Christliche Themen für jede Altersgruppe

Was Kindern Mut macht

Alle Mütter und Väter wünschen sich starke Kinder – das ist verständlich. Doch wie schafft man das? Das ist eine Aufgabe, die vielen Eltern besonders schwer fällt. Warum das so ist, erklärt unser Beitrag von Dietrich Hub.

Bild: Dietrich Hub 

Hoch hinaus!

Aufmerksam schaut Nicole (5) zu den drei Kindern auf der Kletterpyramide hinüber. Ihre Mutter Christine (39) führt sie an der Hand. Sie spürt, wie Nicole langsamer wird. Sofort erklärt sie: „Nein, da kannst du dir weh tun!“ Ihre Mutter fasst sie ein wenig stärker an der Hand und zieht sie vorwärts. Nicole blickt zurück zu den lauten, aber fröhlichen Kindern auf den Seilen der Pyramide. Irgendwie ist es ihr sogar recht, dass ihre Mutter sie weiterzieht. Die Pyramide ist wirklich hoch. Und die Kinder dort kennt sie nicht. Trotzdem wäre es eigentlich schön, dort oben zu stehen. Als sie am nächsten Tag wieder an diesem Spielplatz vorbeikommen, schaut Nicole nicht mehr zum Klettergerüst.

Nicoles Mutter Christine will nur das Beste für ihre Tochter. In die Steckdosen sind Kindersicherungen eingesetzt. Der Herd hat vorne ein Gitter, damit Nicole nicht die Pfanne mit heißem Fett herunterreißen kann. Auch sonst sind die Eltern sehr gewissenhaft, was die Sicherheit ihrer Tochter angeht. Wenn Nicole von einer Freundin zum Übernachten eingeladen wird – geht gar nicht, denn in der Familie gibt es noch zwei ältere Geschwister! Wer weiß, wie es da abends im Haus zugeht? Da Christine ihre ganze Aufmerksamkeit auf ihr einziges Kind konzentriert, kann sie ihre Tochter gut vor allen Gefahren bewahren. Jedenfalls jetzt noch.

In wenigen Jahren aber wird Nicole manchmal ohne Eltern unterwegs sein. Und sie muss selbst entscheiden, wie sie sich verhält. Wird sie als 14-Jährige entschieden ablehnen, wenn ihr 35jähriger Handballtrainer sie „als Lob“ küssen will? Bis dahin nahm ihr ihre Mutter fast alle Entscheidungen ab. Selbst durchsetzen musste und sollte sie sich nicht. Auf sich selbst aufzupassen, hat sie auch nie gelernt – dafür war immer Mama zuständig.

Wie wär‘s mit Motorsägen-Kurs?

Wie kann man Kinder mutig machen? Indem die Kinder erfahren, dass sie selbst etwas können. Und indem sie erleben, dass es keine Katastrophe ist, wenn sie manches noch nicht können. Irgendwann kommt die 5 in der Klassenarbeit. Manche Kinder trauen sich nicht, dies zuhause zu sagen. Andere wissen, dass sie auch mit ihren Schwachpunkten geliebt werden. Kinder macht man mutig, wenn man ihre Eigenverantwortung und ihre Fähigkeiten fördert. Einem Dreizehnjährigen geht am Fahrrad die Kette herunter? Die einen Jugendlichen zücken ihr Handy und prompt erscheint das Familientaxi. Andere Gleichaltrige klappen am Taschenmesser den Schraubenzieher heraus, schrauben das Schutzblech ab, legen die Kette wieder richtig ein, schrauben das Schutzblech wieder an und radeln weiter. Genetisch bedingt sind diese unterschiedlichen Verhaltensweisen nicht. Aber leicht verständlich, wenn man die „Vorgeschichte“ der Jugendlichen kennt. Dem einen hat Papa alle Reparaturen am Fahrrad abgenommen. Dem anderen hat sein Vater gezeigt, wie er dies selbst ausführen kann. Es gibt 16-Jährige, deren Hilflosigkeit regelrecht antrainiert wurde! Kinder und Jugendliche müssen altersgemäß lernen, eigenverantwortlich zu handeln. Und auch lernen, Konflikte auszutragen – ohne Fäuste, ohne Beleidigungen, dafür mit Kompromissen und mit dem Wissen, dass unterschiedliche Interessen normal sind. Dies lernen sie aber nicht, wenn ihnen die Eltern ständig ein wohlausgesuchtes Bespaßungsprogramm ohne eigene Anstrengung bieten. Und auch nicht, wenn sich die Eltern in jeden Sandkastenkonflikt einmischen.

Warum nicht vom Klettergerüst fallen?

Kinder müssen auch lernen, Gefahren realistisch einzuschätzen. Eltern übrigens auch. Wäre ein Sturz von der Kletterpyramide wirklich eine Katastrophe? Gerade weil das passieren kann, liegt unter Klettergerüsten eine dicke Schicht Holzspäne. Warum soll ein Dreijähriger nicht Nägel in ein
Holzbrett hämmern, wenn er das möchte? Zweifellos wird er sowohl die Nägel als auch seinen Daumennagel treffen. Aber: Wie soll er denn sonst
lernen, wie man mit Hammer und Nagel umgeht? Und wie soll er sonst lernen, dass man bei vielen Arbeiten vorsichtig sein muss? Aber er kann dann irgendwann mit Werkzeug umgehen und die blauen Fingernägel werden seltener. Eindeutig der Job der Eltern ist aber dies: Sie müssen ihm deutlich
sagen, dass man den nächsten Nagel niemals zwischen den Lippen festhält, denn ein in die Lunge eingeatmeter Gegenstand kann wirklich gefährlich
werden. Das nämlich – und noch vieles andere – kann ein Jugendlicher nicht wissen und es ist Aufgabe der Eltern, dies zu erklären. Verbote sind notwendig, aber man muss sie erklären: Die elektrische Heckenschere darf von Kindern nicht angefasst werden. Denn: Dieses Gerät schneidet nicht nur Äste durch! Wenn die Kinder auch „in höherem Alter“ gerne im Wochenendgrundstück mitarbeiten, dürfen sie aber – egal ob Junge oder Mädchen – bereits mit 16 Jahren den Motorsägenlehrgang machen. Bis dahin wissen sie hoffentlich aus eigener Einsicht – auch durch das Vorbild ihrer Eltern – dass sie dabei immer komplette Schutzkleidung tragen.


Bild: Dietrich Hub

Anständige Mädchen gehen um acht Uhr ins Bett

Kinder sind manchen Gefahren ausgesetzt. Beim Fahrradfahren kann es zu Unfällen kommen. Doch je besser geübt die Kinder sind und je mehr ihre Eigenverantwortung gefördert wurde, umso unwahrscheinlicher sind Unfälle. Deshalb sollen Kinder bereits mit fünf Jahren ans Fahrradfahren gewöhnt werden, damit sie mit zehn Jahren sicher auf der Straße radeln können. Sinngemäß gilt für alle anderen Lebensbereiche dasselbe. Bei Mädchen ab der Pubertät haben Eltern besondere Sorgen. Allen Eltern sei gesagt: Ihre Töchter schlafen sowieso irgendwann mit dem Mann, wie es ihnen passt. Wann muss ein anständiges Mädchen im Bett sein? Um acht? Damit es dann doch erst um zehn nachhause kommt! Was also bringen Verbote? Viel sinnvoller ist es, von früh an Verantwortungsbewusstsein auch in diesem Lebensbereich einzuüben. Mädchen, die wissen, was sie können, treten übrigens selbstsicherer auf und werden somit seltener Opfer sexueller Gewalt als Gleichaltrige, die brav und angepasst sind.

Kinder sind eigenständige Persönlichkeiten und nicht nur „Nachkommen“ ihrer Eltern. Der Vater ist Zugführer bei der Feuerwehr und selbstverständlich geht sein Sohnemann zur Jugendfeuerwehr? Gedanklich malt Papa sich schon aus, wie der Kreisbrandmeister einmal seinem Sohn das Leistungsabzeichen der Jugendfeuerwehr an die Uniform heftet. Kann sein, kann auch nicht sein. Vielleicht muss Papa damit leben, dass sein Sohn drei Abende pro Woche in der Tanzschule verbringt und auf das Goldene Tanzabzeichen stolz ist. Stark werden Kinder dann, wenn ihre Interessen und ihre Begabungen gefördert werden – und nicht die ihrer Eltern.

Viele Eltern wollen unbewusst mit ihren Kindern angeben. Auch ein CVJM-Vorstand muss zulassen, dass sein Sohn zum Judotraining geht und niemals Jungscharleiter werden wird. Peinlich für den Vater, dass er dafür auch noch im Verein kritisiert wird. Und wenn die Tochter Querflöte spielt – muss sie unbedingt einen Preis bei „Jugend musiziert“ gewinnen? Manche Kinder werden gnadenlos unter Druck gesetzt, weil die Eltern eine Auszeichnung für ihr eigenes Ehrgefühl haben wollen. Oder weil ihre Kinder etwas erreichen müssen, was sie selbst nicht geschafft
haben. Irgendwann ist die Kontrolle der Eltern sowieso zu Ende. Meistens früher, als dies die Eltern merken. Wehe, wenn sie losgelassen: Viele Jugendliche „aus gutem Haus“ entdecken im Schullandheim in der 11. Klasse ihren Nachholbedarf an Freiheit und leben diesen mit Alkohol oder Knutschen aus. Eine ständige Kontrolle ist schon deshalb nicht sinnvoll, weil sie gar nicht möglich ist. Kinder müssen schon sehr früh und zunehmend immer mehr lernen, ihren eigenen guten Weg zu finden.

Und zuletzt sei eines nicht vergessen: Wer sich in Gott geborgen weiß, der weiß auch, dass nicht alles in unserer Hand liegt. Wir gehen unseren Weg unter den liebenden Augen Gottes – auch wenn wir nicht immer alles auf diesem Weg verstehen können.
Dennoch dürfen wir auf seinen Schutz vertrauen. Im Choral „Nun ruhen alle Wälder“ formulierte Paul Gerhardt dies so: „Breit aus die Flügel beide, o Jesu meine Freude, und nimm dein Kücklein ein. Will Satan mich verschlingen, so lass die Englein singen: Dies Kind soll unverletzet sein.“

So werden Kinder stark

• Gemeinschaftssinn in der Familie stärken! Gemeinsames Radfahren, Kanufahren, Bergtouren und vieles andere zeigt, dass man sich aufeinander verlassen kann. Ein Kind, das sich zuhause geborgen fühlt, ist auch „draußen“ stabiler. Und das Kind sieht, was es alles kann.

• Kontakte der Kinder auch außerhalb der Familie stärken. Zum Geburtstag werden die Schulkameraden eingeladen, die das Kind mag – und nicht unbedingt die Kinder, mit deren Mütter Mama befreundet ist.

• Die Stärken der Kinder wahrnehmen und fördern! Kinder sollen ausprobieren dürfen, was für sie (!) das Richtige ist. Und das ist eben oft nicht dasselbe wie für die Eltern.

• Hilfe so viel wie nötig, aber niemals auf Kosten der Eigenverantwortung! Lehrer erkennen ohnehin, ob das Referat vom Schüler oder von seinen Eltern geschrieben wurde.

• Ängste ernst nehmen! Kinder haben Angst, weil es tatsächlich so viel Unbekanntes und Bedrohliches für sie gibt. Der Satz „Du brauchst keine Angst zu haben!“ bringt nichts, denn das Kind hat Angst. Viel hilfreicher ist es, gemeinsam nach einem Weg aus der Angst zu suchen.

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