Christliche Themen für jede Altersgruppe

Zusammengezupft und gefilzt

Wohin geht es mit dem christlichen Buch? Solche Fragen stellt man sich gerne, wenn die Buchmesse ­gerade wieder vorbei ist, die meistens eines eindrucksvoll vor Augen führt: Dass der Büchermarkt fast unüberschaubar geworden ist – im Gegensatz zum christlichen Buchmarkt. 

Was sind die Trends 2013? Lassen sich überhaupt noch Trends ausmachen im religiösen Flickenteppich Deutschlands? Denn „Patchwork-Religion heißt das Phänomen, das sich in Deutschland breitmacht“, wie es im Börsenblatt „spezial Religion“ hieß. Jeder wird nach der eigenen Façon selig. Man zupft sich aus allem das heraus, und filzt es zusammen, was einem dienlich erscheint fürs religiöse Gefühl. Aufs Ganze gesehen scheint das tatsächlich die Richtung zu sein: Was Glaube und Religion betrifft, macht sich Individualisierung und Vereinzelung breit. Das heißt allerdings nicht, dass die Nachfrage nach religiösen Büchern geringer wird. Im Gegenteil. Sie ist sogar erheblich gestiegen. Das Buch von Margot Käßmann „Mehr als Ja und Amen“ landete kurz nach seinem Erscheinen prompt auf der Spiegel-Bestsellerliste.

Postkarten mit religiösen Motiven zählen schon lange zum Sortiment christlicher
Buchläden. (Foto: epd-Bild)

Aber was bedeutet es eigentlich, wenn man von religiösem Buch spricht? Es bedeutet nicht zwangsläufig christlich. Der sogenannte konfessionelle Buchhandel, also Buchhändler, die sich auf Literatur aus dem christlichen Bereich spezialisiert haben, ist im Begriff, sich zurückzuziehen. Auch auf der Frankfurter Buchmesse ist das wahrzunehmen: während vor 20 Jahren der konfessionelle Buchhandel deutlich den Charakter am Standort in Halle 3.1. prägte, wird die Zahl der Verlage, die sich dort präsentieren, immer weniger. Zu aufwendig, zu teuer, zu wenig lohnenswert ist die Präsentation auf einer der wichtigsten Buchmessen weltweit.  So wie die Bindung an die großen Kirchen in Deutschland abnimmt, nimmt auch das Interesse an christlichen Büchern ab. Christlich und religiös muss man voneinander trennen. Der religiöse Markt wächst, der christliche schwindet.

Was sagt der Dalai Lama über das Glück?

Zum religiösen Buchmarkt gehören Lebenshilfe und Spiritualität im weitesten Sinne. Was sagt der Dalai Lama über das Glück? Welche Weisheiten sind im Koran zu entdecken? Wie kann einem ZEN helfen, um im unruhigen Alltag Ruhe und Frieden zu finden? Die Leserinnen und Leser heute haben praktische Fragen, sie suchen selbstständig nach Antworten und zeigen sich – unter dem Begriff Spiritualität – offen für alle Weltanschauungen und Religionen.

Selbstkritik üben ist ein neuer Trend

Dieser Umstand ist Anlass für einen neuen Trend innerhalb der christlichen Literatur: Es kommt zu einer Auseinandersetzung  – endlich – mit sich selbst und mit dem, was die Leute diesseits und jenseits der Kirchen- und Gemeindetüren wirklich beschäftigt. Hier und da erscheinen auf einmal Bücher, die sich kritisch mit der christlichen Selbstsicht auseinandersetzen. Christen aller Konfessionen merken, dass sie der Sache Christi mehr schadeten als nutzten, indem sie die jeweils anderen abwerteten und sich selbst in ihr evangelikales, pietistisches oder konfessionelles Biotop zurückzogen. Der Journalist Ulrich Eggers schrieb ein erhellendes Buch über die Neigung von Christen, sich selbst zu täuschen. Der amerikanische Pfarrer Kyle Idleman wandte sich in seinem Buch „Not a fan“, das Anfang des Jahres erschien, ausdrücklich gegen ein Frommes-Jesus-Fanclub-Dasein.  Und nicht zuletzt das bereits in der dritten Auflage erschienene Buch „Kirchendämmerung“ des Münchner Professors Friedrich Wilhelm Graf zeigt diese Änderung in der christlichen Selbstwahrnehmung.

Noch eine Tendenz zeichnet sich ab: Glaube und Religion werden nicht mehr allein in christlichen oder konfessionellen Verlagen thematisiert. Esther Maria Magnis bemerkenswertes Buch „Gott braucht dich nicht“ erschien im Rowohlt Verlag. Friedrich Wilhelm Grafs „Kirchendämmerung“ bei C.H. Beck. „Das Angebot von religiöser und sinnstiftender Literatur aus dem nicht christlichen Bereich wird immer größer“, schreibt Christof Vetter, Vorsitzender des Evangelischen Medienverbandes für Deutschland (EMVD) im Börsenblatt. Deshalb setzen konfessionelle Buchhändler in gesteigertem Maße  auf den sogenannten „Nonbook-Bereich“. Schon immer gehörten christliche Postkarten und Fisch-Auto-Aufkleber zum evangelischen Sortiment. In katholischen Buchhandlungen waren es Kruzifixe und Devotionalien. Heute aber finden Sie bei Ihrem christlichen Buchhändler nicht nur dies, sondern  auch  christliche Musik, Kerzen, Handschmeichler und Kaffeetassen mit christlichen Motiven, Teemischungen und Marmeladen mit Segenswünschen auf dem Deckel; es gibt in diesem Bereich nichts, was es nicht gibt. Und ohne diesen Bereich könnten christliche Buchhändler nicht mehr existieren. Zwar geht die Zahl der Kunden in christlichen Läden zurück, aber das, was jeder Einzelne umsetzt, ist höher, weil neben dem neuen Lucado auch ein Jesus-liebt-dich-Radiergummi und ein Gesegnete-Mahlzeit-Vesperbrett erworben wurden.

Innerhalb des christlichen Buchangebots werden Sachbücher und Ratgeber nach wie vor bevorzugt. Sehr wenig erzählende Literatur kann so von sich reden machen wie Anselm Grüns neues Lebenshilfebuch oder der bereits erwähnte Titel von Margot Käßmann. William Paul Youngs Buch „Die Hütte“ war solch ein Titel. Die tragische und doch hoffnungsvolle Geschichte des Romanhelden Mack Philip, der seine Tochter verliert, aber seinen Glauben gewinnt, berührte viele Leser. Dieses Buch zog zahlreiche weitere Veröffentlichungen nach sich, von denen sich aber keine durchsetzen konnte und die meisten vergriffen sind, das heißt die nicht mehr neu aufgelegt wurden.

Trends bei Büchern – und das macht ihren Reiz aus – lassen sich zwar ankurbeln und verstärken, aber bis zu einer bestimmten Grenze. Am Ende entscheidet die Überzeugungskraft des Buches selbst, ihres Bildes oder ihres Gedankens. „Die Hütte“ hatte diese Überzeugungskraft. Der Held war ein Hiob ohne Gott, unbedarft in geistlichen Dingen. Gott konnte sich ihm eben aus diesem Grund zeigen. Und zwar nicht in einer Kirche, sondern in einer halbverfallenen Hütte. So geht es vielen Menschen: Hinter der als banal abgetanen, selbstgezimmerten Flickwerk-Spiritualität verbirgt sich eine ernsthafte Sehnsucht.

Eine besondere Herausforderung stellen Onlinekauf und elektronische Bücher und Lesegeräte im religiösen Bereich dar. Die Deutschen sind im internationalen Vergleich eher zurückhaltend. Noch immer ist das Buch aus echter Pappe und Papier beliebter als E-Ink und  Download auf Smartphone oder E-Book. Aber das wird sich gewiss in Zukunft ändern.

Negativtrend Fachbuch

Von einem regelrechten Negativtrend kann man im theologischen Fachbuch sprechen. Obwohl Verlage wie Vandenhoeck und Rupprecht, Herder, Kösel oder Gütersloher zum Teil ausgezeichnete, überaus inspirierende Titel herausbringen, nimmt der Umsatz ab. Das liegt einerseits am Rückgang der Hauptamtlichen in der Gemeindearbeit. Es gibt schlicht weniger Diakone, Pfarrer, Pfarrerinnen und Priester. Andererseits beklagen viele im Kirchendienst Tätigen, dass ihnen schlicht die Zeit fehle, um sich lesend fort- und weiterzubilden. So greifen sie in ihrer Arbeit stetig auf das zurück, was sie einst in Studium und Ausbildung gelernt haben, gleichgültig wie veraltet dieses Wissen ist.

Ein wenig gegen diesen Trend liefen die Bücher des Papst-Theologen Benedikt XVI: Die „Jesus-Trilogie“ war ein Umsatzbringer und Bestseller. Die Titel  wurden reichlich gekauft, aber offen bleibt die Frage, ob sie auch gelesen wurden.

Vermutlich werden die Verlage in Hinsicht auf das theologische Fachbuch umdenken müssen. Auch diese Bücher müssen, was Themen und inhaltliche Gestaltung betrifft, für Laien les- und verstehbar sein. Beispiele solcher Titel gibt es bereits: Mark Lillas Buch „Der totgeglaubte Gott“ ist höchst kenntnisreich und trotzdem gut lesbar. Und Philip Jenkins „Das goldene Zeitalter des Christentums“ ist nicht nur ein lehrreiches Buch, sondern auch spannend geschrieben.

Buch-Tipps

Margot Käßmann: Mehr als Ja und Amen. Doch, wir können die Welt verbessern.
Adeo 2013, 269 Seiten, 17,99 Euro. ISBN . 978-3-942208-77-2

Ulrich Eggers: Ehrlich glauben.
Warum Christen so leicht lügen.
SCM 2013, 221 Seiten, 14,95 Euro, ISBN 978-3-417-26551-4

Kyle Idleman: Not a fan. Vom Bewunderer zum Nachfolger.
Gerth Medien 2013, 288 Seiten, 14,99 Euro. ISBN 978-3-86591-745-4

Friedrich-Wilhelm Graf: Kirchendämmerung. Wie die Kirchen unser Vertrauen verspielen.
München 2013, 192 Seiten, 10,95 Euro. ISBN 978-3-406-61379-1

Esther Maria Magnis: Gott braucht dich nicht.
Rowohlt, Reinbek 2012, 240 Seiten, 16,95 Euro.
ISBN 978-3-498-06406-8

William Paul Young: Die Hütte.
Ullstein, München 2011, 368 Seiten, 9,99 Euro.
ISBN 978-3-548-28403-3

Mark Lilla: Der totgeglaubte Gott. Politik im Machtfeld der Religionen.
Kösel 2013, 304 Seiten, 21,99 Euro. ISBN 978-3-466-37072-6

Philip Jenkins: Das goldene Zeitalter des Christentums. Die vergessene Geschichte der größten Weltreligion.
Herder 2013, 400 Seiten, 12,99 Euro. ISBN 978-3-451-061684.



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