Christliche Themen für jede Altersgruppe

Mit Wunden weiter atmen

Wenn Kinder von ihren Eltern getrennt werden oder zur Adoption frei gegeben werden, dann geht das nicht spurlos an ihnen vorüber. Wie sehr sich solche Erfahrungen in die Seele brennen, zeigt ein prominentes Beispiel: Der Flötenspieler Hans-Jürgen Hufeisen wurde von seiner Mutter ausgesetzt. Aber er verwandelte seine Wunde in eine Gabe. 

Mit seinem Atem macht Hans-Jürgen Hufeisen Musik. Als Baby wäre ihm der Atem beinahe gestockt. (Foto: epd-Bild/Gerhard Bäuerle)

„Eine Ahnung, ja“, sagt er heute. Was ja auf der Hand lag, war, dass er in einem Kinderheim lebte. Fast 14 Jahre lang in einer Gruppe mit 12 bis 14 Kindern. Und natürlich fiel ihm auf, dass die anderen Kinder einmal im Monat von ihren Eltern abgeholt wurden. „Ich war ein Kind, das nie abgeholt wurde“, erinnert er sich. Im Alter von sieben Jahren wagte er daher die Frage zu stellen, warum das so sei. Und er erhielt eine ehrliche Antwort: Seine Erzieherin, Schwester Erna, erklärte ihm, dass er zwar eine Mutter habe, sie ihn aber zur Adoption frei gegeben habe. „Jetzt hat sie mir das Wort Adoption erstmal erklären müssen“, erzählt Hufeisen. „Das heißt, es gibt für dich – wenn wir sie finden – neue Eltern. Und dann habe ich damals ganz klar gesagt: Das möchte ich doch gar nicht“, erinnert sich der heute 60-Jährige. Denn das Heim sei schließlich sein Zuhause gewesen.

Auch die Suche nach Adoptiveltern hinterließ Spuren in der Kinderseele des kleinen Hans-Jürgen. Vier Mal sei er in einen Raum geführt worden. Er kam sich vor wie in einem Zoo, die potenziellen Eltern gingen um ihn herum, betrachteten ihn. Zum Glück, so sagt er heute, sei seine Erzieherin immer dabei gewesen. „Sie nahm mich an der Hand und wir gingen gemeinsam rein. Das war meine Anwältin.“ Später hat Hans-Jürgen Hufeisen die vielen Berichte gelesen, die über ihn verfasst worden waren. Darin las er zum Beispiel, dass er adoptionswürdig gewesen sei, aber nicht adoptionsfähig. Warum?

„Meine Fähigkeiten lagen brach“, stellt  er fest. In der Schule war er überhaupt nicht gut. Auch körperlich sei er „überhaupt nicht weit entwickelt“ gewesen. Wenn man dies Jahre später schwarz auf weiß lese, sei das nicht einfach, gibt er zu.

Hans-Jürgen Hufeisen hat dadurch eigentlich zwei Traumata erlebt: Zum einen hat seine Mutter ihn weggegeben. Und dann erfuhr er: Auch andere Eltern wollen ihn nicht. Stürzt man da nicht ins Bodenlose? „Nein“, sagt Hufeisen. Denn das Kinderheim habe gleichzeitig dafür gesorgt, „dass ich mich anders finden kann“. Und dieses Finden fand durch die Flöte statt. „Man hat mir Flötenunterricht ermöglicht.“ Und die Flöte fing seine Seele auf.

„Ich war ein sehr schüchternes zurückgezogenes Kind“, erinnert er sich. Häufig sei er zu seinem Bett gegangen und habe sich zurückgezogen. „Meine Mutter will mich nicht“: Diese Erfahrung habe ihn nicht im Verstand beschäftigt. „Das ging in die Seele und pflanzte sich ganz leise fort.“ Aber: Hans-Jürgen Hufeisen ist nicht daran zugrunde gegangen. Vielleicht auch deshalb, weil in seinem Heim so viel an pädagogischem Programm geboten war. Und weil das Heim ihm half, über seine Hürden hinwegzukommen.

Auf der so genannten Hilfsschule lernte er mit spielerischen Mitteln besser zu sprechen und zu rechnen. Er wurde in Deutsch und Mathematik besser. Nach knapp drei Jahren durfte er zur Hauptschule zurück. Und er erhielt Flötenunterricht. Aber auch das war eine Annäherung aus der Angst und nicht die große Befreiung, wie man aus der Rückschau vermuten könnte. „Ich habe das gar nicht so hingekriegt, die Finger, die Luft und die Zunge zu koordinieren, erinnert sich Hufeisen.

Aber seine Erzieherin habe das sofort begriffen. Sie ging mit ihm in den Wald und ließ ihn Geräusche nachahmen oder ließ ihn nur mit der Fingerkuppe die Löcher berühren. „Das ist, wenn ich es heute betrachte, die angstfreie Begegnung mit einem Instrument“, beurteilt Hufeisen diese Pädagogik. „Ich lernte das Instrument nicht als etwas Hochstehendes, Fremdes, sondern ich lernte, die Flöte zu ertasten. Ich hatte keine Angst, daneben zu tippen oder zu laut zu sein.“

Das tat dem Jungen gut. Er lächelte öfter. Deshalb bekam er Einzelunterricht in einer Musikschule. Und irgendwann merkte er, dass er damit etwas ausdrücken kann. Er lernte sehr schnell zu improvisieren. Jede Stunde begann mit einer Improvisation. Zum Beispiel hieß es: Was fällt dir zum Thema „Rot“ ein? Dann gab ihm die Lehrerin fünf Töne vor.

In seinem 25. Lebensjahr hat er seine Mutter zum ersten Mal getroffen. Von ihr wusste er nur, dass sie ihn im Hotel geboren hatte und weitergereist war. Wie die Umstände seiner Geburt wirklich waren, das erfuhr Hans-Jürgen Hufeisen vom Sohn des schon verstorbenen Hoteliers, der ihn unter einer Decke gefunden hatte. Dann kam er in ein Säuglingsheim. „Dieses Wissen hat in mir so viel ausgelöst“, sagt er. Was, das könne er gar nicht beschreiben. Warum hat sie das getan? Mit dieser Frage ist er dann immer auf seine Mutter zugegangen. „Und auf diese Frage habe ich keine Antwort bekommen. Sie hat sie mit ins Grab genommen.“

Es ist die Schlüsselstelle. Anselm Grün benennt in Hufeisens Biographie an dieser Stelle die Gefahr des Erstickens. Und fügt hinzu, dass dieser Mangel an Atem seinen Beruf geradezu habe bestimmen müssen. Und Hufeisen bestätigt: „Ich wurde Flötist. Ich musste mit meinem Atem umgehen.“ Die Verletzung hatte eine Chance, in Perlen verwandelt zu werden, wie Grün es formuliert. Das Thema Dunkelheit, das Hufeisen oft beschäftigt, verwandelt sich in Licht. Deshalb möchte Hans-Jürgen Hufeisen eines weitergeben: „Dass man mit Verletzungen umgehen kann, dass man sie als Lebensbegleitung dabei hat, aber dass man trotzdem positiv als Mensch in den Tag hineinleben kann.“


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