lebensabschnitt zu beenden? Weshalb ist es mir nicht gelungen, die richtigen Entscheidungen zu treffen?

Irgendwann, sagt Weingardt, sei es dann an der Zeit, einen Abschluss zu finden und die Verbitterung loszulassen. Dabei können, wie auch im Fall Martha, Rituale helfen, einen Schlussstrich zu ziehen: „Alte Fotos verbrennen, einen Brief schreiben, den man nicht abschickt.“ Oder sich einfach nur immer wieder sagen. „Ich lasse es jetzt mal gut sein, ich mache jetzt meinen Frieden damit.“

Buch-Tipp: Beate Weingardt

Das verzeih ich Dir (nie)! Kränkung überwinden, Beziehung erneuern.
SCM R. Brockhaus 2017
176 Seiten, gebunden
12,95 Euro
ISBN 341-72-69261

Dieses Buch erhalten Sie bei unserem Bestell­telefon 0711-60100-28 oder bei unserer Internetbuchhandlung unter www.buchhandlung-eva.de

 

 

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