Christliche Themen für jede Altersgruppe

„Kino im Kopf“ gilt auch für die Bibel

Kinder brauchen Bilder, wenn sie biblische Geschichten hören. Vor allem im Kindergottesdienst, aber auch zu Hause. Medien und ­Methoden ändern sich dabei rasant. Sich das Verhältnis von Bild und Bibel anzusehen, lohnt sich. 

Auf die Illustration von Büchern kommt es an. Gerade bei Geschichten für Kinder. (Foto: epd-Bild)

„Nein, Flanellbilder zur Bibel für den Kindergottesdienst haben wir schon seit Jahren nicht mehr im Programm. Sie werden ja kaum noch eingesetzt“, sagt Marit Pichotka vom Born Verlag und lacht. Ja, die farbigen Stoffbilder mit dem Klebestreifen auf der Rückseite haben sich bei ihr lange Zeit sehr gut verkauft.

Mit den zehn bis 15 Zentimeter großen Bildern ließen sich etwa die Hauptfiguren des Gleichnisses vom verlorenen Sohn auf einer stoffbespannten Tafel anheften und zu ganzen Szenen zusammenstellen. So sollten sie auch im Gedächtnis der Kinder besser „haften“ bleiben. Kritiker bemängelten, dass vor allem die aus Amerika stammenden, sehr realistisch gemalten Heile-Welt-Flanellbilder die Vorstellung der Kinder einengten.

Aber diese Zeiten sind längst vorbei. „Medien wie Dias oder Folienbilder haben die Flanellbilder schon lange verdrängt“, berichtet Ulrike Schnieder vom Verlag Ernst Kaufmann, dessen Flanellbilder zur Bibel von Reinhard Hermann die Vorstellung ganzer Generationen von Kindergottesdienstkindern geprägt haben dürften.

Auch wenn die Flanellbilder von damals und sogar die berühmten Bilderbücher und Dias zu biblischen Geschichten von Kees de Kort vielerorts aus der Mode gekommen sind, ist das Bemühen, biblische Geschichten zu veranschaulichen, in der Kinderkirche ein wichtiges Anliegen geblieben.

Fundament für alle Bilder sind aber nach wie vor die Texte: Auf gut erzählte Geschichten, die bei Kindern und Erwachsenen „Kino im Kopf“ erzeugen, will deshalb zum Beispiel Pfarrerin Adelheid Neserke vom Verband für Kindergottesdienst der Westfälischen Kirche keinesfalls verzichten.

Denn schließlich stammen viele Texte der Bibel aus mündlicher Überlieferung, und eine Erzählung kann ein fesselndes Kunstwerk sein, das die Vorstellung beflügelt und Emotionen weckt. Trotzdem: Die Visualisierung von Geschichten wird zunehmend wichtig. Denn Erkenntnisse der Hirnforschung besagen: Wir behalten und lernen besser, wenn wir nicht nur hören, sondern auch sehen.

Für Kristi Greier, Theologische Referentin des Kindergottesdienstverbandes in der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), spielt der Sehsinn eine große Rolle: „Der Mensch ist ein Augenwesen. Was wir hören und sehen, bleibt einfach länger im Gedächtnis“. Zugleich sorgt die bildliche Darstellung des Erzählten für Präsenz und Vertiefung des Erzählten.

„Bild schlägt Wort“, sagt auch Christiane Zimmermann-Fröb, Referentin für Kinderbibelwochen in der Evangelischen Kirche im Rheinland. Die Bilder, die eingesetzt werden, sollten aber „im Idealfall Raum lassen, damit eigene innere Bilder entstehen können, findet sie. „Je einfacher und elementaren die Bilder sind, desto besser.“

Genau darauf setzt das Sprechzeichnen, eine von dem Künstler Helmut Uhrig entwickelte erzählbegleitetende Methode, Während erzählt wird, entstehen am Tageslichtschreiber oder am Flip Chart szenische Bilder aus einfachen Strichfiguren. Das sorgt bei Zuhörern und Zuschauern zumeist für gespannte Aufmerksamkeit und nicht selten für atemlose Stille. Die Darstellungen sind aufs Wesentliche reduziert und haben hohen Symbolgehalt. Beim Zeichnen kommt es nicht auf Detailreichtum oder die künstlerische Begabung des Erzählenden an, wohl aber auf eine sehr gründliche Verbreitung der Erzählung und der „Glyphen“, wie Erfinder Uhrig seine Prototypen nennt. Im Anschluss an die Erzählung bieten die entstandenen Bilder dann Gelegenheit, zu einzelnen Aspekten noch einmal ins Gespräch zu kommen.

Großer Beliebtheit erfreuen sich im Kindergottesdienst die biblischen Erzählfiguren. Doris Egli erfand sie in den 60er-Jahren, um ihren eigenen Kindern biblische Geschichten nahezubringen. Heute werden die etwa zwischen 30 und 50 Zentimeter hohen beweglichen Figuren, mit denen sich Stimmungen und Körperhaltungen darstellen lassen, auch in der Erwachsenenbildung, in der Psychotherapie, in der Familientherapie, und in der Senioren- und in der Hospizarbeit eingesetzt.

Sibille Wahl vom Arbeitskreis „Egli-Figuren“, bietet seit etlichen Jahre Kurse an, in denen die Teilnehmenden die Erzählfiguren selbst herstellen können. Zugleich können sie üben, die Figuren so in Szene zu setzen, dass die innere Dramatik einer Geschichte deutlich wird. Kinder dürfen mit den biegsamen Figuren aus Sisal-Draht, die bewusst keine Gesichter haben, selbst agieren. Denn das Anfassen hilft beim Erfassen und Begreifen. Die Kinder dürfen und sollen die Szene verändern, die beim oder nach dem Erzählen entsteht. So können sie Geschichten weiterspinnen und mit den Figuren einen möglichen Fortgang der Geschichte darstellen. Gefühle, die die Geschichte weckt, können die Kinder ausdrücken, indem sie die Körperhaltung oder die Stellung der Figuren in einer Szene umformen. 

Längst geht es bei der Visualisierung von biblischen Geschichten nicht mehr nur darum, mit Hilfe von Bildern einen „Anker“ für die Erinnerung zu schaffen. Natalie Ende, Pfarrerin für Kindergottesdienst in der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, hält es für wichtig, dass jedes „Ins-Bild-setzen“, einen Raum dafür öffnet, dass Kinder selbst „theologisieren“ und ihren eigenen Zugang zu dem Erzählten finden. Wichtig: Dabei gibt es kein Richtig oder Falsch.

Der Reformpädagoge Franz Kett, dem es auch in der Religionspädagogik um einen ganzheitlichen, sinnorientierten Weg von Erziehung und Bildung geht, entwickelte für die Begegnung mit biblischen Geschichten die Arbeit mit Legematerial. Dabei gestalten die Kinder allein oder mit dem Erzähler oder der Erzählerin gemeinsam große Bodenbilder zu einer Geschichte. Verwendet werden können dazu Naturmaterialien, Steine oder Spielzeugfiguren. Kett ist es wichtig, dass Kinder mit allen Sinnen lernen. Er knüpft dabei an ihre Fähigkeit an, jederzeit aus einem Seil eine Schlange oder aus einem Karton ein Fahrzeug oder aus einem Korken eine Person zu machen.

Das Bebildern mit Legematerial soll den Kindern breiten Raum geben, Freude am Spielen zu entwickeln. Ehe sie eine Geschichte gestalten, haben sie aber Gelegenheit, sich mit den vorhandenen Materialien vertraut zu machen, zu sagen, was sie sehen, fühlen oder riechen. Beim Entstehen des Bildes entwickeln sich dann Gespräche, Fragen und Emotionen zur Geschichte, die erzählt wird.

„Wenn Gefühl und Leidenschaft ins Spiel kommen, dann lernt der Mensch.“ Das erlebt Pastorin Christiane Zimmermann-Fröb immer wieder, wenn sie biblische Geschichten mit dem aus der Sonntagsschule in den USA stammenden Konzept „Godly Play“ vermittelt. Die Methode stellt sich bewusst „in die Tradition der mündlichen Überlieferung lebensdeutender christlicher Geschichten“ und geht davon aus, dass schon Kinder spirituelle Wesen sind, die eine religiöse Sprache brauchen, um ihre Gedanken Empfindungen und Gedanken auszudrücken und sie mit ihren Leben zu verknüpfen.

Die Methode geht so: In der ersten Phase hören die Kindern ganz konzentriert zu. Sie sitzen dabei im Kreis. Und die Geschichte aus der Bibel wird zunächst in möglichst einfacher Sprache erzählt. Unterstützt wird die Erzählung durch bewusst eingesetzte Gestik und Mimik des Erzählers, der parallel zum Erzählen mit speziellen Holzfiguren auf dem Boden eine Szene entstehen lässt. Im anschließenden „Ergründungsgespräch“ sind die Kinder eingeladen, frei ihre Gefühle und Gedanken zu der Geschichte, die sie zuvor gehört haben, zu äußern.

„Was ist dir das Liebste an der Geschichte? Welcher Teil ist dir der Wichtigste? Gibt es einen Teil der Geschichte, der etwas von Euch erzählt?“, sind Schlüsselfragen für das Gespräch, in dem jede Äußerung ohne Bewertung stehen gelassen wird.

In einer sich anschließenden Phase des freien Lernraums, die sich an die Montessori-Pädagogik anlehnt, können sich die Kinder kreativ betätigen: Die Geschichte mit dem umfangreichen Material von Godly Play nachspielen, malen, Bilder entdecken – ganz wie sie mögen. Zum Schluss gibt es dann ein kleines Fest mit Essen und Trinken – und Schlusssegen.

Für Kristi Greier ist es entscheidend, dass jeder Erzähler eine Methode nutzt, die zur eigenen Person und zur jeweiligen Geschichte passt. Sie freut sich darüber, dass vor allem jüngere Mitarbeiter im Kindergottesdienst kreative Wege finden, um Kindern die alten und immer noch aktuellen biblischen Geschichten zu erzählen – und wenn es auch mit Hilfe von I-Pad- oder Power Point-Präsentationen ist. Dass es sogar einen Erzähler gibt, der biblische Geschichten mit Obst und Gemüse ins Bild setzt, ist für sie nur ein Beispiel dafür, wie vielfältig und lebendig die Bemühungen sind, Glauben anschaulich und erlebbar zu machen. Nicht nur für Kinder.


Susanne Jasch
Die Kinder-Festtags-Bibel
Deutsche Bibelges.
12,90 €