Christliche Themen für jede Altersgruppe

Der Sprung ins neue Leben

Schulanfang – das ist einer der wichtigen Übergänge, die ein Kind in seiner Entwicklung leisten muss. Was in einem Kind alles geschieht, wenn der Wechsel vom Kindergarten in die Schule ansteht. Und was Eltern tun können, um diesen Übergang glücklich zu gestalten.

Bild: Pitopia

Lisa, 6, aus Villingen kann es kaum erwarten. Seit drei Wochen steht schon der schicke neue Schulranzen im Schottenmuster neben dem Schreibtisch in ihrem Kinderzimmer. „Natürlich komplett gepackt und vorbereitet, damit es sofort am ersten Schultag losgehen kann!“ erzählt ihre Mutter Elke, 36, und lacht dabei. „Nur ihr Schulbrot muss ich noch einpacken!“

Lisa  selbst kriegt rote Wangen, wenn sie erzählt, auf was sie sich alles freut: „Lesen will ich lernen, rechnen will ich auch lernen, mit den anderen Kindern malen!“ Diese drei Dinge fallen ihr als Erstes ein. Und dann noch etwas. Was ganz Wichtiges: „Ich bin dann ein Schulkind wie der Leopold. Und kein Kindergartenkind mehr!“ Leopold – das ist ihr großer Bruder. Der ist neun und kommt schon in die dritte Klasse. Ein ganz Großer! Und groß, das will Lisa endlich auch sein.

Die erste Initiation

Schulanfang – das ist einer der wichtigen Übergänge, die ein Kind in seiner Entwicklung leisten muss, wenn es glücklich aufwachsen soll. „Kindheit ist eine Zeit, die naturgemäß aus Entwicklungen, Übergängen und Umbrüchen besteht“, stellt der Tübinger Kinder- und Jugendpsychiater Prof. Dr. Gunther Klosinski fest. „Und solche Schritte bedeuten immer auch Anstrengung!“

Bis ein Kind zur Schule kommt, hat es schon eine Reihe solcher Anstrengungen unternommen. Die Geburt war die elementarste und erste dieser Anstrengungen. Die rasante Entwicklung der ersten beiden Jahre die zweite; das Finden des eigenen Ichs, bei Eltern zweifelhaft beliebt als sogenannte „Trotzphase“, bezeichnet ebenso einen solchen Übergang. Und schon einmal gibt es vor der Schule einen weiteren Übergang, der das Kind weg von der Mutter, weg von Zuhause führt, so wie es der Schulanfang dann besiegelt: Es ist der Besuch des Kindergartens.

Doch der Schulanfang hat im Unterschied zum Übergang in den Kindergarten für ein Kind noch eine weiterführende Qualität: „Es ist der erste wirkliche Schritt in die Welt der Erwachsenen“, erklärt Kinderpsychiater Klosinski. Denn im Kindergartenalter erleben Drei- bis Fünfjährige die Welt vor allem noch als Mysterium. „Kinder in diesem Alter eignen sich die Welt oft als phantastische Konstruktion an. Das ist nun beim Schulanfang anders: Sechsjährige betrachten die Welt unter einem bedeutend realistischeren Blick.“

Vom Mythos zur Realität

Der Schulanfang ist in ihrem Empfinden eine Schwelle, die sie in die Welt der Erwachsenen überschreiten. Denn ein Schulanfänger weiß im Gegensatz zu einem Kindergartenanfänger viel realistischer einzuschätzen, was ihn nun erwartet. Er hat gelernt, zwischen Phantasiewelt und Wirklichkeit zu unterscheiden. Und geht – bei aller Unsicherheit über das, was da nun genau auf ihn zukommen wird – mit klareren Erwartungen auf das Neue zu.

Viele Jahre lang hat eine These der Entwicklungspsychologie die Schulanfangs-Phase beherrscht. Sie hat manche Jahre lang Eltern und Pädagogen verunsichert. Diese These lautet ungefähr so: Kinder bildeten durch ihre spielerischen Aktivitäten bis zum Beginn der Schule eine Menge Verbindungen im Gehirn, sogenannte Synapsen. Diese vielfältigen Schaltungen jedoch gingen schlagartig zurück, sobald sie das formalisierte Lernen in der Schule beginnen würden: Mit dem Schulwissen gehe ein Großteil dieser Schaltungen, dieser Synapsen, wieder verloren, die schöpferischen Potenziale der vielen, früh gebildeten Möglichkeiten des Hirns verkümmerten. So weit die These.

Der Irrtum über die Einschulung

Doch was ist dran? Bremst der Schulanfang wirklich die angeblich bislang ungebremste Kreativität des kindlichen Hirns aus? Professor Klosinski weiß dazu Beruhigendes: „Die Vielzahl der Synapsen bildet sich im kindlichen Hirn innerhalb der ersten zwei bis drei Jahre, in denen Entwicklung besonders rasant verläuft. Wenn ein Kind in die Schule kommt, haben sich sogar schon viele dieser Synapsen wieder zurückgebildet, weil sie schlicht nicht häufig genug gebraucht wurden.“ Der Wissenschaftler stellt fest: „Dieser Prozess der Rückbildung der Verbindungen hat also mit dem Schulanfang selbst nichts zu tun!“ Schulanfang bedeutet also nicht das Ende der kindlichen Kreativität.

Schule heute anders – zum Glück!

Im Gegenteil: Grundschulen von heute haben nicht mehr viel mit den Unterrichtsformen zu tun, die Eltern von heutigen Schulkindern selbst noch zum Großteil erlebt haben.  „Die wichtigen Erkenntnisse von Maria Montessori und der Reformpädagogik bestimmen heute in fast allen Grundschulen den Alltag“, sagt Gunther Klosinski. „Und das macht den Übergang zwischen Kindergarten und Schule für Kinder und Eltern heutzutage bedeutend einfacher!“

Zu diesen fundamentalen Veränderungen in der Pädagogik der Grundschule von heute gehören unter anderem die Altersmischung in den ersten beiden Klassen, die Benutzung von anschaulichem Montessori-Material im Unterricht, die Abkehr vom Frontalunterricht hin zum Gruppenunterricht, der Verzicht auf Zeugnisse im Eingangsjahr und die wachsende individuelle Förderung von Kindern gerade in den Eingangsklassen der Grundschule. Schule von heute nimmt viel mehr Rücksicht auf die individuellen Begabungen und die persönlichen Neigungen der Schulanfänger als noch vor 30 Jahren.

Deshalb sollten sich die Schulanfänger des Jahres 2013 ganz besonders auf ihren ersten Schultag freuen. Genauso wie Lisa aus Villingen. Denn gefragt, auf was sie sich – neben dem Schreiben- und Lesenlernen – ganz besonders freue, antwortet sie mit einem verschmitzten Lächeln: „Auf die Schultüte natürlich!“

So klappt der Schulstart

➤ Achten Sie schon bei der Schulwahl darauf, dass der Schulweg für Ihr Kind gut zu bewältigen ist. Es sollte spätestens nach einem Jahr diesen Weg alleine zurücklegen können.

➤ Nehmen Sie Ihr Kind mit zur Anmeldung in der Schule. Machen Sie sich keine Sorgen, ob Ihr Kind einen  sogenannten guten Eindruck macht. Die Lehrkräfte sind geschulte Pädagogen und können auch damit umgehen, wenn Ihr Kind schüchtern oder unsicher reagiert.

➤ Gehen Sie vor dem Schulbeginn den Schulweg ab und unterstützen Sie Ihr Kind, den Weg bald selbstständig gehen zu können. Wenn es sich anbietet: Bilden Sie Gemeinschaften mit anderen Kindern oder Eltern.

➤ Denken Sie daran: Ihr Kind braucht spätestens jetzt eigenen Arbeitsplatz, an dem es seine Hausaufgaben machen kann.

➤ Versuchen Sie bitte, Ihre eigenen Abneigungen, Sorgen oder Ängste, die aus eigenen schlechten Schulerfahrungen herrühren können, nicht auf Ihr Kind zu übertragen.

➤ Machen Sie die Schule deshalb nicht zum Buhmann oder gar Angstfaktor. Vermeiden Sie solche Floskeln wie die vom „Ernst des Lebens!“, der jetzt angeblich beginnt.

➤ Geben Sie Ihrem Kind immer wieder Mut und Freude an dem, was es jetzt Neues macht.

➤ Laden Sie neue Freunde aus der Klasse zu sich nach Hause ein und machen Sie gemeinsam Hausaufgaben – das motiviert die Kinder.

➤ Richten Sie den Alltag der Familie darauf ein, dass am Morgen oder am Nachmittag nicht unnötig Hektik aufkommt.

➤ Halten Sie den Kontakt zu den Lehrern und der Schule insgesamt, besuchen Sie die Elternabende und Elternsprechtage.

➤ Bleiben Sie gelassen, wenn die Hausaufgaben anfangs nicht so funktionieren, wie Sie es sich vorstellen. Das pendelt sich im ersten Jahr ein.

Meinungsumfrage

Wollen Sie die Sommer- oder die Winterzeit behalten, wenn es keine Zeitumstellung mehr gibt?

Ergebnis anzeigen