Christliche Themen für jede Altersgruppe

Befreier oder Brandstifter?

Luther, das ist etwas für Jugendliche: der Rebell gegen den Vater, gegen die Obrigkeit, gegen den Papst. Sein Eigensinn. Und dann das Abenteuer: auf der Flucht vor dem Kaiser, im Versteck auf der Wartburg. Über Luther können junge Menschen Zugang zur Kirche bekommen. Und Zugang zu Luther verschaffen Jugendromane über den Reformator.  

Das passt doch gut zusammen: Luther und junge Menschen (Foto: epd-Bild)

Martin Luther musste schon viele Projektionen über sich ergehen lassen. Er wurde schon als deutschnationaler Freiheitsheld gefeiert, als Wegbereiter der Aufklärung oder auch als der gute deutsche Bürger und Familienvater, später leider auch – von Hitler – als „großer Mann, ein Riese“.

Luther selbst hätte den Heldenkult zu seiner Person vermutlich abgelehnt. Umso mehr lohnt sich ein Blick in die Jugendliteratur zu dem Reformator und seiner Zeit. Denn als Held für jugendliche Leser eignet sich Luther eigentlich bestens: sein Mut, die Treue zu seinen Überzeugungen und sein Eigensinn – klassische Jugendthemen. Nicht zuletzt die abenteuerlichen Ereignisse in seiner Biografie, die geradezu nach romanhafter Umsetzung rufen.

Was also kann Jugendliche an Luther heute interessieren? Seine Zwiespältigkeit, seine Widersprüche, seine Zumutungen an die damalige Gesellschaft? Die Diskussionen über Freiheit und Gehorsam, über Toleranz, Gewalt und Gewissen. Luther – ein Radikaler oder ein Realo? Ein Befreier oder ein Brandstifter?

Eindeutige Antworten sind nicht zu erwarten. So zeichnet etwa die Graphic Novel „Luther“ von Moritz Stetter mit den starken Mitteln des Comics die wichtigsten Stationen im Leben des Reformators nach. Gut beraten ist, wer die Zeittafel im Anhang zuerst liest. Die Bilder und kurzen Texte Stetters zeigen vor diesem „offiziellen“ Hintergrund einen zweifelnden, von inneren Dämonen geplagten Mann, der sich zuletzt das Weltende herbeigewünscht und Pogrome gegen Juden gefordert hat. Ganz im Gegensatz zu dem Bild eines Geschichte machenden Luther lernt man hier einen Mann kennen, der von den Umständen überrannt wird, während er vor allem seinen inneren Glaubenskampf kämpft.

Nicht weniger widersprüchlich und provokant ist, was Luthers Ideen mit den Menschen machen. Drei historische Romane erzählen das Schicksal ihrer jugendlichen Hauptpersonen.

Einen Entwicklungsroman hat Rudolf Herfurtner mit „Magdalena Himmelsstürmerin“ geschrieben. Bei einem Bergwerksunglück verliert Magdalena ihren Vater und schließlich auch ihre Heimat Jüterbog. Die Halbwüchsige kommt nach Wittenberg zu ihrer Tante. Dem wissbegierigen und eigensinnigen Mädchen eröffnet sich eine neue Welt im Aufbruch. Ein gewisser Doktor Luder predigt hier, im Jahre 1517. Der junge Veit, in den Magdalena verliebt ist, ist einer seiner Schüler. So erfährt der Leser von Luthers Ideen und welche Provokation sie darstellten.

In dem Roman sind die historischen Ereignisse geschickt in Magdalenas Geschichte eingewebt. Ihr Weg ins erwachsene Leben ist parallel zur Reformation ebenfalls der einer Emanzipation. Letztendlich spiegelt Magdalenas geistige und moralische Befreiung den Abschied vom Mittelalter, den Aufbruch in ein neues Denken wieder – vom Ablassglauben ihrer Mutter bis hin zu ihren unabhängigen moralischen Entscheidungen, aus dem Opferstock der Kirche Geld zu stehlen, um das Leben ihres Ziehbruders zu retten. Als Magdalena schließlich im Kerker landet, steht aber auch der neue Glauben auf dem Prüfstein. Soll Veit, der Schüler Luthers, sich gegen die Obrigkeit auf die Seite des Mädchens stellen?

Die lutherischen Grundsätze werden in diesen Jugendbüchern von den jugendlichen Protagonisten in Frage gestellt. Hochaktuell, auch wenn das Terrain ungewohnt ist, etwa hinter den Mauern eines spätmittelalterlichen Nonnenklosters wie in dem Erstlings-Roman von Anne Bezzel.

Um die lutherische „Freiheit eines Christenmenschen“ geht es in diesem Jugendbuch rund um einige Nonnen, die eben nicht befreit werden wollen. „Jenseits der Mauern die Freiheit“ spielt 1525 in Nürnberg, wo Luthers Kritik an der Papstkirche begeisterte Anhänger findet.

Die Autorin, eine Theologin, beruft sich auf die Aufzeichnungen der Caritas Pirckheimer, Äbtissin des St. Klara-Konvents in Nürnberg. Das Kloster soll aufgelöst werden, die Klarissen sollen wieder ein bürgerliches Leben führen. Doch drei der jungen Frauen widersetzen sich, sie haben innerhalb der Mauern des Klosters ihre geistige und seelische Freiheit gefunden, vertraute Freundinnen, intellektuelle Gespräche und Bildung. „Draußen“ wartet auf sie eine Zweckheirat und der weltliche Gehorsam gegenüber dem Vater oder dem Ehemann. Sie fordern Gewissensfreiheit.

Als sie schließlich gewaltsam aus dem Konvent gerissen werden sollen, eskaliert die Situation. Die Spannung, die sich aus diesem ungewohnten Blickwinkel ergibt, bleibt bis zum bewegenden Ende erhalten. Die Autorin erzählt die Geschichte einfühlsam aus wechselnden Perspektiven, in einer klaren Sprache knüpft sie die Sichtweisen zusammen, bis das Dilemma klar ist: Ist aus der guten Idee eine Ideologie geworden?

Bildend ist der gut recherchierte Abenteuerroman „Das Kloster der Ketzer“ des Bestsellerautors Rainer M. Schröder: Geschickt werden Umwälzungen der Lutherzeit, wie etwa die Verbreitung des Buchdrucks, in die Abenteuer des jungen Sebastian im Passau des Jahres 1527 eingebaut. Der Protagonist – diesmal ein Junge – wähnt sich auf der Flucht vor dem Domherrn in einem Kloster sicher und gerät doch gerade dort mitten in die Höhle des Löwen – mitten hinein in den Kampf zwischen den „Ketzern“ und den Papstgläubigen.

Der geschichtliche Hintergrund: Der lutherische Reformator Leonhard Kaiser wurde 1527 in Passau auf dem Scheiterhaufen verbrannt. In den Gesprächen der Klosterbrüder und der Freunde Sebastians werden ausführlich die historischen Entwicklungen und Luthers neue Ideen dargelegt, ihre Brisanz erklärt sich aus den Konflikten des Romans von selbst. Der spannende Schmöker verschafft jüngeren Menschen Zugang zu einer aufregenden Zeit der Vergangenheit.

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