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So klingt das Leben wieder

Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Dieses Gebot Jesu ist oft verkürzt worden. Denn die Selbstliebe ist schnell in Verruf geraten. Der Theologe und Mediziner Michael Tischinger plädiert dafür, diese Liebe zu sich selbst neu zu entdecken. Es ist für ihn ein Weg zur inneren Heilung.

Gottes-, Nächsten- und Selbstliebe sind wie drei Seiten einer Triangel. Nur wenn alle drei Seiten schwingen können, erklingt ein Ton. (Foto: Nichizhenova Elena/fotolia)

Der Mann weiß, wovon er spricht: Michael Tischinger ist Chefarzt einer psychosomatischen Klinik im bayerischen Oberstdorf. Und er weiß, wie es ist, wenn Menschen zu ihm kommen, die sagen: So geht es nicht mehr weiter mit mir. Und das heißt nicht, dass es keinen Weg mehr für sie gibt, sondern es ist das „So“ auf das es ankommt. „So wie bisher lautet die Betonung“, sagt Michael Tischinger. Und der Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapie und psychosomatische Medizin weiß jetzt: Der Patient muss nun ein neues „So“ finden.

Michael Tischinger hat dies selbst in seinem Leben erfahren. Ursprünglich hat er Bankkaufmann gelernt. Bis ihn die Frage umtrieb, ob der Mensch nicht mehr ist als nur sein Bankkonto, dass er ein spirituell Suchender ist. Und so suchte er selbst und begann Theologie zu studieren. Und weil der Mensch auch mehr als Theologie ist, belegte Michael Tischinger gleichzeitig Medizin. Kein Wunder also, dass er am Ende in der Psychosomatik landete. Worum geht es dort?

Psychosomatik, erläutert Michael Tischinger, heißt, dass „ein körperliches Symptom Ausdruck einer seelischen Ursache“ ist. Zugleich sei es aber auch so, dass bei jeder Erkrankung immer auch der ganze Mensch betroffen sei: die Psyche, die Seele, das soziale Umfeld. „In jeder Erkrankung müssen auch auf der seelischen Ebene Wachstumsschritte vollzogen werden“, sagt der Theologe. 

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Aber was ist Selbstliebe? Und was ist der Unterschied zur Selbstannahme? „Die Selbstannahme ist die Vorbereitung dafür, um sich lieben zu können“, sagt Tischinger. Es bedeutet, Ja zu sagen, zu dem, was man vorfinde in sich: Licht und Schatten, Heiles und Unheiles. „All das gehört zu mir“, sagt der Theologe, „und ich laufe nicht davon.“ Tischinger plädiert dabei für ein „nüchternes Ja“. Und das bedeute, sich selbst schlicht mit Wohlwollen, Freundlichkeit und Fürsorge zu begegnen. „Bei Liebe denken wir immer an ein Gefühl, aber Gefühle sind nur Hilfestellungen im psychischen Apparat.“ Liebe sei kein Gefühl, sondern eine Haltung, das Ja zur Verbundenheit mit sich selbst. Und es heißt, seine Bedürfnisse zu achten, mit der eigenen Seele in Verbindung zu sein.

Dass Michael Tischinger nun ein Buch zum Thema Selbstliebe geschrieben hat, liegt nicht nur an den Erfahrungen mit seinen Patienten, sondern auch an seiner eigenen Biographie. Selbstliebe sei in seiner Kindheit gleichbedeutend mit Egoismus gewesen, erzählt er. Auch er selbst habe lernen müssen, dass Gottes- und Nächstenliebe gleichwertig mit der Selbstliebe ist. Tischinger vergleicht es heute gerne mit einer Triangel: Das Instrument klingt nur, wenn alle drei Seiten frei schwingen können: Gottes-, Nächsten- und Selbstliebe. Hält man eine Seite mit der Hand fest, ertönt nur noch ein dumpfes „Klack“. Tischinger ist überzeugt, nur wer sich selbst liebt, kann auch Liebe weitergeben. Wer in sich bitter ist, gibt Bitterkeit weiter.

Dennoch ist ihm klar, dass die Selbstliebe Grenzen hat. Sie kann sich auch nicht aus sich selbst heraus speisen. Jeder Mensch braucht einen anderen Menschen, der ihn annimmt, ihm Liebe schenkt. „Es ist ein Wechselgeschehen“, sagt Tischinger. Und es kommt auch auf den Willen des Patienten an. So wie Jesus den Gelähmten am See Bethesda fragt: Willst du gesund werden? Bist du bereit aufzustehen? So muss auch jeder Patient sagen: Ja, ich will mir helfen lassen.

Die Suche nach der Heilung führt viele Patienten nach innen, in ihre Seele. „Es ist ein innerer Weg“, sagt Tischinger, wenn Patienten mit dem bekannten Satz kommen: „So geht es nicht weiter.“ Den Leistungsdruck machen viele sich in ihrem Inneren selbst, weiß Tischinger. Es sei nicht nur der Arbeitgeber oder die Gesellschaft, für die Zeit Geld ist und die den Menschen von außen steuert. Wer gelernt habe, die Stimme des eigenen Selbst zu hören, könne entscheiden, ob er dem Druck nachgibt oder andere Wege sucht. „Mit einer neuen Haltung werde ich auch freier, in der Leistungsgesellschaft den Weg des Verzichts zu gehen“, sagt Michael Tischinger. 

Der Theologe und Mediziner erzählt in seinem Buch daher viele Fallgeschichten und lädt dazu ein, sich gegenseitig die eigenen Lebensgeschichten zu erzählen. „Geschichten erreichen unsere Herzen“, sagt er. „Sie berühren uns und regen unsere eigenen Geschichten an.“ Und er ist überzeugt, dass das, was uns berührt, auch eine wichtige Information über uns selbst enthält. Was berühre, das verbinde auch. Wenn Menschen also beginnen, sich selbst mitzuteilen, dann knüpfen sie Beziehungen und bleiben nicht mehr alleine. „Und dann heißt es: Willkommen in der Familie der Menschheit.“

Buch-Tipp Michael Tischinger: Selbstliebe. Wege der inneren Heilung. 

Herder 2017, 208 Seiten, 20 Euro.  ISBN 978-3-451-60013-5

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