Christliche Themen für jede Altersgruppe

Hammerschläge in der Kirche

STUTTGART-STECKFELD – Pfarrerin Daniela Reich und ihre beiden ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen feiern seit fünf Jahren Passionsandachten mit Kindern. Kindergarten- und Grundschulkinder sind eingeladen. Doch wie erzählt man den Allerkleinsten vom Leiden und Sterben Jesu? In Steckfeld heißt die Antwort auf diese Frage: mit viel Liebe und Kreativität. 

Emsig basteln die Kinder Holzkreuze. (Foto: Anna Görder)

Laute Hammerschläge hallen durch die Kirche. Ines Reichert, ehrenamtliche Mitarbeiterin in der evangelischen Steckfeldkirche in Stuttgart, nagelt mit kräftigen Schlägen ein Schild an das Holzkreuz. INRI steht darauf. Die Kinder blicken zum Teil mit offenen Mündern auf das, was da geschieht. „INRI, das ist die Abkürzung für: Jesus Christus, König der Juden. Auf Latein“, erklärt Ines Reichert. „Als König der Juden wurde Jesus ans Kreuz genagelt. Es war heiß, damals in Jerusalem. Und an ein Kreuz genagelt zu werden, das tut weh. Jesus leidet, er hat Schmerzen.“ Große Augen blicken Ines Reichert an. Es ist sehr still. Die Mitarbeiterin stellt das Kreuz an der Backsteinwand der  Kirche auf. Sie hängt ein schwarzes Tuch darüber. Dann singen alle gemeinsam: „Als Jesus gestorben war, strahlt in der Nacht kein Stern. Vorbei war die Freude. Da weinten alle Leute. Sie weinten um den Herrn.“ Und während sie vom Weinen singen, zeichnen sich alle mit den Fingern Tränen auf die Wangen.

Traudl und Ines Reichert, Mutter und Tochter, sind beide Religionslehrerinnen. Sie sind sich bewusst, dass die Leidensgeschichte Jesu für die Kinder eine Zumutung ist. „Aber das ist sie ja für uns auch“, sagt Traudl Reichert. „Natürlich gehen wir behutsam mit den Kindern um. Aber Glaube ist nun mal nicht nur Wohlfühlen.“ Und Pfarrerin Daniela Reich fügt hinzu: „Darum wollen wir ganz elementar erzählen, mit einfachen Symbolen. Und es ist für uns wichtig, dass die Eltern dabei sind und die Andacht miterleben. Die können zu Hause das Erlebte wieder aufgreifen.“

Die Passionsandacht hat mit einer Bastelaktion im Gemeindehaus begonnen. Aus zwei dünnen Zweigen und einem Bindfaden haben die Kinder kleine Kreuze gebastelt.

Als sich dann alle vor der Kirche treffen, mischt sich in das erwartungsvolle Murmeln Vogelgezwitscher und dann und wann das Dröhnen eines Flugzeugs. Der Stuttgarter Flughafen ist ganz in der Nähe. Tapfer singen Kinder und Erwachsene dagegen an: „Als Jesus gestorben war, strahlt in der Nacht kein Stern…“ Dann ziehen alle in die Kirche ein. Die Osterkerze brennt nicht. Einziger Altarschmuck ist eine einzelne, rote Rose. Ines und Traudl Reichert sowie Daniela Reich erzählen an mehreren Stationen Episoden aus der Passionsgeschichte.  Eine weiße Kanne und eine weiße Schüssel auf einem Tisch stehen dafür, dass Pontius Pilatus seine Hände in Unschuld waschen wollte, nachdem er Jesus zum Tode verurteilt hatte. Eine Dornenkrone und ein roter Mantel symbolisieren, dass die Soldaten Jesus als König der Juden verspottet haben. Und am Holzkreuz erzählt Daniela Reich, dass Simon von Kyrene Jesus geholfen hat, das Kreuz nach Golgatha zu tragen. Und das machen die Kinder dann auch: Eifrig tragen sie das Kreuz zur nächsten Station. Dort nagelt Ines Reichert dann das INRI-Schild ans Kreuz. Und zwischendurch singen sie alle immer wieder: „Als Jesus gestorben war, strahlt in der Nacht kein Stern…“

Als sie die Passionsandachten vor fünf Jahren begonnen haben, da waren nur fünf oder sechs Kinder dabei, erzählen die drei Frauen. „Und drei davon waren meine eigenen“, erinnert sich Ines Reichert lachend. „Wir wollten nicht immer nur die Weihnachtsgeschichte rauf und runter erzählen. Die Passion und das Osterfest sind auch zentrale Glaubensinhalte“, begründet Daniela Reich ihre Initiative. „Viele Eltern sind überfordert, ihren Kindern die Karfreitagsgeschichte selbst nahe zu bringen. Das war zumindest unser Gefühl. Da wollen wir sie unterstützen.“ Die Eltern nahmen das Angebot an. Jedes Jahr kamen mehr Familien dazu. An jeder der drei Passionsandachten in der Karwoche nehmen jetzt etwa 45 Kinder teil.

„Meine Kinder sind gar nicht getauft“, erzählt eine Mutter. „Aber ich will, dass sie die christliche Tradition kennenlernen. Das ist nun mal die Kultur, die hier gelebt wird.“ Und eine andere Mutter ergänzt: „Die machen das hier so schön. So einfach und kindgerecht. Als vorletztes Jahr mein Vater gestorben ist, da hat meine Lilli viel gefragt. Da waren wir auch hier. Und sie hat verstanden, dass nach dem Tod noch was kommt. Die Andacht hat uns beiden gut getan.“

Dass nach dem Tod noch was kommt, das erzählt Traudl Reichert an der letzten Station. Bunte Tücher liegen aus. „Maria und Johannes, der Freund von Jesus, trösten einander, nachdem Jesus gestorben ist. Sie erzählen sich, was sie mit ihm erlebt haben. Und sie merken: Jesus ist immer noch bei ihnen. Gott ist stärker als der Tod. Totes kann wieder lebendig werden. Sie können wieder ‚Halleluja‘ singen.“ Und das tun dann auch alle. Laut und kräftig schallt es durch die Kirche: „Halleluja, hallelu, halleluja…“ Dann fassen sich alle an den Händen und beten alle gemeinsam das Vaterunser. Zum Abschluss spricht Pfarrerin Reich den Segen. Der Kreis bricht auf. Lachend und rufend strömen die Kinder aus der Kirche.