Christliche Themen für jede Altersgruppe

Mit sich ins Reine kommen

Ordnung ist das halbe Leben, oder? Das gilt vor allem für Familien. Doch gerade wo Kinder im Haus sind, wächst die Unordnung wie von selbst. Und manchmal wächst sie einem über den Kopf. Wie schafft man es dann, wieder Struktur ins Leben zu bringen? Es gibt Menschen, die wissen da Rat.  


Jedes Ding braucht seinen Platz. Und was keinen Platz findet, muss raus. Dieser Tipp hilft beim Ordnung schaffen. (Foto: epd-Bild)


Wer immer wieder lange nach Dingen und Dokumenten suchen muss, weiß, wieviel Nerven und Zeit das kostet. Und nicht selten auch Geld, wenn etwa verlegte Rechnungen oder Versicherungen nicht pünktlich bezahlt werden können, weil sie unter irgendeinem Stapel verschollen sind. Nicht selten werden auch Haushaltsgegenstände, Geräte oder Kleindung doppelt gekauft, weil sie einfach nicht dort sind, wo ihre Besitzer sie „eigentlich“ vermuten.

Gudrun Martineau unterstützt daher Menschen, die – aus welchen Gründen auch immer – nicht in der Lage sind,  keine Zeit oder keine Lust haben, in ihrem Haushalt Ordnung herzustellen und zu halten. Ordnen, Organisieren und Archivieren ist seit vielen Jahren die Profession von Gudrun Martineau, die als gelernte Fotodesignerin einen Blick für klare Linien, Strukturen und Ästhetik mitbringt.

Ehe sie mit ihrem „Büro für Ordnung und Struktur“ vor zwei Jahren den Schritt in die Selbstständigkeit wagte, hat sie viele Jahre lang in einem Archiv  gearbeitet. Dort hat sie jede Menge Erfahrung beim Sichten von Dokumenten gesammelt und kann schnell einschätzen, was es wert ist, aufgehoben zu werden, Und sie weiß, wie es so aufbewahrt werden kann, dass es ohne lästige Sucherei schnell zur Hand ist.

Die Lust an einem aufgeräumten Lebensumfeld gehört schon seit Kindertagen zu ihr. „Manchmal habe ich meine Mutter damit zur Verzweiflung gebracht“, erinnert sie sich lachend. Aber keine Angst: Gudrun Martineau ist kein Putzteufel und kein Fan steriler, seelenloser Ordnung, in der alle Dinge in Reih und Glied stehen müssen. „Ich halte eine Grundordnung für wichtiger als ständiges Putzen. Bei mir liegt auch schon mal eine Zeitung rum“, sagt sie.

Auf die Frage, woran man denn Ordnung erkennt, hat sie eine verblüffend einfache Antwort: „Wenn ich das finde, was ich gerade brauche. Wenn ich nicht erst aufräumen muss, um das zu beginnen, was ich mir gerade vorgenommen habe. Ordnung haben macht Spaß.“ Und wie schafft man diese Ordnung? Nach Gudrun Martineau funktioniert das ganz einfach: „Jedes Ding braucht seinen festen Platz – und jedes Ding wird nach Gebrauch umgehend an diesen festen Platz zurückgelegt.“

Das klingt einfach – und funktioniert mit etwas Training verblüffend gut. Und es zeigt sich, dass der alte Spruch „Ordnung ist das halbe Leben und die andre Hälfte auch“ gar nicht stimmt. Wer auf- und ausgeräumt hat, kann die „andere Hälfte“ des Lebens genießen. Vielleicht auch deshalb, weil es im aufgeräumten Umfeld leichter fällt, auch mit sich selbst „ins Reine“ zu kommen. Innere und äußere Ordnung hängen doch irgendwie zusammen.

Die eigene Vorstellung von wichtig, schön und ordentlich stülpt Gudrun Martineau niemandem über. Und sie bekommt auch nicht – wie von Kunden gelegentlich befürchtet – „einen Schlag“, wenn sie in Wohnungen oder Büros gerufen wird, in denen ein anscheinend „heilloses“ Durcheinander herrscht. Denn man muss keineswegs ein „Messi“ sein, damit die „Zuvielitis“ um sich greift: Schleichend füllen sich im Laufe der Jahre Schränke, Regale, Keller, Garage und Speicher mit Dingen, die vielleicht einmal nötig, schön und wichtig waren, die aber jetzt „eigentlich“ nicht mehr gebraucht werden: Der eigene Geschmack oder die Mode haben sich geändert, man hat sich von Schnäppchenpreisen zu Fehlkäufen verleiten lassen, die Kinder sind ausgezogen, haben aber vieles „erst mal“ zu Hause dauergeparkt. Die technische Entwicklung ist weiter gegangen, man kann sich aber vom guten alten Tintenstrahldrucker, Disketten, Kassettenrecorder oder der Rollfilmkamera nicht trennen, obwohl längst die Nachfolgegeräte Einzug gehalten haben. „Und wer weiß“, so fragen sich vor allem Menschen, die die Mangelzeit der Kriegs- und Nachkriegsjahre erlebt haben, „ob man das nicht doch noch mal braucht.“

Loslassen, entschlacken, durchforsten und Ballast abwerfen könnte wieder Luft zum Atmen schaffen und Lust auf Neues wecken. „Wir fegen doch auch das Herbstlaub weg, damit die Krokusse und Schneeglöckchen Luft und Platz zum Wachsen haben“, meint Gudrun Martineau.

Den traditionellen Frühjahrsputz, den sie früher eher belächelt hat, hält sie inzwischen für gar keine schlechte Idee. Wenn da nicht bei vielen Menschen die Hürde wäre, überhaupt anzufangen! Wenn da nicht Erinnerungen und Emotionen wären, die mit so manchem „Stehrümmchen“, Souvenir oder Geschenk verbunden sind. Und wenn man nicht für manches viel Geld bezahlt hätte.

Gudrun Martineau kennt alle diese Loslass-Verhinderungs-Mechanismen. Wie sie damit umgeht? Ganz einfach. Sie stellt Fragen. Etwa: „Was soll mit dieser Vase, der eine Ecke fehlt, werden? Gefällt Ihnen dieser Gegenstand (noch)? Passt dieses Kleidungsstück? Wo hat dieser Gegenstand seinen Platz? Wann haben Sie das zum letzten Mal benutzt?“ Ihre Erfahrung zeigt, dass das Loslassen in Begleitung gut funktioniert. Besser als wenn etwa Angehörige mit unüberhörbarem Unterton vorschlagen, „das alte Ding“ doch gefälligst zu entrümpeln. In jedem Fall sind ihre Fragen aber auch fürs Durchforsten in Eigenregie durchaus hilfreich.

Gudrun Martineau vermeidet das Wort „entrümpeln“, denn es entwertet die Dinge. Sie spricht lieber von loslassen. Etwas loszulassen und sich von Dingen zu verabschieden, muss nicht heißen, dass alles umstandslos in die Tonne wandert. Warum nicht eine Kiste mit Ausrangiertem zur Selbstbedienung für Mitmieter in den Flur stellen? Sozialkaufhäuser, Wohlfahrtsverbände, Kleiderkammern und Basare nehmen gut erhaltene Kleidung, Möbel und Gebrauchsgegenstände an. Womöglich lohnt sogar ein eigener Flohmarktstand für Bücher? Gudrun Martineau erlebt zudem, wie befreiend es sein kann, sich von Gegenständen zu verabschieden, die mit negativen Erlebnissen oder Erfahrungen verbunden waren.

Wer einmal Ballast abgeworfen hat, entdeckt vielleicht die Vorzüge eines Lebens mit leichtem Gepäck. Denn, so Gudrun Martineau: „Weniger ist manchmal mehr.“ Sie plädiert dafür, lieber weniger aber hochwertigere Dinge zu kaufen. „Geiz ist geil, dieser Slogan ist einfach fürchterlich. Wir sollten wieder lernen, genussvoll zu konsumieren und für weniger gute Dinge auch mehr zu bezahlen. Das schont die Umwelt und tut uns in der Seele gut“, sagt sie und fügt hinzu: „Und es hat den schönen Nebeneffekt dass sich mit weniger schönen hochwertigen Dingen auch leichter Ordnung halten lässt.“

„Ein Totenhemd hat keine Taschen“, auf diese einfache Wahrheit bringt der Volksmund die Tatsache, dass „niemand etwas mitnehmen kann“. Wer davor die Augen nicht verschließt, ordnet seinen Nachlass rechtzeitig. Urkunden und Verträge, Versicherungen und Verbindlichkeiten, Testament, Fahrzeugpapiere, Konten, Pins, Passwörter und Vollmachten, alles sollte so gesichtet und geordnet werden, dass sich Angehörige gut zurecht finden können. Den Nachlass ordnen, das bedeutet aus Gudrun Martineaus Sicht keineswegs, mit dem Leben abgeschlossen zu haben. „Denn Ordnung ist kein Selbstzweck. Sie dient dem Leben.“