Christliche Themen für jede Altersgruppe

Zu mir oder zu dir?

Verliebt, verlobt, verheiratet. Und dann: Ein neues Leben beginnt. Doch wo? Luthers sprach mit Paaren, die sich eine neue Heimat schaffen mussten, weil sie aus unterschiedlichen Heimaten kamen. Wie sie das geschafft haben, erfahren Sie hier.

Ein neues Leben beginnt. Doch wo?
Bild: Clipdealer

Wenn ich gewusst hätte!

Wenn ich gewusst hätte, was da auf mich zukam, hätte ich es mir bestimmt noch einmal überlegt!“ Bettina Wurzer, 35, aus Berlin, schüttelt nachdenklich ihre langen blonden Locken. „Als ich mich in Bernhard verliebte, war mir erst einmal alles egal. Ich wäre ihm auf den Mond gefolgt, nur um bei ihm zu sein!“ Aus dem Mond wurde Bottrop. Für Bettina anfangs ein Alptraum: „Das war letztlich für mich eine verdammt harte Landung!“ sagt die Betriebswirtin. Diese Landung muss wirklich hart gewesen sein, wenn sie heute noch solch deftigen Erinnerungen wach ruft – schließlich ist es schon drei Jahre her.

Ganz anders dagegen erinnert sich Friedhelm Pflüger, Mediziner aus Münsingen, der in Tübingen studiert hatte. „Als Sabine und ich uns kennenlernten, wussten wir: Das bleibt. Für ewig!“ Auch wenn es nur eine Kongressliebe war – ein Kennenlernen für drei Tage in Barcelona. Sie aus Hamburg, er aus Tübingen – eine Entscheidung musste her. Die Entscheidung traf er: „Ich habe meine Klamotten gepackt und bin kurzerhand zu ihr nach Hamburg-Eimsbüttel gezogen“, erzählt Friedhelm. „Dabei hatte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal eine Stelle dort!“

Eine Heimat bleibt zurück

In Zeiten der Globalisierung treffen wir unsere Partner nicht mehr am Dorfbrunnen oder in der heimatlichen Stadtbibliothek. Nein, Leben und Beruf treiben uns herum – und mit uns die Gelegenheiten, Menschen kennenzulernen. Vielleicht sogar den Partner, der zu uns fürs Leben gehören soll. Dabei entsteht eine Situation, die eine vor-mobile Gesellschaft noch gar nicht kannte: der Konflikt um das gemeinsame Lebenszentrum. Der ist nicht ohne. Denn wenn zwei aus der Ferne zueinanderfinden, gibt es eigentlich auch nur zwei Möglichkeiten, wie sie zusammenbleiben: Entweder beide fangen zusammen ganz woanders ganz neu an, oder der eine lässt alles Vertraute hinter sich und folgt dem anderen in dessen eigene Welt.

„Eine solche Entscheidung birgt durchaus mehr Sprengstoff für eine Beziehung, als man auf den ersten Blick denken mag!“ sagt Gernot Hasler, Psychotherapeut aus Frankfurt. „Anfangs überwiegen ja in einer neuen Beziehung Euphorie und Glücksmomente die Partnerschaft. Aber irgendwann zieht der Alltag ein – und dann ist es entscheidend, wie viel Autonomie jedem der beiden Partner erhalten geblieben ist.“

Bottrop statt Berlin

Der Realitätsschock traf Bettina Wurzer mit besonderer Wucht: „Anfangs habe ich mir meine neue Heimat im Kohlenpott einfach schöngeredet“, erzählt sie. Doch nach einem Jahr hatte sie dazu schlicht keine Kraft mehr: „Klar, mein Mann verdient als Rechtsanwalt in der Industrie eine Menge Geld, wir wohnen hier in einer tollen Villa: Aber mir fehlte einfach das Lebensgefühl, das mich in der Großstadt Berlin getragen hat!“ Theater, Kinos, Festveranstaltungen, Konzerte, Ausstellungen – alle im Überfluss. Und jetzt: Bottrop. Für Bettina die Hölle. Zumal, da sie mit einem hart arbeitenden Mann viel alleine blieb, weil sich ein neuer Job für sie noch nicht so recht angelassen hatte. „Das hätte beinahe unsere Beziehung scheitern lassen“, sagt Bettina.

„Und das ist mehr als verständlich“, fügt Therapeut Hasler der Beschreibung dieser Situation an. „Denn hier hat sich offensichtlich ein extremes Ungleichgewicht bei den neuen Partnern ergeben!“ Ungleichgewicht heißt: Anstatt die sozialen Kosten des neuen Miteinander-Lebens auf beider Schultern gleichmäßig zu verteilen, hat Bettina erst einmal die größere Rechnung übernommen. Bernhard blieb hingegen recht  ungeschoren – er konnte ja seinen bisherigen Lebensstil inklusive Lebensort und soziales Umfeld recht gelassen weiter pflegen. „In einer solchen Konstellation muss in jedem Fall ein Ausgleich geschehen“, mahnt Therapeut Hasler. Was aber könnte solch ein Ausgleich sein?

„Das Eingehen auf die Bedürfnisse und Wünsche der Partnerin – von der Veränderung der Einrichtung des gemeinsamen Hauses bis hin zu neuen gemeinsamen Aktivitäten, die neue Freundeskreise und neue gemeinsame Erinnerungen am neuen Ort schaffen.

Die geheimen Mitspieler

Als besonders prekär bezeichnet Therapeut Hasler diejenigen Faktoren , die er als geheime Mitspieler im System sieht: Solche Faktoren sind Abhängigkeiten wie zum Beispiel von Eltern, anderen Familienmitgliedern oder Freundeskreisen. „Für Bernhard war es selbstverständlich, dass er nicht von Bottrop wegziehen wollte“, sagt Bettina. Der Hauptgrund: „Seine Eltern wohnen dort, zwei Häuser weiter weg von seiner Villa. Er sagt mir: Die kann ich nicht allein lassen!“

Allein lassen allerdings musste hingegen Bettina ihre Mutter, die noch in Berlin allein lebt. „Das war für mich ein ganz harter Entschluss!“, sagt Bettina. „Ich habe mich zeitweise so gefühlt, als würde ich meine Mutter verraten!“

Solche geheimen Mitspieler dürfen bei einer Entscheidung, wer wem wohin folgt in einer neuen Liebe, nie außer Acht gelassen werden. Denn sie können, werden sie nicht rechtzeitig bearbeitet, zu einem schleichenden Gift werden, das die ganze neue und hoffnungsvolle Beziehung zerstört.

Das Rezept: Anpacken! Loslegen!

Was aber hilft in solchen Situationen am besten? Bettina ging es wirklich erst dann besser, als sie nach einem Jahr Suche einen spannenden Job im Marketing eines Unternehmens in Essen fand. „Da fing ich wieder an, mir etwas Eigenes aufzubauen und aufzublühen!“ sagt sie. Und damit schwanden auch Stück für Stück ihre Ressentiments gegenüber ihrer neuen Heimat im Ruhrgebiet. „Ich habe angefangen, einen eigenen Freundeskreis aufzubauen und festgestellt: Die Menschen hier sind einzigartig nett: rau, aber herzlich!“

Friedhelm Pflüger aus Tübingen machte eine ähnliche Erfahrung – nur ein bisschen anders: „Die Menschen hier sind ein wenig oberflächlich und blasiert – aber Stadt, Hafen und Meeresnähe bügeln das längst wieder aus“, sagt er. Er bereut keinen Tag, den Sprung aus den Tübinger Hügeln ins norddeutsche Flachland gemacht zu haben: „Ich habe mir, als ich mein Leben hinter mir ließ, einfach gesagt: Wo meine Liebe ist, da ist mein Herz. Basta! Und deshalb sind Sabine und ich auch an jedem Tag von Neuem glücklich!“

Loslassen können, anpacken, gemeinsam ein neues Leben aufbauen: Wem das gelingt, der schafft es auch, dass der Ort, wo die Liebe lebt, gleichgültig wird.