Christliche Themen für jede Altersgruppe

Der Papa macht Kinder aktiv

Väter sind nicht einfach eine zweite Betreuungsperson gemeinsamer Kinder. Denn „Väter sind anders“. Mit dieser These tritt der Pädagoge  Christoph Brandes auf. Zum Beispiel beim Evangelischen Männernetzwerk Württemberg in der Reihe „Mann oh Mann“.  Von Brigitte Jähnigen


Empathische Väter sind keine Seltenheit mehr. (Foto: epd-bild)

Natürlich gibt es sie schon eine ganze Weile, die Väter, die mit dem Kinderwagen durch den Park spazieren, ihren Sprößlingen auf dem Kletternetz Mut machen und ihnen später beim Lernen behilflich sind. Auch teilen sich inzwischen zu 20 Prozent Frauen und Männer die Hausarbeit. „Das ist doch gigantisch, vor 20 Jahren war das undenkbar“, sagt Christoph Brandes. Der Mediator und Vater zweier erwachsener Kinder hat aktuelle Studien zur Väterforschung ausgewertet und bilanziert: „Die Vater-Kind-Bindung muss anders erfasst werden als die Mutter-Kind-Bindung“.

Denn Väter gingen anders mit ihren Kindern um als Mütter und das schon in den ersten Lebensmonaten: Sie zeigten ein eher aktivierendes Verhalten, kitzelten die Kleinen, brächten sie zum Glucksen. Und so reagierten auch schon wenige Monate alte Kinder auf ihren Vater anders als auf die Mutter. „Schon im Alter von sechs Wochen“, sagt Brandes, „schieben Babys die Schultern vor und ziehen die Augenbrauen hoch, wenn sie den Vater sehen, gehen also in Aktionsposition“. Tauchten die Mütter auf, gingen die Babies in die Ruhephase, erwarteten offenbar „zweckmäßige Handlungen wie Füttern“. Um aber einen stabilen Bindungseffekt zu entwickeln, müssten auch Väter „schon vom ersten Tag an trösten“, also sanften und verlässlichen Hautkontakt pflegen.

Kritisch hat sich Brandes mit der Väterforschung aus früheren Jahren auseinandergesetzt. Gleich, ob die Autoren männlichen oder weiblichen Geschlechts gewesen seien, „aus dem Blick der Genderforschung“ seien häufig geringschätzige Väterbeziehungen beschrieben worden. Der typische Vater agiere danach vornehmlich „pleaser-betont“, während die Mutter Versorgungsaufgaben erfülle. „Wenn ein Vater seine Kinder badet und sie zu Bett bringt und es ihnen Spaß macht, was daran ist denn falsch?“, fragt Christoph Brandes. Andere Autoren publizierten, Väter seien gegenüber gewünschten Änderungen im familiären Ablauf verbal aufgeschlossen, aber verhaltensstarr – für Brandes eine „nicht messbare Behauptung“.

Ein Blick in die nahe Vergangenheitzeigt: Die so genannte, streng patriarchalische Hausfrauen-Ehe, die Mann und Frau ihre Rollen zuwies,  wurde erst im Jahre 1976 abgeschafft; das neue Eherecht trat am 1. Juli 1976 in Kraft. „Im alten Gesetz stand, ein Vater musste seine Arbeitskraft optimal verwerten, hätte er das nicht getan, wäre es ein Scheidungsgrund gewesen“, gibt Christoph Brandes zu bedenken. Die Rolle des Vaters damals: Die Familie ernähren und den Kindern ein strenger, wenn nicht gar strafender  Vater sein.

Ist nach so viel Entwicklung seit 1976 nun also alles in Ordnung an der Väterfront? Natürlich nicht. Vor allem die Chefetagen in den Unternehmen haben Nachholbedarf in Sachen Familien. Männer, die ihren Job aufgeben und sich für einige Jahre als Familienmanager betätigen, um der Ehefrau und Mutter berufliche Chancen zu ermöglichen, sind noch immer die Ausnahme.

Männer in den Führungsetagen machten schnell klar: Wenn du aussteigen willst, ist deine Karriere futsch. Und wie soll einer dann seinen Verpflichtungen nachkommen, zum Beispiel das Häuschen abzahlen? Christoph Brandes nennt es dann auch „einen Teufelskreis von Sachzwängen“. Und doch studieren immer mehr Frauen, verdienen gut. Die Geburt eines, auch gewünschten Kindes durchkreuzt dann oft alle beruflichen Pläne. In diesen Familien könnte jedoch die Chance für eine gelungene Vater-Kind-Beziehung groß sein. In einer Langzeitstudie in Familien in den Jahren 1976 bis 1998 haben die Entwicklungspsychologen Karin und Klaus Grossmann gezeigt: Wenn ein Vater mit seinem zweijährigen Kind empathisch spielt, ist das gleiche Kind im Alter von 16 Jahren sozial gefestigt und als 22-Jähriger stabil in selbst gewählten Liebesbeziehungen.

Empathisch spielen, bedeute, in unsicheren Situationen Zuversicht zu vermitteln („du kannst das“), bei Gelingen den eigenen Anteil des Erfolges nicht zu hoch zu hängen („ein feinfühliger Vater gewinnt niemals in Serie“) und die Werke des Kindes nicht nur pauschal zu loben, sondern inhaltlich zu kommentieren. „So fühlt sich ein Kind verstanden und angenommen, es entsteht eine positive Grundeinstellung zu Freundschaft und Partnerschaft“, zeigen Karin und Klaus Grossmann auf.
Wenn es denn nun die neuen Väter gibt, was ist mit den Müttern? Der Bildungs- und Familienforscher Wassilios Fthenakis hat 2002, also noch vor wenigen Jahren, herausgefunden, dass Väter selten allein mit dem Kind spielen. Meist täten sie es im Beisein der Mutter, und diese greife schnell ein, wenn der Vater aus ihrer Sicht Fehler im Umgang mit dem Kind mache. „Vereinbart das Elternpaar, dass der Vater allein mit dem Kind ist, hat er die Chanche, mehr Kompetenz zu erlangen, und eine sichere Bindung entsteht“, sagt Fthenakis.

Mütter würden gern subtil eingreifen, sagt auch Christoph Brandes. „Lass mich mal“, sei dann ein Ausdruck typischer mütterlicher Dominanz. Dahinter verstecke sich die Frage der Mütter: „Bin ich eine gute Mutter, wenn ich delegiere?“

Ungemein wichtig für die Vater-Kind-Beziehung sei zudem das Verhältnis zwischen den Ehepartnern nach der Geburt eines Kindes. „Männern ist der Austausch mit der Frau extrem wichtig“, sagt Brandes. Fühle sich der Vater durch Geringachtung gekränkt, zöge er sich von der Frau, aber auch vom Kind zurück. „Das ist bei Müttern eindeutig nicht so, Mütter stecken eine Menge an Beziehungsproblemen weg“, sagt Christoph Brandes.