Christliche Themen für jede Altersgruppe

Sie soll einmal Kind sein dürfen ...

Familie Becker holt ein krankes Baby aus Äthiopien. Doch das Kind stirbt. Kurz darauf treffen die Eltern die schwerste Entscheidung ihres Lebens. Eine Reportage die Menschen Mut machen soll.

 Bild: © iStockphoto © David Sucsy

Wie haben sie gefiebert, gehofft, gebangt und gelitten!

Sabine und Wolfram Becker, damals 32 und 34 Jahre alt, erfahren am 23. August 1991: Auf sie wartet 6ooo Kilometer entfernt ein Kind. 48 Zentimeter groß, 3000 Gramm schwer, Alter: irgendwo zwischen vier und acht Monaten. Es soll ihr Kind werden. Schon 1985 hatte sich das Ehepaar aus Mannheim entschieden: Wir wollen ein Kind adoptieren. Damals haben die beiden längst eigenen Nachwuchs, Johanna, geboren 1979, und Philipp, Jahrgang 1983. „Schon als Philipp zwei Jahre alt war, keimte in uns der Gedanke, ein Kind aus dem Ausland zu adoptieren“, erzählt Sabine
Becker. Sie ist von Beruf Erzieherin. Ihre beiden Schwangerschaften waren schwierig gewesen, von einer dritten rieten ihr die Ärzte ab. „Da haben wir uns gedacht: Wir wollen ein verlassenes Kind“, erinnert sich ihr Mann Wolfram, von Beruf Kinderarzt. „Ein Kind, dem wir die ganze Geborgenheit, Liebe und Zuneigung unserer Familie schenken können.“

Ein steiniger Weg bis zur Adoption

Doch der Weg dazu ist steinig. In Deutschland warten rund 22 000 Paare auf die Vermittlung einer Adoption. Niemand kennt die Zahl derjenigen, die sich auf ein ausländisches Baby freuen. Wer hierzulande ein Kind adoptieren will, muss sich erst einmal im Papierkrieg beweisen. Er braucht Geburts- und Heiratsurkunden, Führungszeugnisse und Gesundheitsatteste. Schulausbildung, Berufstätigkeit und psychische Standfestigkeit werden genauso durchleuchtet wie der bisherige Lebenslauf. Nicht zu vergessen der Blick auf Wohnung und Geldbeutel – sowie die Einstellung zu Kindern. All das ist nötig, um das Gutachten des Jugendamtes, die sogenannte „Home-Study“, zu komplettieren. Liegt die endlich vor, ist für die Adoptionswilligen noch lange nicht Schluss. Denn manche Verfahren verlangen, je nach Lage und Kulturkreis, aus dem das Waisenkind stammt, recht kuriose zusätzliche Belege. So wurde einer Familie, die ein Kind aus Indien bei sich aufnehmen wollte, sogar einmal ein Foto ihres Autos abgefordert – wohl als Unterpfand des Wohlstandes der zukünftigen Eltern. Sechs Jahre lang dauert es von der Entscheidung der Familie, ein Kind bei sich aufzunehmen bis zur Anerkennung. Endlich, im März 1991, erhalten Sabine und Wolfram vom äthiopischen Sozialministerium eine Rückmeldung: Sie sind als Adoptiveltern anerkannt. Nun beginnt das zweite Warten: Wann werden wir ein Kind bekommen? Die Zeit verrinnt.

Post nach sechs Jahren

Die Adoptiveltern durchleben ihre Adoptionsschwangerschaft. Und nutzen die Zeit: Sie informieren sich über Leben und Kultur des Landes, aus dem ihr neues Familienmitglied kommen wird. Sie fragen sich: Wie wird das Zusammenleben aussehen? Und jeden Tag werfen sie von neuem ihren Blick in den Briefkasten: Heute endlich Post aus Addis Abeba? Fünf Monate warten sie umsonst. Da, am 23. August 1991, kommt die erlösende Nachricht: In einem Krankenhaus in Adis wartet auf sie ein kleines Mädchen. Geboren von irgendeiner Frau. Abgelegt irgendwo. Gefunden von irgendwem. Gesucht von niemandem. Sie dürfen nicht sofort zu ihr. Noch sind nicht alle Ausreisepapiere komplett. Die Mühlen der Bürokratie mahlen langsam – auch in Addis Abeba. Als Beckers erfahren, dass ihr Kind offensichtlich krank ist, setzen sie alle Hebel in Bewegung, um eine genauere Diagnose zu erhalten. Sie schicken Medikamente via Deutsche Botschaft an das Krankenhaus. Doch ob sie das Kind auch wirklich erreichen, erfahren sie nicht. Endlich, am 20. November 1991 steigen sie, mit dreieinhalb Zentnern medizinischen Hilfsgütern für humanitäre Projekte bepackt, in Frankfurt in einen Airbus der Ethiopian Airlines. Mit Ihnen reisen die Angst und die Hoffnung.


Bild: © iStockphoto © David Sucsy

Lea und ihr Leiden

20 Stunden später halten Sabine und Wolfram ein winziges Bündel Mensch zum ersten Mal in den Armen – ihr Mädchen. Ihr neues Kind. Ihr Baby. Beide ergreift plötzlich ein Gefühl der Angst, das grazile Baby auf den Arm zu nehmen. Es ist die Angst, der kleine Mensch könnte dabei zerbrechen. Das Mädchen greift mit winzigen Fingern in Wolframs Bart, der behutsam mit ihm Kontakt aufnimmt. Leise Worte. Tränen, die durch seinen Bart rinnen. Das Mädchen, das Sabine und Wolfram abwechselnd im Arm wiegen, hat noch keinen Namen. Ein Kind mit einem Greisengesicht. Einem Gesicht, dem man den Kampf ums Überleben ansieht. Sie nennen es Lea. Kein Zweifel: Lea ist krank. Wie krank, das erfahren ihre Eltern erst eine Woche, nachdem sie wieder in Deutschland sind. Das Kind wiegt kaum mehr als ein Neugeborenes, ist aber wahrscheinlich schon ein halbes Jahr alt. Eine Untersuchung ergibt die Diagnose: Lea hat Tuberkulose. Und zwar eine, die sich mit herkömmlichen Medikamenten nicht mehr behandeln lässt. Doch eine ganze Familie nimmt den Kampf um Lea auf: Philipp, der jüngste, der sein Schwesterchen von Anfang an ins Herz und in die Arme geschlossen hat. Johanna, schon 12, die geradezu mütterlich für die Kleine sorgt. Sabine, die ihren Erzieherinnen-Job an den Nagel hängt, um ganz für den Familienzuwachs da zu sein. Und Wolfram – wie gut, dass er Medizin von der Pike auf gelernt hat. Lea blüht bei den Beckers auf. Aus dem runzeligen Greisengesicht wird dank der Medikamente und auch künstlicher Ernährung ein pausbäckiges Mädchen, das lacht und sich über jede Zuwendung freut.

Der Schock – und eine Entscheidung

Doch viel Zeit bleibt ihr nicht: Schon nach zwei Wochen muss sie in die Düsseldorfer Universitätsklinik verlegt werden. Die Ärzte probieren alle erdenklichen Medikamentencocktails aus, um die resistenten Erregerstämme ihrer TBC zu besiegen. Umsonst. Drei Tage vor Ostern stirbt Lea in Sabines Armen. „Es tut alles so weh, wie eine Wunde, die noch blutet“, schreibt Wolfram zwei Tage nach ihrem Tod einem Freund. „Das Gefühl, sie verloren zu haben, raubt uns den Atem. Ihre Sachen duften noch nach ihr“. Beckers erleben die Trauer, Ohnmacht und Hilflosigkeit, die der Tod in die Welt der Lebenden reißt. Ihnen bleibt nur ein Trost: „Wir sind unendlich froh, dass ihr Ende so war und nicht anders.“ Sie begraben Lea neben Wolframs Vater, der seine dritte Enkeltochter nie kennengelernt hat. Doch Beckers haben einen Trost. Wie hatte Sabine geantwortet? Befragt, was denn sei, wenn die offensichtlich kranke Lea ihr Leiden nicht überstehe, sagte die Adoptivmutter schon auf dem Weg von Addis Abeba nach Deutschland zurück nur einen Satz: „Dann hat sie wenigstens einmal im Leben jemanden gehabt, der ganz für sie da ist!“ Alle vier Beckers haben dieses Versprechen eingelöst. Sie lösen auch andere Versprechen ein. Klar, jeder würde es jetzt verstehen, wenn sie sich nun zurückziehen aus der Äthiopienhilfe. Wenn sie sich auf ihre Trauer konzentrieren würden, sich einigeln, und bloß nichts vom Glück der anderen Adoptiveltern mitkriegen! Aber Wolfram und Sabine handeln anders. Mehr denn je stürzen sie sich in die humanitäre Hilfsarbeit für äthiopische Frauen und Kinder. Sie drehen Filme über das Projekt-Hospital in der äthiopischen Provinz, sammeln Spenden, trommeln für die Unterstützung des Frauenprojekts, damit kein Kind mehr von seiner Mutter ausgesetzt werden muss. Es scheint fast, als müssten sie sich betäuben nach all dem Kampf, all dem Schmerz. Doch ein Entschluss bleibt ungebrochen: Nach Leas Tod halten die Beckers Familienrat. Und am Ende steht ein kühner Entschluss: Wir wagen es noch einmal. Wir nehmen noch einmal ein Kind bei uns auf.

Die Erinnerung fliegt mit

Es ist ein Montag, als das Telefon schrillt. Sabine hebt den Hörer ab. Am anderen Ende ein Mitarbeiter des Evangelischen Vereins für Pflegekindervermittlung, einer staatlich anerkannten Adoptionsstelle in Düsseldorf. Er sagt nicht viel. Nur, dass da ein Kind in Addis Abeba wartet. Wolfram, zu diesem Zeitpunkt bei der Arbeit in der Klinik, schießt bei Sabines Nachricht nur ein Gedanke durch den Kopf: „Die Zeit bleibt stehen!“ Kein Außenstehender kann ermessen, welche Angst jeder der vier in dieser Nacht mit in seinen Traum trägt. Aber auch nicht, welche Hoffnung und Freude. Da ist doch diese schwärende Furcht. Was ist, wenn nun wieder? Ein fürsorglicher Anrufer aus Äthiopien, der Beckers Einsatz bewundert, meint, vorsorgen zu müssen: Natürlich würde man jedes Kind, das die Familie aufnehmen wolle, dieses Mal vorher ganz genau untersuchen. Und selbstverständlich auch auf TB testen. Damit Beckers ganz sicher sein können. Nein. Ausgerechnet das wollen Beckers nicht. Sie lehnen die Untersuchung ab. Gemäß dem Prinzip ihres Selbsthilfevereins, das lautet: Das Kind, welches streng der Reihenfolge nach an der Adoption ist, holen wir ab. Bald darauf hocken Wolfram und Sabine wieder einmal auf den abgessesenen Polstern einer Ethiopian Airways- Maschine nach Addis Abeba. 60 Stunden später sind sie zurück in Frankfurt. In ihren Armen ein kleiner schwarzer Junge. Sie nennen ihn William. Sabine und Wolfram, Johanna und Philipp erleben ihre zweite Adoption. Anfangs mag sich keiner so recht seine Furcht eingestehen: Nur den Augenblick genießen, diesen kleinen, wilden, nussbraunen Mensch mit seiner Energie genießen, das ist ihre unausgesprochene Maxime. Denn wissen wir, was morgen ist? Die Hoffnung der Beckers wird belohnt. Zwar ist auch William anfangs krank; doch dank der Pflege der Familie ist er bald wieder gesund, lebhaft, sprühend und voller Lebensenergie. Ein witziges Köpfchen, das Eltern, Geschwister und Freunde durch unerbittliche Logik verblüfft; heutzutage ein Viertklässler, der seine Lehrer mit noch einer und noch einer Frage zur Verzweiflung treibt. Der wie entfesselt Fußbälle kickt und den Tennisball über den Platz drischt, dass es eine Freude ist.

William hält die Familie auf Trab

Beckers sind seither als Adoptionsberatungseltern ehrenamtlich tätig. Denn die örtlichen Jugendämter sind mit der Beratung bei Auslandsadoptionen teilweise überfordert. Eltern wie Sabine und Wolfram beraten und begleiten adoptionswillige Paare durch das deutsche
und äthiopische Verfahren. Nicht nur auf dem Weg zur Adoption – sondern auch, wenn die Routine des Familienlebens mit all ihren großen und kleinen Problemen eingezogen ist. Bundesweite Treffen, bei denen sich Kinder und Eltern aus allen Ecken der Republik treffen, sichern den ständigen Kontakt der Familien untereinander. Und eines haben sie alle gemeinsam: Das Elend der Kinder in Äthiopien, das sie mit eigenen Augen gesehen haben, hat keiner von ihnen vergessen. Auch Wolfram Becker wird die Augen der Kinder, die er nicht mitnehmen konnte, als er William aus dem Waisenhaus in Addis Abeba abholte, nicht vergessen. Diese Bilder der Verlassenheit und des materiellen Elends lassen mit der Zeit Krankenstationen und Hilfsprojekte für junge Mütter in Äthiopien entstehen, die Wolfram und die anderen Adoptions-Eltern aus ihrem Verein regelmäßig unterstützen – privat gesammeltes Geld für Hilfe zur Selbsthilfe vor Ort. So haben Beckers ihren Wunsch Wirklichkeit werden lassen: Kindern die Chance zu geben, einmal wirklich Kind zu sein. Lea durfte es; und William darf es, weil es Menschen gibt, die gegen alle offizielle Vernunft Mut bewiesen haben. Menschen, die Mut machen.