Christliche Themen für jede Altersgruppe

Zurück zur Zärtlichkeit

Wenn die Sinnlichkeit zwischen Mann und Frau verstummt, ist das ein Alarmsignal. Wie kann man es schaffen, dass der Genuss der Zweisamkeit wieder zurückkommt? Luthers-Autorin Margarethe Simon zeigt Wege, die aus beiden wieder ein glückliches Paar werden lassen.

Partnerschaftlich zusammen wachsenDie Liebe wieder genießen. Zurück zur Zärtlichkeit. (Bild: privat)

Mit einem Mal schien zwischen Bettina, 38, und Gerold Köhler, 40, alles zu Ende. „Wir hatten zwar keinen Streit“, erzählt die Rechtsanwältin aus Freiburg. „Aber ich hatte das sichere Gefühl: So will ich mit meinem Mann nicht länger zusammenleben! Als ich ihm meinen Auszug ankündigte, hatte ich zum ersten Mal seit Jahren den Eindruck, dass er sich überhaupt noch für mich interessiert!“ Was war da zwischen den beiden ehemals so vertrauten Eheleuten geschehen?

Eigentlich nur das, was Psychologen längst über den Großteil deutscher Ehen herausgefunden haben: Die meisten Partnerschaften leiden mit zunehmender Dauer an Lustlosigkeit, Langeweile und zu wenig vertrautem Gespräch – vor allem aber an einem großen Mangel an körperlich spürbarer Zärtlichkeit. Rund 38 Mal am Tag berühren sich Mann und Frau laut Statistik, wenn sie frisch verliebt sind. Paare, die schon länger zusammenleben, schaffen es kaum noch, sich zu berühren. Bei manchen von ihnen sinkt die Zahl der Körperkontakte sogar ganz auf Null.

Zärtlichkeit der Berührung: Ein Urbedürfnis

Dabei ist der Wunsch, in den Arm genommen, zärtlich berührt und gestreichelt zu werden, ein Naturbedürfnis des Menschen.

Babys verkümmern kläglich, wenn sie ohne Hautkontakt aufwachsen müssen. Und Erwachsene suchen – aller Single-Verklärung zum Trotz – immer wieder die Nähe und Geborgenheit, die ihnen allein Berührung durch einen anderen Menschen geben kann.

Doch warum leiden gerade so viele Ehepaare unter dem Schwinden der Zärtlichkeit? Bietet doch das tägliche Zusammenleben jede Menge Gelegenheit, sich auszutauschen, sich auszusprechen und gegenseitig zu berühren und Zärtlichkeit zu erweisen. Die Antwort lautet: Eine Partnerschaft kennt viele unterschiedliche Stadien – abhängig vom Grad der Verliebtheit, der Vertrautheit und der Zeit, die man miteinander verbringt – und auch abhängig davon, wie man diese gemeinsame Zeit verbringt.

„Als ich Gerold kennenlernte, war er das reinste Energiebündel“, sagt Bettina. „Er war gerade mit dem Studium fertig, sauste heute ins Kino, morgen ins Theater, übermorgen auf eine Fete – immer nahm er mich mit. Wir hatten einfach immer viel Spaß miteinander, das Leben mit ihm war ungeheuer unterhaltsam.“

Sie blieben zusammen. Doch dann holte der Alltag ihre Beziehung ein: Die Gründung seines Ingenieurbüros, dann zwei Kinder, schließlich der Hausbau. „Gemeistert haben wir das alles zusammen, unsere Freunde haben uns sogar immer wieder dafür bewundert, was wir so alles auf die Beine stellen konnten“, sagt Bettina. „Aber offensichtlich ist uns dabei die körperliche Nähe abhanden gekommen.“

Das kennen viele Paare, die den Sturm der Familiengründung hinter sich haben: Nach dem Rausch der ersten Verliebtheit sehen sich Mann und Frau plötzlich mit ganz neuen Erwartungen konfrontiert. Schon das erste Kind kann zum Zärtlichkeitskiller werden: Füttern, pflegen, erziehen, dazu der Haushalt und neue Anforderungen im Job – die Erotik rutscht da auf der Prioritätenliste schnell nach unten. „Wenn Gerold und ich überhaupt mal Gelegenheit zu Sex hatten, waren wir entweder todmüde – oder es musste husch, husch gehen, weil wir Sorge hatten, dass gleich wieder eins der Kinder an der Bettkante steht.“

Der Lauf der Ehe: Die Lust verändert sich

Klar ist: In jeder längeren Partnerschaft nimmt mit der Zeit die Häufigkeit sexueller Kontakte ab. Das muss aber kein Zeichen dafür sein, dass Mann und Frau sich weniger lieben. Die Lust wird in erfahrenen Partnerschaften natürlicherweise anders – häufig ist sie nicht mehr so spontan und eruptiv wie in den Zeiten der Verliebtheit, dafür aber durch tiefe Vertrautheit gekennzeichnet. Die Zärtlichkeit der Paare, die sich einander schon etwas länger kennen und vertrauen können – sie kann so wunderschön sein!

Doch wenn die Lust, den anderen zu berühren, ganz verschwindet, der Sinnenrausch sich rar macht und das Herz sich vor dem Sex zuschließt – dann läuten die Alarmglocken.

„Manchmal hatte ich das Gefühl, dass Bettina im Bett gar nichts mehr von mir wissen will“, sagt Gerold. „Und irgendwann habe ich mir gedacht: Das können ja wohl nicht schon die Wechseljahre sein! Das war’s denn wohl! Ich habe sie fortan in Ruhe gelassen.“

Eine trügerische Ruhe. Denn Psychologen der Universität Gießen stellten in einer Untersuchung eine verblüffende Beziehungsfalle fest: Viele erfahrene Partnerschaften leiden unter dem Vorurteil von Mann und Frau, dass der andere ja gar keinen Sex mehr wolle… In den meisten Fällen ist das ein tragischer Irrtum. Denn Männer wie Frauen bleiben in jedem Alter an Zärtlichkeit und Sex interessiert.

Das Paradox: Der Fluch der großen Nähe

Was viele Partner neben der Routine des Alltags hindert, ihr Gegenüber neu zu entdecken, ist das, was der Philosoph Rabrindranath Tagore „den Vorhang der Nähe“ nannte. Es ist der Mangel an der Überraschung, die anscheinend das Leben miteinander bietet.

Paartherapeuten wissen: Natürlich ist Vertrautheit wichtiger Bestandteil einer Beziehung. Denn Gewohnheit hat natürlich stets auch eine positive Seite in einer
Beziehung: Sie gibt Sicherheit, das Gefühl, sich auf den anderen verlassen zu können.

Die Kehrseite: Was man zu Genüge kennt, kann man nicht mehr herbeiwünschen. Wenn die Spannung nachlässt, wird auch die Sehnsucht, die beide Partner nacheinander verspüren, geringer.

Die Berührungspunkte schwinden dann. So kommt es in vielen Fällen zum Rückzug der Zärtlichkeit. Eheberater halten die Balance zwischen Nähe und Entfernung für eine wichtige Voraussetzung für glückliche Partnerschaft. Paare, die aus beruflichen Gründen häufiger getrennt sind, berichten von der anregenden Wirkung solcher kürzerer Auszeiten.

So erzählen Männer wie Frauen, dass sie auch nach langen Jahren der Beziehung jedes Mal beim Wiedersehen ein frisches Kribbeln im Bauch verspüren – fast so wie beim ersten Rendezvous.

Und noch etwas ist den Psychologen aufgefallen: Paare, die von Anfang an mehr miteinander gesprochen haben, sind zufriedener und bleiben zärtlicher.

Doch bei vielen Partnerschaften versiegt nach fünf bis acht Jahren auch das Gespräch miteinander. Kaum mehr als zehn Minuten am Tag redet ein Ehepaar dann noch durchschnittlich miteinander. Erschreckend – denn ohne Austausch von Worten gibt es keine Nähe, ohne Nähe keine Bereitschaft zur Intimität und zu Zärtlichkeiten. Wer sich im Zwiegespräch mitteilt und zugleich intensiv zuhört, legt die Basis für neue Nähe, aus der sich auch neue Zärtlichkeit entwickeln kann.

Neue Zärtlichkeit miteinander finden: Vier Wege

1. Das Gespräch suchen:

Ob Stress im Beruf, ob das Projekt Hausbau, ob Kummer mit den Kindern: Mann und Frau sollten im Auge behalten, dass sie bei all diesen Problemen immer noch ein Liebespaar sind. Dass sie Zeit brauchen, auch über ihre Sorgen, Freuden, Wünsche und Phantasien zu reden.

Deshalb gilt für Frau wie Mann der Tipp: Am besten immer wieder einmal bewusst aus dem Alltagstrott ausbrechen und einen festen „Zeit-nur-für-uns-zwei-Termin“ pro Woche einplanen – und den dann auch miteinander genießen!

Und was spricht dagegen, mal wieder wie früher etwas spontan zu unternehmen? Nichts! Ein Wochenende im Gebirge, eine Kurzreise nach Paris: Schöne gemeinsame Erlebnisse schaffen auch neue Nähe.

2. Freiräume schaffen:

Wer Tag und Nacht auf engem Raum zusammen ist, wird nach ein paar Jahren nur noch wenig Spannendes am anderen zu entdecken haben.

Deshalb gilt der Grundsatz: Nicht alles im Leben muss ein Paar zusammen unternehmen müssen! Jeder der beiden Partner sollte unabhängig vom anderen seine Freundschaften und die Freiheit genießen können, seine Freundschaften und Hobbys auch mal ohne den anderen pflegen zu können. Er geht am Freitag mit alten Kumpels Fußballspielen? Prima! Sie trifft sich alle 14 Tage mit ihren Freundinnen zur Aqua-Gymnastik? Klasse! Solche Erlebnisse bedeuten ein Stück Weiterentwicklung und sind auch anregend für die Partnerschaft, weil jeder dem anderen etwas Neues zu erzählen hat.

3. Keine falsche Scham zeigen:

Zärtlichkeit, Erotik, Sex – das sind für viele Frauen und Männer kitzelige Themen, über die man sich nicht so recht offen zu reden traut.

Doch gerade diese falsche Scham hindert uns daran, glücklicher und erfüllter damit umzugehen. Denn nur wenn der Partner weiß, was wir mögen und was wir nicht mögen, nur wenn wir ihm in einer nahen Stunde offenbaren, was wir uns immer schon einmal von ihm gewünscht hätten, nur wenn wir den Mund öffnen, öffnen wir auch die Wege zu neuer Zärtlichkeit.

Suchen Sie dafür den richtigen Moment – entspannt auch bei einem schönen Spaziergang. Und stellen Sie fest, wie froh Ihr Partner sein wird, dass Sie das Gespräch eröffnen!

4. Initiative ergreifen:

Es gibt so viele gute Gelegenheiten, dem anderen seine Zuneigung und Zärtlichkeit zu erweisen. Man muss nur die Initiative ergreifen und damit beginnen. Ein zärtlicher Guten-Morgen-Kuss, eine liebe Berührung beim Abschied oder Nachhausekommen, interessiertes Zuhören am Tisch, Einkuscheln vor dem Fernseher, Einhaken beim Spaziergang, Umarmen beim Schlafengehen... Jeder Tag bietet Chancen für die neue Zärtlichkeit. Es lohnt sich!

Das haben auch Bettina und Gerold Köhler erkannt. Geholfen haben ihnen ein paar Stunden Eheberatung. Und die Einsicht, dass sie an ihrem Alltag etwas ändern können. Heute stöpseln sie das Telefon aus, wenn sie etwas zu klären haben oder allein sein wollen. Heute ist nicht mehr das Büro Thema Nummer eins – sondern ihre Gefühle füreinander. „Heute schenken wir uns mehr denn je Zeit für Zärtlichkeit“, sagt Bettina Köhler – und damit für die gegenseitige Gewissheit: Ich liebe dich.

Unser Buchtipp zum Thema Zärtlichkeit:

Experiment Zärtlichkeit

Gerhard Engelsberger
Experiment Zärtlichlichkeit

ISBN 9783920207933

April 2014, 190 Seiten
Klappbroschur
€ 18,95

„Die Welt soll durch Zärtlichkeit gerettet werden.“ (Dostojewskij)

Diese Worte stehen am Beginn des Buches von Gerhard Engelsberger, mit dem der bekannte Autor sich erneut als tiefgründiger Denker und sensibler Prediger offenbart. Ein mutiger Griff nach Zärtlichkeit, Respekt und Aufmerksamkeit in einer sich zunehmend verhärtenden Welt. Was erwartet den Leser? Keine Gefühlsduselei, sondern einen wachsamen, sprachsicheren Autor, der in die Dinge hinein zu blicken vermag. Ein Buch, das in bestem Sinne zu Herzen geht, ein notwendiges Buch.