Christliche Themen für jede Altersgruppe

Scheiden tut weh

Früher war es der Tod, der ein Paar schied. Heute lässt sich in Deutschland jedes zweite Paar mitten im Leben scheiden. Wie die Kinder das verkraften, hängt stark davon ab, wie erwachsen sich die Eltern in und nach dieser Krise verhalten. Ein junger Mann erzählt seine Geschichte. 

Nestwärme suchen nicht nur Storchen­kinder, sondern alle Kinder dieser Erde.
(Foto: Franziska Feinäugle)

Martin Brendle ist elf, als sich sein Kinderleben schlagartig ändert: Sein Vater sagt ihm, dass die Mutter und er sich trennen. Mit welchen Worten der Vater es ihm mitgeteilt hat, weiß der heute 27-Jährige nicht mehr. Aber er erinnert sich noch, dass das damals für ihn aus heiterem Himmel kam. Und dass eine Welt zusammenbrach.

Geschwister hat Martin Brendle (Name geändert) nicht. Aber damals, als all das über ihn hereinbricht, hat er trotzdem eine Art Bruder, sogar einen, der schon Erfahrungen hat mit all den Gefühlen, durch die Martin jetzt geht: „Ich war damals immer wieder in Tagespflege, weil meine Eltern beide gearbeitet haben“, berichtet der 27-Jährige. „Das Kind der Tagesmutter ist mein bester Kumpel, der ist für mich wie ein Bruder.“

Dieser Quasi-Bruder ist vier Jahre älter als er, und er kennt ihn, seit er als einjähriges Kind in dessen Familie kam. „Das war der, mit dem ich reden konnte. Auch ein Scheidungskind.“ Dem kann der Elfjährige damals erzählen, was ihn bewegt, was ihn schmerzt, „was halt gerade blöd läuft. Eben einfach reden.“

Die neuen Rahmenbedingungen für Martins Leben sind von den Eltern bereits ausgehandelt: „Dass ich bei der Mutter bleibe und der Vater im Ort wohnen bleibt.“ Mittwochmittags und jedes zweite Wochenende geht er zum Vater.“ Durch die räumliche Nähe ist das alles unkomplizierter als bei anderen Scheidungskindern. Es ist auch nicht das Fehlen eines Elternteils, was Martin Brendle quält. Das Problem ist, dass da schon jemand Neues ist, der für ihn noch nicht in die Familie gehört. Es ist der neue Mann, mit dem seine Mutter jetzt zusammen ist, der Mann, der zugleich der Anlass fürs Auseinandergehen der Ehe ist.

„Den Neuen mag man nicht“, gibt Martin Brendle zu. „Die Absprache war eigentlich, dass meine Mutter mich so langsam an den Neuen gewöhnt – aber eine Woche nach dem Auszug von meinem Papa ist er eingezogen.“ Daher war der sichere Anlaufhafen natürlich beim Vater, wo noch keine Neue ist. Deshalb kann er mit seinem Vater über alles reden, mit der Mutter nicht.

Wer ihn damals getröstet hat? Die Antwort des 27-Jährigen überrascht. „Naja, wirklich getröstet? Ich fand das in dem Moment nicht ganz so schlimm. Man kann damit schon umgehen“, sagt er. „Es sind ja trotzdem alle Leute da. Und auch alle in einem Ort. Und alle zu Fuß erreichbar.“

Er gewöhnt sich daran, damit zu leben. Und freundet sich mit zwei Mitschülern an, die sein Schicksal teilen: auch Scheidungskinder. „Das war dann eben die Clique, die man sich gesucht hat.“ Zum Thema gemacht haben die Jungen das dann aber nicht großartig. Sie waren einfach Kumpels. Leidensgenossen.

Natürlich hätte sich der Elfjährige damals sehr gewünscht, dass seine Eltern zusammenbleiben. Über diesen Wunsch ist er längst hinweg. Verletzt aber hat ihn „das mit der Mutter“: dass ihr ihr Neuer damals „wichtiger war als das eigene Kind.“ Denn mit dem neuen Partner der Mutter gibt es Schwierigkeiten. „Der hat sich aufgespielt, als wäre er der Chef von allem“, schildert Martin Brendle, „und in dem Alter, in dem ich damals war, rebelliert man natürlich auch gerne, vor allem gegen diese Person.“

Die Mutter hält nicht zum Sohn, sondern immer wieder zum neuen Partner. Und irgendwann, Martin ist 14 Jahre alt, fällt in einer solchen Auseinandersetzung der Satz: „Geh halt zu deinem Vater!“

Das tut der Jugendliche dann tatsächlich. „Ein Anruf, fünf Minuten später stand er vor der Tür, wir haben meine Sachen eingepackt und weg.“ Seine Gefühle verarbeitet er so nebenher. Tags ist er mit Freunden unterwegs, abends verdrückt er sich in sein Zimmer und macht Computerspiele. Einsam gefühlt, sagt er heute, habe er sich nie: „Ich hatte immer genügend Anlaufstellen.“ Und das Glück, in einer Kleinstadt aufzuwachsen, deren Strukturen eine gewisse Geborgenheit bedeutet haben.

Mittlerweile hat der 27-Jährige das Scheidungsthema hinter sich gelassen. „Bis ich 19 oder 20 war, habe ich mich damit rumgeschlagen“, blickt er zurück. „Weniger mit der Scheidung selbst, eher mit meiner Mutter und mit der Frage, wie man sich so verhalten kann.“

Der Kontakt zur Mutter brach ab, als er zum Vater zog: Erst als die Beziehung zu ihrem neuen Mann in die Brüche gegangen war, versuchte sie, wieder Nähe zum Sohn aufzubauen – aber da wollte der nicht mehr. Als er ihr dann an seinem 18. Geburtstag zufällig begegnete „und sie nicht mal herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag über die Lippen gebracht hat, war sie für mich gestorben.“ Das war das allerletzte Mal, dass er sie gesehen hat. Und, nein: „Nein, sie fehlt mir überhaupt nicht.“

Ihr künstlich auszuweichen oder deshalb einen Bogen um bestimmte Gegenden zu machen, ist nicht sein Ding. Bei der Beerdigung seines Großvaters vor einigen Jahren war er, obwohl er zum Rest der mütterlichen Verwandtschaft so gut wie keinen Kontakt mehr hat. Inzwischen wohnt Martin Brendle mit seiner Freundin zusammen in einer anderen Stadt, und er ist nicht mehr Scheidungskind, sondern ein junger Mann, der seine Erfahrungen als Quelle für eigenes achtsames Verhalten sieht: „Ich versuche, immer fair zu sein, das sind die Lektionen, die man aus dem Leben lernt. Und wenn es nicht so ist, gibt es die Quittung dafür. Zum Beispiel Partner betrügen, geht gar nicht, weil ich weiß, was das anrichten kann.“

Mit Kindern, die von Scheidung betroffen sind, fühlt er mit. Und ruft ihnen gedanklich einen seltsamen und doch wahren Trost zu: „Es kann schlimmer kommen. Die Eltern sind ja im Normalfall noch da.“ Keiner von beiden ist gestorben, und wenn sie die Trennung einigermaßen fair und respektvoll bewerkstelligen, können sie ihren Kindern einiges an Schmerz ersparen.

Wie sieht eine solche gute Trennung aus, aus Sicht des erwachsen gewordenen Kindes? „Klare Absprachen miteinander. Kein Herumstreiten. Vor dem Kind nicht übereinander herziehen.“ Und: Ein Scheidungskind verliert nicht nur etwas. Es kann auch dazugewinnen. Neue, liebevolle Menschen zum Beispiel. So war es dann auch bei Martin Brendle.

„Ich habe ja auch eine gute Ersatzmutter gekriegt, die neue Lebensgefährtin von meinem Vater“, erzählt der 27-Jährige. Ein Jahr nach seinem Einzug beim Vater kam sie in dessen Leben, zwei Jahre danach „haben sie geheiratet. Das war für mich voll in Ordnung.“ Mit ihr verstand und versteht er sich besser als mit seiner leiblichen Mutter. Das mag auch daran liegen, dass die gegenseitigen Gefühle und die neuen Rollen ganz allmählich wachsen durften: Die neue Frau des Vaters hat sich ihm nie aufgedrängt und ihm „nichts aufgedrückt“, sondern ihn einfach so akzeptiert, wie er ist. Sie hat sich und ihm Zeit gelassen.

Jetzt besucht Martin Brendle seinen Vater und seine Ersatzmutter ungefähr alle zwei Wochen, und alle drei Tage telefonieren sie miteinander. Das Verhältnis ist gut, „ich könnte mir bestimmt die Seele leerquatschen bei ihnen“, sagt der 27-Jährige. Das, was früher war, belastet ihn nicht mehr. „Ich kann ja nicht den Dingen, die mal passiert sind, die Schuld für irgendetwas geben. Ich bin selber für mein Leben verantwortlich.“