Christliche Themen für jede Altersgruppe

Noch einmal ein Blick zurück

Wer nach dem Tod der eigenen Eltern deren Wohnung auflöst, muss nicht nur darüber entscheiden, was mit liebgewonnenen Dingen geschieht. Das Sortieren und Ausräumen ist auch eine Reise rückwärts ins Leben der Eltern – und eine Gelegenheit, Frieden zu schließen. 


Den alten Sessel noch einmal ausprobieren, einen Blick aus dem Fenster des Elternhauses werfen. (Foto: Franziska Feinäugle)


Dass die hinterbliebenen erwachsenen Kinder alles wohlgeordnet vorfinden, ist eher selten der Fall. Aber es kommt vor. Da weiß ein Vater um die Rivalität zwischen seinen beiden Töchtern und bereitet alles minutiös vor, legt fest, wer was bekommt, bespricht es mit den beiden und hinterlässt nach seinem Tod vorbildlich sortierte Ordner. Da schnürt eine Mutter all die Briefe, die sie im Lauf ihres Lebens von ihren Kindern bekommen hat, zu sauberen Bündeln zusammen, für jedes Kind das eigene Bündel. Aber das sind die Ausnahmen.

Meistens haben die erwachsenen Kinder „einen riesigen Berg vor sich“, fasst es Christina Erdkönig zusammen. Vielen aus der Elterngeneration steckten noch die Kriegserfahrungen in den Knochen, oft pflegten sie ein Leben lang die Angewohnheit, Dinge zu horten. „Ich war erstaunt, wie ausgeprägt das ist“, bekennt die 43-Jährige: Einer ihrer Interviewpartner fand die große Villa seiner verstorbenen Mutter voller Hunderter von Plastiktüten vor, es waren so viele, dass sie selbst den Zugang zu ihrem Bett versperrten.

In den Tüten war kein Müll, sondern Gehortetes: zum Beispiel zehn Paar Feinstrumpfhosen, gekauft, als sie im Angebot waren. Auf einen anderen Sohn wartete gleich die doppelte Arbeit: Im ersten Stockwerk des Elternhauses war die Wohnung der Eltern auszuräumen, im zweiten Stockwerk die Wohnung der Großeltern, die schon seit 20 Jahren tot waren. Seine Eltern hatten dort nichts aufgeräumt und nichts verändert – sogar die Schnapsflaschen standen noch im Schrank wie damals.

Spätestens, wenn man mit der Arbeit anfängt, stellt man fest, dass nicht nur das bewältigt werden will, was man mit eigenen Augen vor sich sieht. „Natürlich weiß man, dass das körperlich anstrengend wird“, sagt Christina Erdkönig, die zusammen mit ihren beiden Schwestern das Haus ihrer Kindheit im Raum Stuttgart zu räumen hatte. „Aber ich bin dann ganz weggetaucht in diese Zeit.“

Die Schwestern fanden Briefe, die der Vater an seine erste große Liebe geschrieben hatte. „Ich habe sie gar nicht ganz zu Ende gelesen“, erinnert sich die 43-Jährige an die Ehrfurcht vor den Schriftstücken, die ein bis dahin unbekanntes Kapitel ihres Vaters verkörperten. Der Vater – wie war er eigentlich, und wie war sein Leben mit der Mutter? „Mit meiner einen Schwester habe ich dann noch viel über die Beziehung unserer Eltern gesprochen“, sagt Christina Erdkönig. „Die Dinge stoßen einen auf die Vergangenheit oder auf die Familiengeschichte.“

Das ist nicht immer angenehm. Eine der Gesprächspartnerinnen aus ihrem Buch fand beim Aufräumen Aufzeichnungen ihrer Mutter, die im Alter ihre Lebenserinnerungen notiert hatte. Dort war auch angedeutet, dass ihr im Krieg russische Soldaten Schlimmstes angetan hatten. Neben Mitgefühl kann bei solchen Entdeckungen auch Wut und Zorn hochkommen: „Sie war enttäuscht, dass ihre Mutter ihr das nie erzählt hatte“, berichtet Christina Erdkönig. Es braucht seine Zeit, auch solche nichtmateriellen Dinge einzusortieren. Wer sich diese Zeit nimmt und achtsam mit seinen Gefühlen umgeht, für den kann das Ausräumen eine Chance sein, Frieden mit Vergangenem zu schließen.

Manche Gefühle hätte ein Sohn am liebsten zusammen mit dem kompletten Mobiliar in den Container geworfen: Sein Verhältnis zum Vater war extrem schwierig. „Das Haus verkörperte für ihn den Vater – er wollte das loswerden“, fasst Christina Erdkönig zusammen. Seine Schwester bremste ihn aus, er selbst aber konnte nicht verstehen, dass sie an alledem so hing: an dem abgewetzten Sessel, dem alten Stoff. Christina Erdkönig hingegen kann das sehr gut verstehen. Die Gegenstände, mit denen die Eltern gelebt haben, haben für die Kinder manchmal so viel mit den Eltern zu tun, „dass man am Anfang das Gefühl hat, die Gegenstände sind die Mutter“, beschreibt die 43-Jährige diese Empfindung.

So war es zum Beispiel mit dem Kräuterlexikon ihrer Mutter, auf das keine der drei Schwestern verzichten wollte: „Das wollten alle haben.“ Oder der Rucksack, mit dem der Vater eine Pilgerreise nach Santiago de Compostela gemacht hatte. „Der war bei meinen beiden Schwestern sehr begehrt.“ Auch das Akkordeon der Mutter war einer dieser Gegenstände, über die sich die Geschwister gar nicht gleich einig werden konnten, so viele Gefühle waren damit verknüpft.

Am Ende fanden die drei Schwestern in all diesen Fällen eine gute Lösung. Und merkten dann recht bald, dass die Erinnerungsstücke nicht immer halten, was man sich von ihnen verspricht. „Wenn man die Gegenstände aus dem Elternhaus mitnimmt und bei sich unterbringt, sind sie entzaubert“, ist Christina Erdkönigs Erfahrung. „Man muss lernen, dass die Erinnerung im Herzen weiterlebt.“

Aber wohin mit all den Dingen, die man nicht selbst behalten kann oder will – und die den Eltern doch etwas bedeutet haben? „Die meisten wollen, dass es nochmal verwendet wird“, weiß die Autorin. Was noch intakt ist, wird zum Roten Kreuz, zum Diakonieladen gebracht oder anderweitig weiter verschenkt. Eine Tochter gab die Stoffreste, die ihre Mutter gesammelt hatte, dem Kindergarten ihres Sohnes zum Basteln.

Manches wird schließlich tatsächlich als Gerümpel enden, so weh es vielleicht tut. Hier lässt sich lernen, dass Loslassen auch befreiend sein kann. „Man befreit sich auch von den Altlasten der Eltern“, sagt Christina Erdkönig – und erzählt von ernüchternden Erkenntnissen ihrer Interview-partner: Für den Perserteppich, für den seine Eltern 10.000 Mark gezahlt hatten, bekam ein Sohn noch ein paar hundert Euro, ein anderer verkaufte den 8000-Mark-Nerz der Mutter für 30 Euro an einen Secondhand-Laden.

Information

„Loslassen und Leben aufräumen – Was mit uns geschieht, wenn wir die Wohnung unserer Eltern auflösen“ heißt das Buch, das Christina Erdkönig geschrieben hat. (Kreuzverlag 2014, 160 Seiten, 14,99 Euro. ISBN 978-3-451-61248-0)

Die Autorin ist am 30. September um 19 Uhr im Hospitalhof Stuttgart zu Gast, am 21. Oktober um 19 Uhr in der Stadtbücherei Stuttgart-Vaihingen, am 10. November um 19 Uhr in der Begegnungsstätte der Gemeinde Ammerbuch bei Tübingen und am 25. November um 19.30 Uhr im Kulturzentrum Ludwigsburg.

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