Christliche Themen für jede Altersgruppe

Die Vielfalt jüdischen Lebens - Festjahr: 1700 jüdisches Leben in Deutschland

In diesem Jahr feiert das ganze Land 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland. Vor allem jüngere Juden verbinden damit die Hoffnung, dass sich der Blick der Nichtjuden weitet. Der verengten Perspektive auf Juden als Opfer sollen viele weitere hinzugefügt werden.

Zum Lichterfest Chanukka strahlt eine Menora, ein mehrarmiger Leuchter, vor dem Brandenburger Tor in Berlin. Foto: picture-allianceZum Lichterfest Chanukka strahlt eine Chanukkia, ein neunarmiger Leuchter, vor dem Brandenburger Tor in Berlin. Foto: picture-alliance

Das römische Reich erlebt unter Konstantin dem Großen eine späte Blüte. Der römische Kaiser, der von 306 bis 337 regiert, führt den christlichen Sonntag als Ruhetag ein. In seinem Reich liegt auch die Provinz Germania inferior mit ihrer Hauptstadt Colonia. Den Kölner Stadtrat weist Konstantin am 11. Dezember 321 per Edikt an, dass Juden öffentliche Ämter ausüben dürfen. Das ist im Codex Theodosianus überliefert. Eine frühmittelalterliche Abschrift befindet sich im Vatikan. Dieses Dokument ist die älteste Urkunde, die jüdisches Leben in Mitteleuropa belegt. Die jüdische Gemeinde Köln veweist stolz darauf, nicht nur die älteste Gemeinde Deutschlands, sondern auch die älteste jüdische Gemeinschaft nördlich der Alpen zu sein.

Jüdisches Leben in Deutschland - Mit einem Edikt fängt alles an

Und so wird in diesem Jahr 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland gefeiert. „Wenn wir auf diese 1700 Jahre zurückblicken, sehen wir, wie prägend jüdisches Leben für die deutsche Kultur war“, sagt Joachim Gerhardt, der zweite Vorsitzende des Vereins „321 – 2021: 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“, der die Feiern organisiert. „Das Festjahr soll die Wertschätzung dafür deutlich machen.“ An dem kulturellen Programm beteiligen sich bundesweit nicht nur Synagogen-Gemeinden, sondern auch Privatinitiativen, Kultureinrichtungen oder Schulen.

Köln setzt mit der Straßenbahn ein Zeichen. Foto: epd-BildKöln setzt mit der Straßenbahn ein Zeichen. Foto: epd-Bild

Wird jüdisches Leben in Deutschland thematisiert, so meist im Zusammenhang mit der Verfolgung während des Nationalsozialismus, aktuell bei antisemitischen Straftaten, Beleidigungen und Anschlägen. Die Täter geben den Anlass, über die Opfer zu berichten. Stacheldraht und Hakenkreuzschmierereien sind gängige Fotomotive. Die historischkulturelle Vielfalt von 1700 Jahren jüdisch-christlicher Geschichte verengt sich in der nichtjüdischen Wahrnehmung auf die Opferrolle. Diese Verengung soll im Festjahr aufgebrochen werden – dauerhaft.

Diesen Artikel jetzt im EVG-ePaper lesen

Gerade jüngeren Jüdinnen und Juden liegt das am Herzen. Der 29-jährige Arkadij Khaet hat einen witzigen und schlagkräftigen Beitrag dazu geleistet: den preisgekrönten 30-minütigen Film „Masel Tov Cocktail“. Darin setzt sich der 16-jährige Dima gegen Zuschreibungen und Beleidigungen zur Wehr. Ein wunderbarer Film für junge und alte Zuschauer.

Als der evangelische Pressedienst jüdische Deutsche zum Jubiläum befragte, antwortete Khaet: „Nach dem Lutherjahr jetzt das Judenjahr. Was für ein Viertel der antisemitisch denkenden Deutschen wie eine Drohung klingen mag, ist eine gut gemeinte Initiative. Aber während jüdische Einwanderinnen und Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion noch immer im Rentenrecht benachteiligt werden und geradewegs in die Altersarmut steuern, klopft Deutschland sich auf die Schulter: für Artenschutz und die stabile Eichentür. Danke Kaiser Konstantin.“

Die 24-jährige Anna Staroleski, Präsidentin der Jüdischen Studierendenunion in Deutschland, sagt: „Jüdisches Leben in Deutschland bedeutet mehr als die Jahre zwischen 1933 und 1945. Wir haben genug vom Opfernarrativ und wollen nicht bloß mit der Shoah und dem Antisemitismus assoziiert werden.“

Ben Salomo, Rapmusiker und Buchautor. Foto: picture-allianceUnd der 1977 geborene Rapmusiker Ben Salomo meint: „Wenn ich an jüdisches Leben in Deutschland denke, fallen mir sofort diese Zeilen aus meinem neuen Song ‚Deduschka‘ ein: ‚Wie viele Mahnmale braucht es noch, bis uns die letzte Träne aus den Augen tropft? Jüdisches Leben? Genau genommen, Synagogen, Museen, wie ausgestopft. Oder hinter schusssicherem Panzerglas, bereit für den Nächsten, der einen Anschlag plant!“ Sein „Deduschka“-Video ist im Internet auf Youtube verfügbar.

 

 

 

 Jüdisches Leben in Deutschland - Ein Festjahr allein reicht nicht

Josef Schuster repräsentiert eine ältere Generation, die erste der nach der Shoah geborenen Juden. Seine Familie stammt väterlicherseits aus Unterfranken, mütterlicherseits aus Oberschlesien. Sie wurde von den Nationalsozialisten aus Deutschland vertrieben und zog nach Palästina. 1956, zwei Jahre nach Josefs Geburt, kehrte sie zurück nach Deutschland. Heute ist Schuster Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland. Er plädiert dafür, sich zu erinnern und zugleich die Vielfalt jüdischen Lebens wahrzunehmen.

In der Wochenzeitung „Jüdische Allgemeine“ schreibt Schuster: „Das Wissen über und die Erinnerung an die Shoah sind immens wichtig. Doch sie müssen verknüpft werden mit Kenntnissen über die jüdische Geschichte seit dem Jahr 321 n.d.Z., über jüdische Religion und Kultur und die jüdische Gegenwart. Nur dann lässt sich auch ermessen, was mit der Shoah zerstört wurde und woran wir heute noch immer nicht vollständig anknüpfen konnten.“

Shelly Kupferberg, Journalistin. Foto: BpbWissen zur jüdischen Lebenswirklichkeit wollen die drei Journalisten Shelly Kupferberg, Miron Tenenberg und Mirna Funk mit ihrem wöchentlichen Podcast vermitteln; ein Podcast ist eine Art Radiobeitrag, den man am Smartphone oder Computer hören kann. Viele Christen interessieren sich für jüdische Religion, sie besuchen Synagogen, erkunden ihre Gemeinden auf jüdischen Spuren. Das Jubiläum bietet die Chance, dass Juden und Nichtjuden einander näher kommen. Aber „bei einem Festjahr darf es nicht bleiben“, sagt Josef Schuster. „Die Bedeutung des Judentums für Deutschland darf nicht 2022 schon wieder in Vergessenheit geraten.“

◼ Der Podcast von Shelly Kupferberg und ihren Kollegen steht im Internet unter www.2021jlid.de

Meinungsumfrage

Wollen Sie die Sommer- oder die Winterzeit behalten, wenn es keine Zeitumstellung mehr gibt?

Ergebnis anzeigen