Christliche Themen für jede Altersgruppe

Wenn die Mimik verschwindet - Maskenpflicht auch für Gehörlose

Die Corona-Krise stellt Gehörlose vor Herausforderungen. Treffen unter Gleichgesinnten fallen aus und durch die Maskenpflicht ist es ihnen nahezu unmöglich geworden, im öffentlichen Raum zu kommunizieren. Wie gehen Betroffene mit der Situation um?

Maskenträgerin. Foto: Engin Akyurt, pixabayMaskenträgerin. Foto: Engin Akyurt, pixabay

In vielen Bereichen geht es Steffi und Günter Grellscheid derzeit ganz ähnlich wie allen Menschen: Sie versuchen, so gut es geht, sich mit dem veränderten Corona-Alltag zu arrangieren. Die geplante Schiffsreise nach Norwegen mit der ganzen Familie wurde um ein Jahr verschoben – jetzt hofft das über 70-jährige Ehepaar, dass es im Spätsommer mit dem geplanten Urlaub klappt.

Wie die meisten anderen Menschen verbringen sie einen Großteil ihrer Zeit zuhause – „mit einem Buch, beim Puzzeln, Stricken oder einzelnen Treffen mit einer Freundin“, wie Steffi Grellscheid erzählt. Auf das wöchentliche Schwimmen und den Cafétreff muss sie verzichten. Auch das Treffen mit ihren beiden Kindern ist reduziert, da der Sohn mit seiner Familie in Norwegen lebt und sie nicht einfach einreisen können.

Landespfarrerin fuer Gehoerlosenseelsorge, Daniela Milz-Ramming. Foto: PressebildAndere Bereiche des Alltags sind für das Ehepaar, das in der Nähe von Ludwigsburg lebt, seit Corona ungleich schwieriger zu bewältigen. Denn die beiden sind gehörlos. Die Landespfarrerin für Gehörlosenseelsorge, Daniela Milz-Ramming, bestätigt die herausfordernde Situation. „Alles hat sich in den vergangenen Monaten verändert.“ Gottesdienste für Gehörlose finden nur unregelmäßig statt, im Schnitt alle paar Wochen. Auch der Gottesdienst, den die Grellscheids sonst besuchen, fällt derzeit aus.

Anstatt 50 bis 60 kommen im Moment zu den wenigen noch stattfindenden Veranstaltungen nur noch zwischen 8 und 18 Besucher. Diese nehmen jedoch bewusst den weiten Weg auf sich. „Manche haben eine Anreise von über zwei Stunden“, sagt Milz-Ramming. Doch das Zusammentreffen mit Gleichgesinnten – natürlich unter korrekten hygienischen Rahmenbedingungen – ist ihnen wichtig. "Viele suchen verzweifelt nach Austausch“, sagt die Theologin.

Viele Gehörlose suchen verzweifelt nach Austausch

Was aus ihrer Sicht von Beginn an sehr gut funktioniert hat, ist der Informationsfluss über Whatsapp: Mit Beginn der Pandemie hat die Kommunikation über diesen Kanal stark zugenommen, was für viele Gehörlose eine Erleichterung ist. Sie können sich nicht nur regelmäßig Bilder und Nachrichten schicken, es gibt auch kleine sonntägliche Andachten, Gebete oder Segen. Dramatisch erschwert haben sich jedoch die Kommunikationsbedingungen im öffentlichen Raum. „Von den Lippen kann man mit viel Talent vielleicht 30 Prozent ablesen“, sagt Milz-Ramming. „Ansonsten benötigt man zur Verständigung Handzeichen, aber vor allem die Mimik.“ Hinter dem Mundschutz erkenne man jedoch „maximal die Hälfte davon“. Viele Emotionen ließen sich jetzt nicht mehr ablesen, „allenfalls Ärger, den erkennt man am Stirnrunzeln“. Zudem sind gehörlose Menschen mit sprachlichen Auffälligkeiten kaum noch verständlich.

Transparente Visiere sind nicht mehr erlaubt, durchsichtige Masken nur ein Teil der Lösung. Einerseits eine Erleichterung, „doch viele von ihnen laufen extrem an, sind wie durchsichtige Joghurtbecher“, beschreibt es Milz-Ramming.

Steffi und Guenther Grellscheid. Foto: PrivatViele gehörlose Menschen führen inzwischen einen Zettel mit sich, um ihre Wünsche, etwa beim Einkaufen, verständlich äußern zu können. Auch Steffi Grellscheid berichtet: „Da wir wegen des Masken-Tragens nicht mehr von den Lippen anderer ablesen können, habe ich immer Notizblock und Stift dabei, wenn ich unterwegs bin.“

Daniela Milz-Ramming plädiert dafür, beim Sprechen mit Nicht-Hörenden mit dem Finger auf vieles zu zeigen, natürliche Gebärden zu verwenden und optische Impulse zu geben. Im Freien, wo Kommunikation mit Abstand und ohne Maske erlaubt ist, sei es hilfreich, viel Mimik zu verwenden und hochdeutsch zu sprechen. Ansonsten hofft die 49-Jährige auf Verständnis der Menschen. Auch Steffi Grellscheid übt sich in Geduld. „Wir müssen zufrieden sein – und lernen, mit den Regeln der Maßnahmen umzugehen.“

Steffi und Günter Grellscheid versuchen, sich mit dem Alltag zu arrangieren. Foto: privat

Diesen Artikel jetzt im EVG-ePaper lesen

Meinungsumfrage

Wollen Sie die Sommer- oder die Winterzeit behalten, wenn es keine Zeitumstellung mehr gibt?

Ergebnis anzeigen