Christliche Themen für jede Altersgruppe

Blaue Buben, rosa Mädchen

Überraschungseier nur für Mädchen, Lego legt getrennte Programme für Mädchen und Jungen auf und mit Prinzessin Lillifee schwappt eine rosa Welle in die Herzen kleiner Mädchen. Und so belebt die Wirtschaft ganz nebenbei alte Rollenzuweisungen.

Mit Farben die Nachfrage erhöhen Anerzogen oder angeboren? Ob Mädchen rosa mögen und Jungen blau, ist eine Sache des Marketings geworden. Ob damit auch Geschlechter­rollen festgelegt werden? (Foto: epdBild)

Mit Farben die Nachfrage erhöhen Anerzogen oder angeboren? Ob Mädchen rosa mögen und Jungen blau, ist eine Sache des Marketings geworden. Ob damit auch Geschlechter­rollen festgelegt werden? (Foto: epdBild)

Zum pinkfarbenen Rüschenblüschen trägt Hanna rosa Jeans und Turnschuhe. Hannas rosa Fahrrad ziert ein rosa Fähnchen. „Das ist Prinzessin Lillifee drauf“, strahlt die Fünfjährige. Und als sie eine Sonnenbrille aussuchten durfte, fiel ihre Wahl natürlich auf ein rosa Gestell. „Eben typisch Mädchen“, meinen ihre Eltern. Ärgerlich finden sie nur, dass Hannas zwei Jahre jüngerer Bruder die abgelegte Kleidung ihrer „Großen“ nicht auftragen kann. Joel in rosa Jeans? Unvorstellbar!

Mutter Judith musste sich in der Krabbelgruppe schon fragen lassen: „Wieso ziehst einem Jungen denn eine rote Jacke an?“ Dabei schwärmt Joel ansonsten „vorschriftsmäßig“ für Bob den Baumeister. Hannas rosa-pinkfarbenes Lego-Spielset für Mädchen lässt er links liegen. Dort pflegen die überschlanken Mädchen mit den großen Kulleraugen sich im Schönheitssalon, sitzen im Café, sonnen sich am Pool oder kümmern sich um Haustiere. Auch weitere Angebote für Mädchen zu den Themen Musik, Mode, Tiere und Backen sind „speziell auf die Interessen von Mädchen abgestimmt“, verspricht der Prospekt.

Die Entwicklung spezieller Überraschungseier für Mädchen begründet die Firma Ferrero auf Nachfrage mit „Ergebnissen aus der Marktforschung“. Die hätten gezeigt, „dass Mädchen eben auch mal klassische Mädchensachen wie Ringe und Puppen wünschen. Würde ein Junge einen solchen Inhalt bekommen, wäre er wahrscheinlich enttäuscht“, so die Pressestelle.

Sogar nach Geschlechtern getrennte Getränke für Mädchen und Jungen, die laut Capri Firmenwerbung „ausdrücklich auf die unterschiedlichen Bedürfnisse und Wünsche von Jungen und Mädchen zugeschnitten sind“, sind seit 2013 auf dem Markt: „Sportlich-cool für Jungs und der zauberhafte Elfendrink für Mädchen.“ Klischees, wie Jungen oder Mädchen „nun mal sind“ werden so reproduziert, zementiert oder gar erst geschaffen.

In immer mehr Bereichen spiegeln die Angebote für Jungen und Mädchen ziemlich exakt die traditionellen Rollenzuschreibungen, für deren Überwindung Frauenrechtlerinnen sich eingesetzt haben. Oder sollte an den Rollen am Ende doch etwas daran sein?

Jedenfalls fängt es schon sehr früh bei den Säuglingen an: Der Schnuller mit Blume für Mädchen, der mit dem Bagger für Jungen. Kleidung, Spielzeug und Bettwäsche für Mädchen in glitzerndem Rosa, für Jungen in nüchternem Blau oder Grün. Selbst die Schulranzen sind eindeutig auf Mädchen oder Jungen zugeschnitten. Die Firmen geben vor, Kindern das zu bieten, was sie angeblich selbst wollen. In Wahrheit ist das geschlechtsspezifische Angebot das Ergebnis gekonnter „Gendermarketing“ Strategien, die angesichts sinkender Kinderzahlen erhöhte Nachfrage schafft. Denn der wirtschaftliche Effekt sieht so aus: Wenn der rosa Pulli, den das Mädchen unbedingt brauchte, für den Jungen untragbar ist, muss eben ein weiterer Pulli gekauft werden.

Pädagogik-Experten halten die rosa-blaue Welle nicht für eine harmlose Phase, die irgendwann einfach verebbt. Sie bemängeln, dass Mädchen so auf Themen wie Schönheit, Mode, Fürsorge und soziale Kontakte „geeicht“ und spielerisch auf eine klassische Frauenrolle und ein superschlankes Körperbild festgelegt werden. Auch Jungen erhalten aus ihrer Sicht schon zu früh eine Rollenzuschreibung, der sie womöglich gar nicht gewachsen sind: Cool, sportlich, mutig und technisch versiert sollen sie sein. Und wenn sie das nicht sind? Dann ist „Mädchen“ auf dem Schulhof immer noch ein Schimpfwort.

Buchautor Sascha Verlan sieht die Gefahr, dass Kinder viel zu früh mit der Erwachsenenwelt konfrontiert werden und nicht mehr frei ausprobieren können, was sie selbst denn gern tun und wie sie sein wollen. „Auf jedem Werbeplakat, in jeder Werbesendung im Fernsehen wird unseren Kindern gezeigt, wie sie zu sein haben, als Junge und Mädchen, als Mann oder als Frau. Die Grenzen werden enger“, beobachtet der Vater von zwei Töchtern und einem Sohn seit etwa zehn Jahren. Ihn verwundert es nicht, dass schon Mädchen im Kindergartenalter sich für zu dick halten. „Schließlich gibt es zur Serie Germanys Next Top Modell schon Ausmalbögen für die Kleinen“, beobachtet Verlan.

„Wie soll ein Junge ein fürsorglicher Mensch werden, wenn von allen Seiten propagiert wird, dass Jungen wild, raubeinig und durchsetzungsstark zu sein haben oder gar ‚von Natur aus‘ sind. Und wie sollen Mädchen, für die ein Versandhaus ein rosa T-Shirt mit dem Aufdruck ‚In Mathe bin ich Deko‘ kreierte, sich von der Überzeugung befreien, dass Mathematik und Technik nun mal nichts für sie sei?, fragt er.

Die Genderforscherin Stevie Meriel Schmiedel hat 2012 die Kampagne „Pinkstinks“ gegründet, die sich gegen Produkte, Werbeinhalte und Marketingstrategien wehrt, die Mädchen und Jungen eine festlegende Geschlechterrolle zuweisen. „Mädchen und Junge kann man auf verschiedene Weise sein“, ist Schmiedel überzeugt. „Dass die Zahl der Essstörungen und Selbstverletzungen bei Mädchen zunimmt und immer mehr Mädchen mit ihrem Körper unzufrieden sind, führt Stevie Meriel Schmiedel nicht zuletzt auf die Propagierung eines extrem schlanken Körperbildes zurück, dass per Mädchenspielzeug und in den Medien vermittelt wird.

Gegen die rosa Welle anzuschwimmen, ist für Eltern eine echte Herausforderung, weiß Sascha Verlan. Auch wenn er und seine Frau kein Patentrezept haben, hält er das elterliche Vorbild und die kritische Reflexion der eigenen Rollenbilder für wichtig. Der Vater, der auch in der Küche und die Mutter, die selbstverständlich im Beruf steht, können prägende Gegen-Bilder sein.

Auch den Versuch, schon Kindern bewusst zu machen, wie Werbung funktioniert, hält er für vielversprechend. Damit „Kinder Kinder sein können und nicht per rosa-blauer Welle in die Erwachsenenwelt gespült werden“, hält Sascha Verlan zudem weitgehende Medienabstinenz und bewussten Konsum für hilfreich. „Muss man mit Fünfjährigen schon shoppen gehen?“, fragt er. Die Sorge, dass ein Kind zum Außenseiter wird, wenn es nicht auf der geschlechterspezifischen Welle mit schwimmt, teilt er nicht: „Kinder halten viel mehr aus, als uns eingeredet wird, und sie sind nicht so grausam, wie Eltern befürchten“, ist seine Erfahrung.

Das Stichwort: Gender

Wenn es um Geschlechterrollen geht, fällt das Stichwort „Gender“. Was damit gemeint ist, erklärt das Diakonische Werk so:

Das Englische unterscheidet das biologische (sex) vom sozialen Geschlecht (gender). Das Deutsche kennt diese Unterscheidung nicht. Gender kann mit „geschlechterspezifischem Rollenverhalten von Männern und Frauen“, Geschlechterrollen oder sozialem Geschlecht übersetzt werden.

Gender wird als eine Kategorie neben anderen, zum Beispiel Ethnie, soziale Schicht, Alter, Religion, sexuelle Orientierung verstanden. Der Begriff deutet darauf hin, dass das unterschiedliche Rollenverhalten von Männern und Frauen erlernt ist, sich im Laufe der Zeit verändern und innerhalb sowie zwischen Kulturen und sozialen Schichten unterschiedlich sein kann. Geschlechtsspezifisches Verhalten ist damit nicht festgelegt, sondern veränderbar.

Mit dem Thema Geschlechterrollen befasst sich ein Studienzentrum der EKD für Genderfragen in Kirche und Theologie in Hannover. Im Internet: www.fsbz.de; Telefon 0511-554741-34; E-Mail: info(at)sfg.ekd.de